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Gbureks Geld-Geklimper

Die zerstörerische Kraft der Zinsen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die negativen Folgen der niedrigen Zinsen zeichnen sich immer deutlicher ab. Die weitere Entwicklung ist bereits programmiert.

Sparschweine Quelle: dpa

Was die Zukunft bringt, ist bekanntlich nicht vorhersehbar. Hier und da aber doch. Das zeigt sich besonders deutlich an den Folgen der niedrigen Zinsen. Markantes Beispiel: Die auf allerlei festverzinslichen Wertpapieren basierenden Kapitallebensversicherungen werden ihre Anleger bitter enttäuschen, ihre Ablaufleistungen werden schrumpfen.

Ähnliches gilt für vergleichbare Varianten der Riester-Rente. Bei den entsprechenden Anlegern müssten eigentlich längst alle Warnlampen angegangen sein. Doch die Versicherungsbranche ist nach allen Kräften bemüht, das Thema herunter zu kochen.

Geld bringt Zinsen, haben wir seit jeher eingetrichtert bekommen. Spätestens seit 2014 wissen wir, dass es sogar negative Zinsen bringen kann. Beruhigen Sie sich, es handelt sich nur um ein weiteres Experiment, initiiert von hoffnungslos überforderten Geldpolitikern und in die Tat umgesetzt von orientierungslosen Bankern.

So sparen die Deutschen
65 Prozent aller Westdeutschen sparen regelmäßig, im Osten sind es dagegen nur 56 Prozent Quelle: dpa
56 Prozent aller alleinstehenden Deutschen sparen regelmäßig Quelle: dpa
Die finanzielle Bildung hängt offenbar nicht mit der schulischen Bildung zusammen Quelle: dpa
Die Sparsituation hängt in Deutschland stark von der beruflichen Situation ab Quelle: dpa
Wer mehr verdient, der spart auch mehr Quelle: dpa
Wo wird fleißiger gespart: In Großstädten oder auf dem Land? Quelle: dpa/dpaweb
Bei den Bundesländern ist Bayern das Land der Sparer Quelle: dpa

Nehmen Sie den Zins einfach als das, was er Ihnen persönlich bedeutet: Ertrag für den Einsatz Ihres Geldes. Nur nebenbei sei erwähnt, dass es Tausende von Büchern mit ebenso vielen Zinstheorien gibt. Aus einem der besten, „Eigentum, Zins und Geld“ von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, sei hier ein bemerkenswertes Fazit zitiert: „Da bisher nicht verstanden worden ist, warum es zum Wirtschaften kommt, enden alle Versuche zur Erklärung des Zinses im 'Chaos der Zinstheorien'“.

Deutsche Anleger sind zinsgläubig

Falls Sie Ihr Geld auf dem Tages- oder Festgeldkonto belassen, handelt es sich beim Zins nur um Schmerzensgeld, dessen Höhe in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen hat. Nicht so, falls Sie Bundesanleihen gekauft haben. Deren Zinsen haben zwar auch ein Tief erreicht, aber ihre Kurse sind gerade deshalb so kräftig gestiegen, dass unter dem Strich ein hoher Gewinn übrig geblieben ist. Ich habe allerdings niemanden kennengelernt, der davon durchgehend profitiert hat.

Deutsche Anleger sind besonders zinsgläubig. Sie vertrauen einer Prozentzahl mehr als ihrem gesunden Menschenverstand. Das mag angehen, falls sie sich auf das günstigste Tagesgeldangebot einer Bank stürzen, deren gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro pro Person gewährleistet wird. Doch was soll es am Ende bringen, wenn Anleger den Vertrag über eine viele Jahre laufende Kapitallebensversicherung mit läppischen 1,25 Prozent Garantiezins abschließen, und das nur auf den Sparanteil?

Geradezu mulmig sollte es den Anlegern schließlich werden, wenn ihre Bank ihnen zum Kauf von Unternehmensanleihen mit etwas höherer laufender Verzinsung rät, aber ohne Bewertung durch eine Ratingagentur und ohne ausreichenden Börsenhandel.

