Gbureks Geld-Geklimper

Enteignung hat viele Facetten

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Üblicherweise verbindet man die Enteignung mit totalitären Staaten. Doch faktisch findet sie auch bei uns statt – sogar auf vielfältige Weise und meistens so schleichend, dass Anleger zu spät reagieren.

Blick in eine Geldbörse mit Euro-Münzen Quelle: dpa

Das Thema hat es in sich: Enteignung. Es entzündet sich gerade wieder an einer Bemerkung von Bundesbank-Chef Jens Weidmann im Interview mit dem Sender Phoenix, wonach Phasen negativer realer Verzinsung halt immer wieder vorkämen. Im Übrigen könnten sich Eigentümer von Immobilien über günstige Finanzierungskonditionen und Arbeitnehmer darüber freuen, dass Unternehmen sehr günstig an Kapital kämen.

„Die Bürger sind ja nicht nur Sparer, sondern haben verschiedene Hüte auf“, greift Weidmann schließlich zur Bildersprache. Wenn er sich da mal nicht vergriffen hat.

Nehmen wir einige Zahlen aus einer kürzlich erschienenen Studie der Allianz. Danach erreichten die Zinsverluste deutscher Haushalte unter dem Strich allein im vergangenen Jahr 5,4 Milliarden Euro, entsprechend 67,62 Euro pro Kopf; im laufenden Jahr drohen daraus fast 5,8 Milliarden Euro oder 71,65 Euro pro Kopf zu werden. Und noch zwei Zahlen, die das ganze Grauen der Enteignung besonders deutlich werden lassen: Die Zinsverluste von 2009 bis 2014 erreichen gemäß Allianz insgesamt knapp 21 Milliarden Euro und pro Kopf 259,28 Euro. Hüte hin oder her, in Anbetracht solcher Daten muss man dem DSGV-Präsidenten Georg Fahrenschon nachträglich danken, dass er der EZB bereits vor Monaten vorwarf, deutsche Sparer zu enteignen.

Privates Vermögen soll verstaatlicht werden

Allein von 2012 bis 2013 haben sich die Zinsverluste deutscher Haushalte fast verdoppelt. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Zinsen für Einlagen stark gesunken sind, während die Bauzinsen nur noch recht wenig nachgegeben haben. Die Allianz-Prognose für 2014 lässt nicht erwarten, dass sich an diesem Missverhältnis so schnell etwas ändern wird. Das dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass die Baufinanzierung in Zeiten eines Immobilienbooms, wie wir ihn derzeit erleben, erfahrungsgemäß eher teurer wird, auch wenn die Einlagenzinsen sich kaum vom Fleck bewegen.

Vielen Deutschen droht die Altersarmut
Die Ergebnisse einer neuen Studie besorgniserregend. Es droht eine riesige Versorgungslücke und vielen Bürgern eine akute Altersarmut. Den künftigen Rentnern ist dies zwar durchaus bewusst, allerdings tun sie kaum etwas dagegen. Im Gegenteil: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die Altersvorsorge komplett zu ignorieren. Das zeigt die Studie „Altersvorsorgereport: Deutschland 2014“ der Sparda-Bank in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jens Kleine vom Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule. Sie gibt einen umfassenden Überblick zum deutschen Altersvorsorgemarkt vorgelegt. Quelle: IMAGO
Das private Vorsorgeverhalten lässt in Deutschland zu wünschen übrig. Die Mehrheit der Bürger will den gegenwärtigen Lebensstandard nicht für die Altersvorsorge einschränken. Dadurch entsteht laut den Berechnungen der Experten eine Versorgungslücke von mehr als 27.000 Euro. Neben einer möglichen Altersarmut des Einzelnen droht in der Gesellschaft ein Generationenkonflikt beim Streit um die Höhe der staatlichen Rente. Quelle: IMAGO
Verantwortlich für die Versorgungslücke sind neben dem Lebensstandard zu geringe finanzielle Möglichkeiten. Rund 75 Prozent der Deutschen fehlt schlichtweg das Geld, um privat vorzusorgen. Besonders betroffen sind dabei die Arbeiter. In dieser Berufsgruppe verfügen nur 19 Prozent über ausreichende finanzielle Spielräume für die private Altersvorsorge. Quelle: IMAGO
Diese Vorsorgeproblematik hat zur Folge, dass die ohnehin schon in der Gesellschaft bestehende Schere zwischen Arm und Reich im Alter noch größer wird. Menschen mit ausreichender Kapitalausstattung sind nämlich in der Lage zusätzlich 325 Euro in die private Altersvorsorge zu stecken. „ Das soziale Ungleichgewicht wird sich im Alter weiter verschärfen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird im Alter gut leben können, wohingegen ein wesentlich größerer Teil mit Einschränkungen oder gar Altersarmut zu kämpfen haben wird“, so Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg. Quelle: IMAGO
Trotz dieser möglichen Scherenbildung herrscht insgesamt nur geringes Interesse für Altersvorsorge-Themen. Viele haken das Thema komplett ab – und das obwohl 82 Prozent der Befragten bewusst ist, dass eine rechtzeitige private Altersvorsorge notwendig ist, wenn der bestehende Lebensstandard im Alter fortgesetzt werden soll. Quelle: IMAGO
Neben dem Desinteresse spiegelte sich bei den Befragten auch Unkenntnis wider. Die Studie ergab, dass rund 73 Prozent der Bürger zwar von zu niedrigen Rentenansprüchen ausgeht, allerdings kennen auch weniger als die Hälfte deren tatsächliche Höhe. 50 Prozent der Deutschen hat zudem Angst im Alter vom Existenzminimum leben zu müssen. Vor allem junge Menschen treibt diese Angst um – was Wings zufolge ein gutes Ergebnis ist: „Dass die jungen Menschen die Bedeutung der Altersvorsorge erkannt haben, ist ein äußerst positives Zeichen. Sie haben jedenfalls vom Alter her noch Möglichkeiten, um ausreichend vorzusorgen.“ Quelle: IMAGO
Die Versorgungslücke von 27.000 Euro ergibt sich durch die Berechnung des durchschnittlichen Sparverhaltens. So wollen die Befragten bei Renteneintritt circa 96.000 Euro angespart haben. Doch hierfür legen die Bürger in einem Zeitraum von 21 Jahren im Monat lediglich 179 Euro im Monat zur Seite. Die Experten der Studie haben außerdem mit einem recht hohen Zinssatz von vier Prozent gerechnet. Alles zusammengerechnet – die Sparquote und der durchschnittliche Zinssatz – ergeben statt der anvisierten 96.000 nur 69.000 Euro. Quelle: IMAGO

Dass dies der Bundesbank offenbar nur allzu recht ist, hat sie schon im Januar deutlich gemacht, als sie feststellte, dass „auch vorhandenes privates Vermögen dazu beitragen kann, eine staatliche Insolvenz abzuwenden“. Es ist sicher kein Zufall, dass der Internationale Währungsfonds bloß drei Monate zuvor eine Vermögensabgabe gefordert hatte, damit Staatsschulden gesenkt werden. Damit hatte er speziell auf den Euroraum gezielt. Warum, wird sein Geheimnis bleiben. Wenigstens ließ er durchblicken, dass Staatsschulden gestrichen werden sollen, wenn sie nicht mehr tragbar sind. Und wer stellt fest, wann dieser Zustand erreicht ist? Nach eigenem Bekunden der Währungsfonds. Bleibt nur noch anzumerken, dass er wegen der Sperrminorität der USA zwangsläufig amerikanische Interessen vertritt.

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