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Gbureks Geld-Geklimper Gewinne und Dividenden mit Schönheitsfehlern

Die Aktienkurse stehen dank der sehr lockeren Geldpolitik oben. Anleger sind gut beraten, sich schon jetzt Gedanken über weitere Einflussfaktoren zu machen.

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Börsenhändler auf dem Parkett der Börse in Frankfurt am Main Quelle: dpa

Es gibt Anleger, die gerade jetzt, zur Dividendensaison, Stein und Bein auf die Dividendenrendite schwören, also auf die Formel: Ausschüttung je Aktie dividiert durch den Kurs und das Ergebnis mal 100. Heraus kommt dann in der Regel eine Zahl zwischen zwei und drei.

Das ist mehr als das Zehnfache von dem, was zehnjährige Bundesanleihen an Rendite abwerfen. Daran lassen sich allerhand extreme Gedanken anknüpfen. Zum Beispiel: Die Aktienkurse könnten weiter so rasant steigen wie bisher, ohne dass die Dividendenrendite in absehbarer Zeit auf das Niveau der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiele. Oder: Würden die Aktienkurse fallen, stiege die Dividendenrendite.

Dividendenstarke Aktien mit Kurspotenzial 2015

Spätestens das zweite Beispiel lässt am Sinn der Dividendenrendite als isoliertem Anlagekriterium zweifeln. Denn die Freude über den Renditeanstieg durch fallende Kurse dürfte im Gegenzug bereits nach kurzer Zeit vom Ärger über den Kursrückgang kompensiert werden.

Aber wenn nicht isoliert, in Verbindung mit welchen anderen Kennzahlen sollte die Dividendenrendite denn beurteilt werden? Mit Kursgewinnen pur, das ergibt keinen Sinn, wie wir gerade festgestellt haben. Eher schon und oft praktiziert: mit dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, das heißt, mit der Beziehung zwischen dem täglich schwankenden Kurs und dem nicht täglich, sondern über Quartale und Jahre schwankenden Gewinn je Aktie eines Unternehmens. Zu Recht?

Den wahren Gewinn gibt es nicht

Spätestens von hier an betreten private Aktionäre unbekanntes Terrain. Sie sind gut beraten, es den Anlageprofis zu überlassen, die sich ohnehin genug damit abquälen müssen. Denn bekanntlich kann man darüber streiten, was Gewinn ist. Das liegt zum einen daran, dass ein nach HGB (Handelsgesetzbuch) ermittelter Gewinn erheblich von einem nach IFRS (International Financial Reporting Standards) ermittelten abweichen kann. Und zum anderen ist der IFRS-Gewinnbegriff derart dehnbar, dass private Anleger und sogar viele Analysten überfordert sind, wenn es darum geht, so etwas wie den wahren Gewinn zu ermitteln, ganz gleich, ob nach HGB oder nach IFRS.

Die beliebtesten Geldanlagen der Deutschen
Platz 6: Unternehmensanleihen6000 von 100.000 Euro würden die Deutschen noch in Unternehmensanleihen stecken, also 6 Prozent. Für die meisten Bundesbürger kommt ein solches Investment nicht infrage: 67 Prozent würden nicht ihr Geld nicht in Firmenanleihen anlegen. Quelle: imago images
Mehr als die Hälfte der Befragten können sich die Anlage in Staatsanleihen nicht vorstellen: 60 Prozent lehnen dies laut Umfrage ab. Quelle: dpa
5. Platz: StaatsanleihenZu hohes Risiko: Nur 9 Prozent von 100.000 Euro würden die Deutschen in Staatsanleihen anlegen. Quelle: dpa
Knapp zwei Drittel der Deutschen lehnt dankend ab: 63 Prozent würden kein Geld in Fonds anlegen. Quelle: dpa
Platz 4: FondsFonds als Anlage erwägen nur wenige Deutsche: 10 Prozent von 100.000 Euro würden die Befragten in Fonds stecken. Quelle: dpa
Vielen Bundesbürgern sind Aktien aber zu risikoreich: 48 Prozent der Deutschen schließen die Wertpapiere als Anlage aus. Quelle: dpa
3. Platz: AktienFür Aktien haben viele Deutsche nichts übrig: 14 Prozent von 100.000 Euro würden die Befragten in Wertpapiere investieren. Quelle: dpa

