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Gbureks Geld-Geklimper

Geschäftsberichte zwischen Dichtung und Wahrheit

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

An den zu dicken Büchern mit mehreren hundert Seiten auswuchernden Geschäftsberichten kommt kein Aktionär vorbei. Wer ihre Lektüre mit der Interpretation von Kurskurven verknüpft, kann als Anleger sogar besonders erfolgreich sein.

Robert Halver dax Quelle: dapd

Wer sich mit Aktien beschäftigt, unterscheidet traditionell zwischen fundamentaler und technischer Analyse. Im ersten Fall geht es vor allem um die Kunst, aus Geschäftsberichten mit mehreren hundert Seiten Umfang die Wahrheit herauszufiltern, im zweiten Fall um die Interpretation von Kurskurven. Beide Aufgaben können nicht nur private Anleger mit wenig Börsenerfahrung zur Verzweiflung treiben, sondern auch erfahrene Analysten. Warum, liegt auf der Hand: Geschäftsberichte geben längst nicht alle Geheimnisse von Unternehmen preis; und Kurskurven zeigen zwar bestimmte Verhaltensmuster von Anlegern aus der Vergangenheit, verraten aber höchstens ganz erfahrenen Kurvendeutern etwas über möglichen Entwicklungen in der Zukunft.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

An diesem Mittwoch versuchte das Forschungsteam um den Münsterschen Professor Jörg Baetge auf Einladung des Deutschen Aktieninstituts, den Geschäftsberichten wenigstens ein paar  Geheimnisse zu entlocken. Dabei verwünschte Baetge die vielen verwirrenden Vorschriften, die inzwischen von den Oberbuchhaltern der Nation einzuhalten sind und so seltsame Namen tragen wie BilReG (erweiterte Risiko- und Prognoseberichterstattung), TUG (Bilanzeid im Konzernlagebericht) oder ÜRUG (übernahmespezifische Informationen für Muttergesellschaften).

Umgang mit Brandbeschleunigern

Wenn es allein dabei bliebe. Bleibt es aber nicht. So machte der Professor seinem Herzen Luft, als er die Versuche der Bankenlobby, im Bundesjustizministerium besonders günstige Rechnungslegungsstandards für sich auszuhandeln, einen „Skandal erster Ordnung“ nannte. Außerdem bemängelte er, dass Schönfärberei über den Bankensektor hinaus an der Tagesordnung sei, und nannte dazu gleich ein markantes Beispiel: „Eigenkapitalquoten werden durch Financial Engineering nach oben manipuliert.“

Drei Aktientipps für vorsichtige Anleger
E.On - Aktie wieder unter StromAls größter Kernkraft-Nutzer hat E.On besonders unter der Energiewende gelitten. E.On hat aber auch mehr und konsequenter als die Konkurrenten RWE und Vattenfall in Erneuerbare investiert, was sich langfristig auszahlen dürfte. Außerdem hat E.On die Krise genutzt, um sich von schwach rentablen Beteiligungen zu trennen, und hat Schulden abgebaut. Quelle: Bloomberg Quelle: dpa
Ein Joker könnte das Geschäft mit Flüssiggas werden, das die E.On-Tochter Ruhrgas ausbaut. Dem flüssigen Brennstoff gehört nach Meinung von Versorgungsexperten die Zukunft. Umsatz 2012 (in Mrd. €): 111,5 Kurs/ Stoppkurs (in €): 18,76/ 16,30 Börsenwert (in Mrd. €): 37,5 Dividendenrendite (in %): 5,3 KGV 2012/ 2013: 8,7/ 10,4 Chance/Risiko: 5/4 Stand: 4. Oktober 2012
Deutsche Telekom - Rendite bleibt attraktivZwar läuft das Stammgeschäft (Deutschland) schleppend, doch zeichnet sich im Ausland Besserung ab. Die Mobilfunk-Tochter T-Mobile USA soll mit Konkurrent Metro PCS fusionieren. Der Markt senkte darüber erst mal den Daumen: zu klein, zu teuer. Doch langfristige Synergien werden unterschätzt. Das neue Unternehmen wäre immerhin fast so groß wie die Nummer drei im US-Markt (Sprint). Quelle: dapd
Das Versprechen der Deutschen Telekom, die Dividende nicht zu kürzen, läuft zwar 2013 aus; doch mehr als fünf Prozent Rendite sind auch in den kommenden Jahren drin. Umsatz 2012 (in Mrd. €): 58,1 Kurs/ Stoppkurs (in €): 9,61/ 8,20 Börsenwert (in Mrd. €): 41,5 Dividendenrendite (in %): 7,3 KGV 2012/ 2013: 15,2/ 15,0 Chance/Risiko: 6/5 Stand: 4. Oktober 2012
K+S - Teuer, aber gutSicher, es gibt günstiger bewertete Aktien im Dax. Doch wer K+S nur nach Kurs- Umsatz und KGV bewertet, springt zu kurz. Beim einzigen deutschen Rohstoffkonzern müssen auch die Reserven in die Betrachtung mit einfließen. Und davon hat K+S eine Menge, sie dürften noch bis Ende des Jahrhunderts reichen. Quelle: AP
K+S In Kanada sollen neue Vorkommen von 160 Millionen Tonnen Kali erschlossen werden, dem wichtigsten Grundstoff für Dünger. Die Düngernachfrage steigt weiter, weil Ackerland knapper wird, die Weltbevölkerung aber wächst. Umsatz 2012 (in Mrd. €): 4,2 Kurs/ Stoppkurs (in €): 39,46/ 31,30 Börsenwert (in Mrd. €): 7,6 Dividendenrendite (in %): 3,3 KGV 2012/ 2013: 12,3/ 11,1 Chance/Risiko: 6/5 4. Oktober 2012

Da fragen sich private Anleger zu Recht, was ihnen die Lektüre von Geschäftsberichten überhaupt noch bringt. Eine berechtigte Frage. Doch bevor sie andere Informationsquellen anzapfen, sollten sie bedenken: Bei allem Durcheinander, das die Bilanzierung nach IFRS (International Financial Reporting Standards) in den vergangenen Jahren mit sich gebracht hat, ist es Anlegern mittlerweile möglich, Zeitreihen aufzustellen und wenigstens daraus Schlüsse zu ziehen. Wobei sie allerdings bedenken müssen, dass IFRS-Vorschriften „Brandbeschleuniger“ sind. Als solche hat sie jedenfalls schon vor Jahren Karlheinz Küting bezeichnet, das Urgestein unter den Bilanzprofessoren.

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