Gbureks Geld-Geklimper

Der Fluch der Niedrig-, Null-, und Negativzinsen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die Deutschen sparen falsch. Das wird sich rächen, ist aber kein Grund, den Umgang mit eigenem Geld anderen zu überlassen. Vorsicht, die Risiken sind derzeit größer als die Chancen!

Sparbuch Quelle: dpa

Erst die Schweiz, dann Dänemark und Schweden - die Zentralbanken dieser Länder wetteifern um negative Zinsen. Die EZB bleibt im untersten positiven Bereich, was bestenfalls als symbolische Geste zu verstehen ist. Anleger mit viel Geld auf dem laufenden Konto ziehen es ab, um es in den heimischen Tresor oder sonst wohin zu legen. Andere kaufen Gold, sodass die Edelmetallhändler von pro aurum und Degussa ins Schwitzen geraten. Wer genug Geld auf der hohen Kante hat oder wenigstens kreditwürdig ist, investiert es in Immobilien. Derweil büßen Aktien und Aktienfonds weiter an Popularität ein, wie zuletzt das Deutsche Aktieninstitut und der Fondsverband BVI feststellen mussten. Das eigentliche Drama kommt aber erst noch: Im Gefolge von Niedrig-, Null- und Negativzinsen werden Banken, Versicherer und deren Kunden zur Kasse gebeten.

Es beginnt scheinbar ganz harmlos: Einlagen auf laufenden Konten geraten ins Minus – zunächst sehr zur Freude der Banken, die sich dadurch günstiger refinanzieren können. Doch über kurz oder lang ziehen Bankkunden Geld von den Konten ab, mit der Folge, dass die billige Refinanzierung zu Ende geht. Dann müssen Banken ihren Kunden günstige Konditionen anbieten.