Versetzen wir und nur kurz in die Lage potenzieller Anleger, die mit allerlei Gewinnbegriffen konfrontiert werden. Zu den bis hierher genannten Kursgewinnen und HGB- oder IFRS-Gewinnen gesellen sich Brutto- und Nettogewinne, Ebit (Earnings before interest and tax = Gewinn vor Zinsen und Steuern) bis Ebitda (Gewinn vor Zinsen, Steuern und zusätzlich vor depreciation = normalen und amortisation = Firmenwert-Abschreibungen), Betriebsergebnis, operativer Gewinn, außerordentlicher Gewinn, Jahresüberschuss, Buchgewinn, Scheingewinn und Spezialitäten wie Schlussgewinn (bei Versicherungen) oder FFO (Funds from operations, das heißt, laufender Gewinn, oft von Immobilienunternehmen verwendet, verwandt mit der Mietrendite).

Analyst ist nicht gleich Analyst

Es wird noch gruseliger, wenn Unternehmen die von ihnen ermittelten Gewinne in Kennzahlen verpacken. Das gilt über das Kurs-Gewinn-Verhältnis hinaus beispielsweise für das Kurs-Cashflow-Verhältnis (Cashflow ist der Finanzüberschuss, wenn man so will, auch eine Art Gewinn). Besonders weit verbreitet ist die Umsatzrendite, also der – wie auch immer definierte – Gewinn im Verhältnis zum Umsatz und das Ergebnis mal 100.

Unternehmen, die ihre Rentabilität extra hervorheben wollen, greifen gern zu Roce (Return on capital employed = Gewinn auf das investierte Kapital), nicht zu verwechseln mit der verwandten Eigenkapitalrendite, die wiederum Teil der Gesamtkapitalrendite ist. Und wer viel mit Immobilien zu tun hat, stößt schon mal auf den Begriff Stadtrendite, die so viel bedeuten soll wie: In Städten ist mit Immobilien mehr Geld zu verdienen als auf dem Land.

So sieht die Geldanlage der Deutschen aus

Unternehmen verwenden Kennzahlen als Steuerungsgrößen. Analysten verwenden sie für Vergleiche, um zu ermitteln, ob eher VW- oder BMW-Aktien kaufenswert sind. Und private Anleger sind gut beraten, sich erst gar nicht im Kennzahlendickicht zu verstricken.

Die Gilde der Analysten ist bekanntlich zweigeteilt: Die einen – im Börsenjargon Buy side-Analysten genannt - arbeiten primär für Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter, Banken und Versicherer; sie stellen ihre Studien nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Dagegen sorgen die anderen – Sell side-Analysten genannt - mit optimistischen Annahmen und Aussagen, die mithilfe dehnbarer Begriffe und Kennzahlen möglich sind, für positive Stimmung, damit möglichst viele Anleger die von ihnen bejubelten Aktien kaufen.

Masse zählt mehr als Klasse

In Zeiten wie jetzt, da die Stimmung an der Börse euphorisch ist, lässt sich mit den aus Gewinnen, Kennzahlen und den von ihnen abgeleiteten Prognosen oder Empfehlungen ein appetitliches Anlagemenü zaubern. Fondsmanager, die darauf verzichten und sich stattdessen antizyklisch verhalten, laufen Gefahr, von Konkurrenten abgehängt zu werden – jedenfalls so lange, bis sich ihr Verhalten entgegen dem allgemeinen Trend doch noch als richtig erweist.

In Arbeit
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Nur wird das ihre Arbeitgeber trotzdem nicht froh stimmen, weil im jetzigen Performancerennen der Fonds Masse in Form des Fondsvermögens mehr zählt als Klasse mit antizyklischer Anlagestrategie.
Den meisten Anlageprofis sind diese Zusammenhänge bewusst. Und was bleibt den weniger mit Aktien beschäftigten privaten Anlegern übrig? Sofern sie Aktien besitzen, lassen sie die Gewinne laufen, nicht ohne sukzessive Stoploss-Orders nachzuschieben.

Haben sie dagegen keine Aktien, verfolgen sie am besten das Geschehen, ohne sich – bis auf das eine oder andere Trading – zu engagieren. Den ganzen Zahlenzauber mit Kennzahlen, Gewinnen und Renditen, die mal so und mal anders interpretiert werden können, überlassen sie dagegen am besten den anderen.

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