Aktien werden diskriminiert

Sind Dividenden auch eine Art von Zinsen? Es handelt sich ja um Erträge aus Aktien. Doch Dividenden können je nach der Entwicklung der Unternehmensgewinne schwanken oder sogar ganz ausbleiben. Will man sie mit Zinsen vergleichen, geschieht das gewöhnlich mittels einer Kennzahl namens Dividendenrendite.

Das heißt, Dividende je Aktie mal hundert und das Ganze geteilt durch den Kurs. Wir haben also gleich zwei Variablen vor uns: Dividende und Kurs. Ein Vergleich mit Zinsen von Tagesgeldkonten oder Bundesanleihen ist folglich nur bedingt möglich.

Dividenden werden einen Tag nach der ordentlichen Hauptversammlung vom Kurs abgeschlagen. Das führt für Aktionäre erst mal zu einem rechnerischen Verlust. Obendrein werden Dividenden mit 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer belastet.

Mit Niedrigzinsen zum Eigenheim

Diese mittelbare Diskriminierung der Aktien hat uns die frühere Große Koalition eingebrockt. Wirksam ist die Abgeltungsteuer seit 2009. Aktionären gereicht die Dividende nicht unbedingt zur hellen Freude. Zum Trost sei allerdings hinzugefügt, dass der Dividendenabschlag bei halbwegs freundlicher Börse irgendwann wettgemacht wird, weil Unternehmen ja weiter wirtschaften und hoffentlich Gewinne erzielen, aus denen auch die nächste Dividende gezahlt werden kann.

Wer individuell fürs Alter vorsorgt, wird bestraft

Politiker, speziell aus Kreisen der SPD, möchten die Abgeltungsteuer am liebsten gegen die Besteuerung mit dem persönlichen Steuersatz tauschen. Sie argumentieren: Reiche Anleger mit Steuersätzen weit über 25 Prozent würden bevorzugt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Mit Einführung der Abgeltungsteuer wurde ein wichtiges Privileg der Aktionäre gekippt: die Steuerfreiheit von Kursgewinnen nach einem Jahr Haltedauer.

Wer seit 2009 Aktien oder andere Wertpapiere gekauft hat, muss also neben Dividenden und Zinsen auch realisierte Kursgewinne versteuern. Wer seitdem individuell mit Aktien, Anleihen, Fonds und sonstigen Wertpapieren fürs Alter vorsorgt, wird also bestraft.

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Auf der anderen Seite halten Politiker verschiedener Couleur die Fahne der kollektiven Altersvorsorge hoch, etwa mit der Riester-Rente, einem bürokratischen Monster sondergleichen, das von der Finanzbranche und ihren Verkäufern gern als Türöffner genutzt wird. Nach dem Motto: Der Staat schenkt Ihnen was, lassen Sie sich dazu von uns beraten. Verraten wäre treffender.
Die DZ Bank hat neulich ermittelt, dass jeder Deutsche von 2010 bis 2014 im Durchschnitt etwa 1400 Euro an Zinsverlusten erlitt. Sie summierten sich auf etwas mehr als 112 Milliarden Euro. Solange die Phase der niedrigen Zinsen anhält, ist der Anstieg dieser Summe programmiert.

Das ist, wenn man so will, auf dem Umweg über die ultralockere EZB-Geldpolitik die Rache aller Europäer, die bislang nicht gespart, sondern lieber in den Tag hinein gelebt haben, an den deutschen Sparern. Auch eine weitere Entwicklung ist programmiert.

Der Feri-Anlagestratege Heinz-Werner Rapp beschreibt sie so: „Wir beobachten wegen der Notenbankpolitik deutliche Fehlallokationen bei Investitionen. Die stetige Liquiditätszufuhr birgt die Gefahr, dass sich dadurch Blasen bilden können.“ Na denn, auf in die programmierte Zukunft!

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