Gbureks Geld-Geklimper

Die Freiheitsberaubung der Anleger

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Keine Geldanlage ist sicher; daran kann man sich gewöhnen. Schlimm wird es allerdings, wenn Anleger zu Geldgeschäften mit garantierter Unsicherheit verführt werden.

Deutsche haben keine Ahnung von Finanzen
Geldanlagen werden nicht hinterfragtObwohl die Zinsen aktuell auf extrem niedrigen Niveau herumkrebsen, hinterfragt die Mehrzahl der deutschen Anleger ihre bestehenden Geldanlagen nicht (69 Prozent). Lediglich 31 Prozent nehmen das Niedrigzinsumfeld zum Anlass, ihre Anlageformen zu überprüfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Union Investment. Analysten der Bank haben das Anlageverhalten der Deutschen im zweiten Quartal des laufenden Jahres untersucht. Quelle: dpa
Desinteresse und mangelnde KenntnisseDie allgemeine Zurückhaltung beruht zum einen auf Desinteresse und zum anderen auf mangelnden Kenntnissen. Nur 19 Prozent der Befragten setzen sich aus eigenem Antrieb mit Finanzangelegenheiten auseinander. Rund 53 Prozent setzen sich überhaupt nicht mit Finanzfragen auseinander. Nur jeder Fünfte glaubt sich mit Geldanlagen gut auszukennen. Satte 39 Prozent halten ihre Finanzkenntnisse für unzureichend. Quelle: dpa
Junge Erwachsene schätzen Kenntnisse am schlechtesten einBesonders schlecht um den Wissensstand in Sachen Geldanlagen steht es bei den jungen Erwachsenen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-jährigen glauben lediglich 14 Prozent über gute Finanzkenntnisse zu verfügen. 59 Prozent halten ihr Wissen für nicht ausreichend. In der höheren Altersgruppe der 40- bis 49-jährigen sieht die Lage nicht viel besser aus. Hier sind nur 16 Prozent davon überzeugt gute Kenntnisse in Finanzfragen zu besitzen. Bei den Menschen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren sind es immerhin 24 Prozent, die glauben, ausreichendes Wissen über Geldanlagen zu haben. Quelle: IMAGO
Je höher das Einkommen, desto mehr Finanzwissen ist laut eigener Einschätzung vorhandenBefragte mit einem monatlichen Einkommen unter 1300 Euro schätzen ihr Finanzwissen besonders schlecht ein. Hier glauben nur drei Prozent über ausreichende Kenntnisse zu verfügen. In der Einkommensklasse über 2300 bis 3100 Euro steigt dieser Wert auf 14 Prozent, bei Menschen mit einem Einkommen über 4100 Euro liegt die Schätzung bei 34 Prozent, „Das Ergebnis der Studie zeigt, wie groß der Nachholbedarf bei diesem wichtigen Thema ist. Selbst unter den lebenserfahrenen älteren Menschen und denjenigen mit höheren Einkommen fühlt sich nur eine Minderheit in Finanzangelegenheiten sattelfest“, sagt Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment. Quelle: dpa
Nur wenige SelbstentscheiderDie fehlenden Finanzkenntnisse sorgen für einen hohen Bedarf an Finanzberatung. 40 Prozent der Deutschen sind laut eigener Aussage bei ihren Anlageentscheidungen auf konkrete Empfehlungen ihres Bankberaters angewiesen. Besonders großen Wert auf die Beratung legen die 20- bis 29-jährigen (47 Prozent). Selbstentscheider hingegen gibt es nur wenige. Nur 33 Prozent der Haushalte investieren genügend Zeit, um eine möglichst treffende Anlageentscheidung zu treffen. Quelle: dpa
BauchgefühlIn erster Linie wollen sich die Deutschen mit ihren Finanzentscheidung wohlfühlen. 71 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen ein gutes Bauchgefühl dabei wichtig ist. „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Bankberatern im Kundengespräch eine bedeutende Aufgabe zukommt. Sie müssen ihren Kunden die Vorteile einer breit gestreuten Geldanlage aufzeigen und Brücken zu chancenreicheren Investments bauen. Nur wer sein Vermögen ausgewogen strukturiert und einschätzbare Risiken eingeht, kann bei langfristig niedrigen Zinsen auskömmliche Erträge erzielen“, erläutert Gay. Quelle: dpa
Starke SicherheitsorientierungIm Vordergrund jeder Entscheidung steht die Sicherheitsorientierung. 63 Prozent der Befragten steht der Aspekt der Sicherheit an erster Stelle. Rund 25 Prozent legen Wert auf größtmögliche Flexibilität der Geldanlage. Nur jeder Zehnte hat hohe Gewinnziele im Blick. Quelle: dpa
Streuung unerwünschtWas für viele Aktienanleger selbstverständlich ist, wird unter vielen Deutschen verschmäht. Die Diversifizierung des Depots halten nur wenige für sinnvoll. Besonders junge Menschen sind kaum daran interessiert einen kleine Teil ihrer Ersparnisse in chancenreichere Anlagen zu investieren. Nur zehn Prozent der Erwachsenen im Alter zwischen 20 bis 29 Jahren streuen ihr Vermögen. „Dabei muss gerade die junge Generation angesichts sinkender Renten in chancenreichere Anlagen, wie beispielsweise Aktien, investieren und von den langfristigen Chancen profitieren. Denn je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch größere Kursrückschläge wieder aufgeholt werden“, erklärt Gay. Quelle: dpa
Tradition wichtiger als ProfitIn Deutschland überwiegt hinsichtlich der Geldanlage die Tradition. Sichere Produkte wie das Sparbuch (73 Prozent), Bausparverträge (54 Prozent) oder Lebensversicherungen (51 Prozent) werden hierzulande besonders stark nachgefragt – und das obwohl sie kaum Profite abwerfen und teilweise real sogar für Verluste sorgen. „Sparer gefährden damit ihren Vermögensaufbau. Denn auch in nächster Zeit ist zu erwarten, dass sich diese Anlageformen bei extrem niedrigen Zinsen inflationsbereinigt nicht mehr lohnen werden. Quelle: gms
Skeptische MarkteinschätzungAngesichts der starken Börsenkurse bleiben die Deutschen gegenüber Aktien skeptisch. Wie im Vorquartal gehen 31 Prozent von gleichbleibenden Börsenkursen aus. Steigende Aktienmärkte erwarten dagegen 24 Prozent. Das sind fünf Prozentpunkte weniger als bei der letzten Erhebung. 25 Prozent gegen mittelfristig von sinken Kursen aus – ein Anstieg um zwei Prozent. Giovanni Gay hält diese Skepsis für unbegründet. „Betrachtet man nur den Kursindex, also den Dax ohne Dividenden, sind wir derzeit mit gut 5138 Punkten noch weit vom historischen Hoch von 6206 Punkten vom 8. März 2000 entfernt. Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18,5 im Vergleich zur damaligen Bewertung von 25,5 zeigt, dass noch Luft nach oben besteht.“ Quelle: IMAGO