Deutsche haben keine Ahnung von Finanzen
Geldanlagen werden nicht hinterfragtObwohl die Zinsen aktuell auf extrem niedrigen Niveau herumkrebsen, hinterfragt die Mehrzahl der deutschen Anleger ihre bestehenden Geldanlagen nicht (69 Prozent). Lediglich 31 Prozent nehmen das Niedrigzinsumfeld zum Anlass, ihre Anlageformen zu überprüfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Union Investment. Analysten der Bank haben das Anlageverhalten der Deutschen im zweiten Quartal des laufenden Jahres untersucht. Quelle: dpa
Desinteresse und mangelnde KenntnisseDie allgemeine Zurückhaltung beruht zum einen auf Desinteresse und zum anderen auf mangelnden Kenntnissen. Nur 19 Prozent der Befragten setzen sich aus eigenem Antrieb mit Finanzangelegenheiten auseinander. Rund 53 Prozent setzen sich überhaupt nicht mit Finanzfragen auseinander. Nur jeder Fünfte glaubt sich mit Geldanlagen gut auszukennen. Satte 39 Prozent halten ihre Finanzkenntnisse für unzureichend. Quelle: dpa
Junge Erwachsene schätzen Kenntnisse am schlechtesten einBesonders schlecht um den Wissensstand in Sachen Geldanlagen steht es bei den jungen Erwachsenen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-jährigen glauben lediglich 14 Prozent über gute Finanzkenntnisse zu verfügen. 59 Prozent halten ihr Wissen für nicht ausreichend. In der höheren Altersgruppe der 40- bis 49-jährigen sieht die Lage nicht viel besser aus. Hier sind nur 16 Prozent davon überzeugt gute Kenntnisse in Finanzfragen zu besitzen. Bei den Menschen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren sind es immerhin 24 Prozent, die glauben, ausreichendes Wissen über Geldanlagen zu haben. Quelle: IMAGO
Je höher das Einkommen, desto mehr Finanzwissen ist laut eigener Einschätzung vorhandenBefragte mit einem monatlichen Einkommen unter 1300 Euro schätzen ihr Finanzwissen besonders schlecht ein. Hier glauben nur drei Prozent über ausreichende Kenntnisse zu verfügen. In der Einkommensklasse über 2300 bis 3100 Euro steigt dieser Wert auf 14 Prozent, bei Menschen mit einem Einkommen über 4100 Euro liegt die Schätzung bei 34 Prozent, „Das Ergebnis der Studie zeigt, wie groß der Nachholbedarf bei diesem wichtigen Thema ist. Selbst unter den lebenserfahrenen älteren Menschen und denjenigen mit höheren Einkommen fühlt sich nur eine Minderheit in Finanzangelegenheiten sattelfest“, sagt Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment. Quelle: dpa
Nur wenige SelbstentscheiderDie fehlenden Finanzkenntnisse sorgen für einen hohen Bedarf an Finanzberatung. 40 Prozent der Deutschen sind laut eigener Aussage bei ihren Anlageentscheidungen auf konkrete Empfehlungen ihres Bankberaters angewiesen. Besonders großen Wert auf die Beratung legen die 20- bis 29-jährigen (47 Prozent). Selbstentscheider hingegen gibt es nur wenige. Nur 33 Prozent der Haushalte investieren genügend Zeit, um eine möglichst treffende Anlageentscheidung zu treffen. Quelle: dpa
BauchgefühlIn erster Linie wollen sich die Deutschen mit ihren Finanzentscheidung wohlfühlen. 71 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen ein gutes Bauchgefühl dabei wichtig ist. „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Bankberatern im Kundengespräch eine bedeutende Aufgabe zukommt. Sie müssen ihren Kunden die Vorteile einer breit gestreuten Geldanlage aufzeigen und Brücken zu chancenreicheren Investments bauen. Nur wer sein Vermögen ausgewogen strukturiert und einschätzbare Risiken eingeht, kann bei langfristig niedrigen Zinsen auskömmliche Erträge erzielen“, erläutert Gay. Quelle: dpa
Starke SicherheitsorientierungIm Vordergrund jeder Entscheidung steht die Sicherheitsorientierung. 63 Prozent der Befragten steht der Aspekt der Sicherheit an erster Stelle. Rund 25 Prozent legen Wert auf größtmögliche Flexibilität der Geldanlage. Nur jeder Zehnte hat hohe Gewinnziele im Blick. Quelle: dpa
Streuung unerwünschtWas für viele Aktienanleger selbstverständlich ist, wird unter vielen Deutschen verschmäht. Die Diversifizierung des Depots halten nur wenige für sinnvoll. Besonders junge Menschen sind kaum daran interessiert einen kleine Teil ihrer Ersparnisse in chancenreichere Anlagen zu investieren. Nur zehn Prozent der Erwachsenen im Alter zwischen 20 bis 29 Jahren streuen ihr Vermögen. „Dabei muss gerade die junge Generation angesichts sinkender Renten in chancenreichere Anlagen, wie beispielsweise Aktien, investieren und von den langfristigen Chancen profitieren. Denn je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch größere Kursrückschläge wieder aufgeholt werden“, erklärt Gay. Quelle: dpa
Tradition wichtiger als ProfitIn Deutschland überwiegt hinsichtlich der Geldanlage die Tradition. Sichere Produkte wie das Sparbuch (73 Prozent), Bausparverträge (54 Prozent) oder Lebensversicherungen (51 Prozent) werden hierzulande besonders stark nachgefragt – und das obwohl sie kaum Profite abwerfen und teilweise real sogar für Verluste sorgen. „Sparer gefährden damit ihren Vermögensaufbau. Denn auch in nächster Zeit ist zu erwarten, dass sich diese Anlageformen bei extrem niedrigen Zinsen inflationsbereinigt nicht mehr lohnen werden. Quelle: gms
Skeptische MarkteinschätzungAngesichts der starken Börsenkurse bleiben die Deutschen gegenüber Aktien skeptisch. Wie im Vorquartal gehen 31 Prozent von gleichbleibenden Börsenkursen aus. Steigende Aktienmärkte erwarten dagegen 24 Prozent. Das sind fünf Prozentpunkte weniger als bei der letzten Erhebung. 25 Prozent gegen mittelfristig von sinken Kursen aus – ein Anstieg um zwei Prozent. Giovanni Gay hält diese Skepsis für unbegründet. „Betrachtet man nur den Kursindex, also den Dax ohne Dividenden, sind wir derzeit mit gut 5138 Punkten noch weit vom historischen Hoch von 6206 Punkten vom 8. März 2000 entfernt. Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18,5 im Vergleich zur damaligen Bewertung von 25,5 zeigt, dass noch Luft nach oben besteht.“ Quelle: IMAGO

Das schmälert ihre Erträge und ruft schließlich die Zentralbanken auf den Plan, die den Banken Geld gegen Nullzinsen zur Verfügung stellen, damit die es mit einem Aufschlag zur Finanzierung von Unternehmen verwenden. Aber die Banken haben kein Interesse daran, weil ihre Gewinnmargen wegen des niedrigen Zinsniveaus uninteressant sind. Stattdessen spielen sie mit dem vielen Geld lieber am Aktienmarkt.

Wo es noch Zinsen gibt
Wer derzeit für ein Jahr lang Geld auf einem Tagesgeldkonto parkt, bekommt durchschnittlich nur 0,54 Prozent Zinsen. Wer also 10.000 Euro auf der hohen Kante hat, hat nach einem Jahr lediglich 54 Euro mehr. (Stand: 12. Mai 2014) Quelle: AP
Die besten Anbieter von Tagesgeldkonten sind derzeit die Renault Bank direkt Tagesgeld mit 1,31 Prozent p.a. und MoneyYou Tagesgeld (1,31 Prozent p.a.). Viel mehr als 1,3 Prozent Prozent Jahreszins sind derzeit aber - unabhängig vom Anbieter - nicht drin. Quelle: Tagesgeldvergleich.net Quelle: Screenshot
Beim Festgeld ist die Verzinsung gut doppelt so hoch. Wer 10.000 für drei Jahre festlegt, bekommt schon zwischen 2,1 und 3,3 Prozent Zinsen. Für ein einjähriges Festgeld bekommen Sparer in Deutschland allerdings maximal 1,7 Prozent Zinsen. Besonders hohe Zinsen bieten Tochtergesellschaften ausländischer Banken. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Im Dezember 2013 hat die Saving­Global GmbH die Onlineplattform Welt­sparen.de gestartet, über die deutsche Sparer Festgeldkonten im Ausland eröffnen können. Die First Investment Bank in Sofia bietet derzeit 2,9 Prozent Zinsen für einjährige Festgeld-Anlagen an, bei einer Laufzeit von 36 Monaten winken 3,3 Prozent. Das Geld wird in Euro angelegt, es gibt also kein Währungsrisiko. Quelle: Screenshot
Künftig sollen auch andere ausländische Banken über die Plattform deutschen Kunden Festgeldkonten anbieten. So soll neben einer italienischen und einer portugiesischen Direktbank auch ein Institut aus Norwegen dazu stoßen, das 2,2 Prozent Zinsen für ein einjähriges Festgeld bei einer Mindestanlage von 15.000 Euro anbietet. Allerdings müssen die Kunden in norwegischen Kronen anlegen. Quelle: dpa
Um ein solches Festgeldkonto eröffnen zu können, müssen Sparer bei Welt­sparen.de Kunde werden, in dem sie online und per Postident-Verfahren ein Konto bei der deutschen MHB Bank eröffnen. Die MHB Bank ist Abrechnungsbank für die Festgeldgeschäfte der Saving­Global und legt das Geld der Sparer bei den ausländischen Partnerbanken an. Sobald das Konto eröffnet ist, können Kunden via Online-Plattform den gewünschten Betrag überweisen. Am Ende der Laufzeit überweist die Partnerbank das Geld mit Zinsen auf das Weltsparkonto bei der MHB Bank zurück. Quelle: Screenshot
Die Kontoführung ist für Kunden der MHB Bank kostenlos. Saving-Global und MHB verdienen an einer Vermittlungsgebühr von den ausländischen Partnerbanken. Wie hoch diese Provision ist, lässt sich nur schätzen. So bekommen beispielsweise bulgarische Kunden bei der Fibank für ein einjähriges Festgeld in Höhe von 10.000 Euro 4,15 Prozent Zinsen, Deutsche dagegen 2,9 Prozent. Die Differenz dürfte der Vermittlungsgebühr entsprechen. Quelle: dpa
Was die Sicherheit der Kunden anbelangt, müssen alle Partnerbanken der Saving­Global einen EU-Pass "zur Erbringung von grenzüberschreitenden Dienstleistungen" besitzen und ihr Angebot für deutsche Sparer bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) registrieren. Die Spareinlagen der europäischen Banken sind bis zu 100.000 Euro Guthaben pro Sparer und Bank gesetzlich garantiert. Kann die jeweilige Bank nicht zahlen, muss also der Staat einspringen. Quelle: dpa
Wem das dennoch zu riskant ist, der kann es mit Anleihen großer europäischer Unternehmen versuchen. So lockt beispielsweise ThyssenKrupp mit 2,5 Prozent Rendite für Anleihen, die bis 2019 laufen (Wertpapierkennnummer: A1R041). Quelle: dpa

Weniger Geld fürs Alter

Das extrem niedrige und in einigen Ländern bereits negative Zinsniveau wirkt sich natürlich auch auf Anleger aus, die ihr Geld einem Versicherer, einer Pensionskasse oder einem berufsständischen Versorgungswerk anvertraut haben, um im Alter keine finanziellen Sorgen zu haben. Wenn sie sich da mal nicht täuschen: Weil die drei Geldverwalter-Gruppen ganz überwiegend in zinsabhängigen Anlagen wie Anleihen, Schuldscheinen und Darlehen investiert sind, hängt ihr Erfolg vom Zinsniveau ab. Mit der Folge, dass ihre fürs Alter vorsorgenden Kunden später weniger ausgezahlt bekommen, als ihnen anfangs versprochen wurde.

Es kann sogar noch schlimmer kommen, etwa dann, wenn zum Beispiel immer mehr Altkunden von Lebensversicherern mit Ablaufleistungen in ferner Zukunft ihre laufenden Zahlungen stoppen und Neukunden kaum mehr aufzutreiben sind. Gleichzeitig muss für Kunden, deren Ablaufleistungen in nächster Zeit bevorstehen, ein Kapitalstock vorhanden sein. Reicht er nicht aus, heißt es für die Versicherer, Anleihen und andere börsengängige Papiere zu verkaufen und zu hoffen, dass es wegen eines zu hohen Bestands an nicht börsengängigen Papieren zu keiner Illiquidität kommt.

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