Deutsche Anleger mögen es sicher. Oder treffender formuliert: Sie bevorzugen Anlagen, die ihnen Sicherheit vorspiegeln. Zum Beispiel Immobilien. Oder Lebensver“sicher“ungen, wenn auch mit abnehmender Tendenz. Nicht zu vergessen alles, was sich irgendwie fest zu verzinsen scheint, von Tages- und Festgeld - mit eingebauter Einlagen“sicher“ung bis 100.000 Euro pro Anleger und Bank - bis zu Bundes- und Unternehmensanleihen.

Doch es wird allerhöchste Zeit, eine solche Art von „Sicherheit“ zu hinterfragen, bevor es dafür zu spät ist. Dies umso mehr, als der Bund Future zuletzt die Rekordmarke von 150 Punkten übersprungen hat. Dieser Terminkontrakt gilt als Seismograph für die Beliebtheit und damit „Sicherheit“ von Bundesanleihen. Und das, obwohl der Rekord äußerst fragwürdig ist.

So sieht die Geldanlage der Deutschen aus

Nehmen wir uns also zuallererst Bundesanleihen vor, die Geldanlage, der eine Art Staatsgarantie anzuheften scheint. Bundesanleihen genießen international das von Ratingagenturen vergebene Gütesiegel AAA. Lassen wir beiseite, dass dieselben Agenturen noch vor wenigen Jahren sogar Anleihenschrott mit AAA bewertet haben und dass ihre Bewertungen deshalb nicht immer ernst zu nehmen sind, bleibt immerhin kritisch anzumerken, dass die Renditen der Anleihen des Bundes nach Abzug der Geldentwertung (zuletzt 0,5 Prozent) unabhängig von der Laufzeit dahinschmelzen wie Schnee in der Augustsonne.

Eine perfide Klausel

Wenn es nur dabei bliebe, könnte man sich zumindest damit trösten, dass Bundesanleihen ein passabler Ersatz für Tages- oder Festgeld sind, und das sogar ohne Begrenzung auf 100.000 Euro. Da gibt es allerdings noch zwei Punkte, über die man sich zunehmend Gedanken machen sollte: Zum einen die hier schon mehrfach – zuletzt in der vergangenen Woche - beschriebene kalte Enteignung, indem Geld permanent entwertet wird, und sei es durch die nicht eben hohe offizielle – für den Warenkorb der meisten Bundesbürger unrealistische – Inflationsrate von aktuell 0,5 Prozent. Zum anderen eine seit Anfang 2013 geltende, aus Anlegersicht perfide Klausel mit der unverfänglichen Bezeichnung „Collective Action Clause“.

Diese Regeln sollten Sie bei Ihrer Geldanlage beachten

Wenden wir uns kurz dieser Klausel zu: Ihr zufolge dürfen Staaten als Schuldner zusammen mit der Mehrheit der Gläubiger auskungeln, dass die Konditionen sämtlicher seit Anfang 2013 in der EU begebenen Staatsanleihen für alle Gläubiger verbindlich geändert werden. Kurzum, ohne dass die Minderheit der Gläubiger mitzubestimmen hat, dürfen Zinsen für die betreffenden Anleihen herabgesetzt und/oder deren Laufzeiten verlängert werden. Zwar trägt die Masse der Staatsanleihen noch Ausgabedaten aus der Zeit vor dem Jahr 2013; aber weil lange Laufzeiten eher die Ausnahme als die Regel sind – man denke nur an die von Euroländern aus dem Süden emittierten Kurzläufer -, werden die Konditionen der Anleihenmasse sich während der kommenden Jahre immer mehr in Richtung Collective Action Clause bewegen.

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