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Gbureks Geld-Geklimper

Von der Umverteilung zur Enteignung

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

In der jetzt beginnenden heißen Phase des Wahlkampfs zum Bundestag geht es um Managergehälter, eine Aktienrechtsreform und sonstigen Populismus. Derweil hängen über der Altersvorsorge immer dickere Wolken.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auf den Zug der Debatte um überzogene Managergehälter aufgesprungen. Quelle: dpa

Das muss man Angela Merkel lassen: Normalerweise gelingt es ihr, weder zu früh noch zu spät, sondern im richtigen Augenblick auf Stimmenfang zu gehen. So wie auch in diesem Fall: Kaum hatte EU-Kommissar Michel Barnier versprochen, Managergehälter zu kappen und bis zum Jahresende entsprechende Vorschläge zu unterbreiten, da meldete sich die Kanzlerin mit einem Appell gegen die Maßlosigkeit zu Wort, die „in einer freien und sozialen Gesellschaft“ nicht sein dürfe. Also wohl abgewogene Wahlkampfrhetorik, und zack, schon zog sie dank Barnier-Hilfe in Sachen Soziales mit ihrem Herausforderer Peer Steinbrück gleich.

Damit nicht genug, die schwarz-gelbe Koalition will – scheinbar wahlkampftaktisch geschickt - noch im Sommer, kurz vor der Bundestagswahl am 22. September, Vorschläge zur Reform des Aktienrechts unterbreiten. Knackpunkt: Anstelle des Aufsichtsrats soll die Hauptversammlung (HV) über das Salär des Vorstands entscheiden. Doch Taktik hin oder her, hier beginnt der Unfug. Denn wer auch nur ein Mal erlebt hat, wie sogar Vorstandsversager mit einer Mehrheit entlastet wurden, die an die Abstimmungsergebnisse in der ehemaligen DDR erinnert, wird der HV nie und nimmer mehr Kompetenz zutrauen als dem Aufsichtsrat – und der ist in der Regel bereits total überfordert, schließlich wird er ja von der HV gewählt.

Aktionäre haben keine Lobby 

Die Neiddebatte ist in vollem Gang, da kommt es offenbar nicht auf solche nachweisbaren Fakten an, sondern nur noch darauf, welche Partei mit populistischen Parolen eine möglichst hohe Zahl an Wählerstimmen für sich gewinnt. Dabei bleibt neben einer durchgreifenden Reform des Aktienrechts - anstelle des erwähnten HV-Unfugs – viel mehr auf der Strecke: Aktionäre haben keine Lobby, die diese Bezeichnung verdient, und weder sogenannte Aktionärsschützer noch das Deutsche Aktieninstitut unternehmen etwas Substanzielles dagegen. Als Instrument zur Altersvorsorge führen Aktien ein Schattendasein. Sie unterliegen der Doppelbesteuerung, aber niemand kümmert sich wirklich um diese schreiende Ungerechtigkeit. Und nicht etwa die frühere rot-grüne, sondern die schwarz-rote Koalition sorgte dafür, dass diese Ungerechtigkeit Anfang 2009 um die Abgeltungsteuer ergänzt wurde; SPD-Kandidat Steinbrück will diese sogar erhöhen.

Wer nach weiteren Instrumenten der Umverteilung und Enteignung sucht, findet sie – trotz wieder einmal gesunkener Inflationsrate - bekanntermaßen in den negativen Realzinsen von Spar- und Tagesgeldkonten, Bundesanleihen und Geldmarktfonds. Besonders brisant sind allerdings Versicherungen, und zwar wegen ihrer gigantischen, überwiegend auf Geldwerte und damit Enteignung gestützten Kapitalanlagen: Erstversicherer verwalteten nach den zuletzt von der Finanzaufsicht BaFin veröffentlichten Zahlen, Stand Jahresende 2011, ein Vermögen von 1,185 Billionen Euro. Darin sind Anlagen der Rückversicherer, Depotforderungen und fondsgebundenen Lebensversicherungen nicht einmal enthalten.

Schwindsüchtige Anlagen der Versicherer

Hier ist die Rentenangst am größten
Platz 10Von den Menschen, die im Ernährungswesen tätig sind, also zum Beispiel Bäcker, Diätassistenten oder Fitnessberater, sorgen sich 41 Prozent besonders stark um ihre finanzielle Zukunft. Quelle: dapd
Platz 9Bei Bank- und Versicherungsfachleuten glauben 42 Prozent, dass ihre gesetzliche Rente später nicht zum Leben reichen wird. Quelle: Fotolia
Platz 843 Prozent der Bürger, die in sozialen Berufen beschäftigt sind, also zum Beispiel Pädagogen oder Sozialarbeiter, fürchten um ihre Versorgung im Alter. Quelle: dpa
Platz 7Von den Beschäftigten in der Metallkonstruktion (z.B. Industriemechaniker) oder Installation (z.B. Heizungsinstallateur) glauben 45 Prozent nicht, dass ihre Rente später ausreichen wird. Quelle: dapd
Platz 6Wer als Hilfsarbeiter, also etwa als Kellner, tätig ist, sorgt sich oft um seine Zukunft; 46 Prozent fürchten um ihre finanzielle Absicherung im Rentenalter. Quelle: AP
Platz 5Ebenfalls 46 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitsdienst, also etwa Kranken- oder Altenpfleger, sorgen sich um ihre gesetzliche Rente. Quelle: dpa
Platz 4Von den Bürgern, die in Hotels, Gaststätten, oder in der Hauswirtschaft arbeiten, glauben 49 Prozent nicht an eine ausreichende gesetzliche Altersvorsorge. Quelle: AP

Die ganze Brisanz ergibt sich daraus, dass Geldwerte unter Führung von Anleihen, Schuldscheinforderungen und Darlehen 68 Prozent von jenen 1,185 Billionen Euro ausmachen, das sind 806 Milliarden Euro. Würde man die Geldwerte der mit einem Anteil von 26,2 Prozent angegebenen, nicht näher spezifizierten Investmentanteile hinzuzählen, dürfte herauskommen, dass die Erstversicherer das Geld ihrer Kunden zu über drei Vierteln in Anlagen investiert haben, die wegen der extrem niedrigen Zinsen über kurz oder lang von der Schwindsucht befallen sein werden.

Seltsamerweise ist der Aktienanteil der Erstversicherer, gemessen an den Buchwerten, mit 0,3 Prozent äußerst bescheiden. Auch wenn man die in der Sparte Investmentanteile versteckten Aktienfonds, die Beteiligungen an verbundenen Unternehmen mit einem Anteil von 2,8 Prozent und sonstige Beteiligungen mit 0,9 Prozent hinzufügt, ergibt sich kein nennenswertes Gegengewicht zu den dominierenden Geldwerten. Und das, obwohl die Versicherer Aktien wie auch Investmentfonds vom Umlauf- ins Anlagevermögen umbuchen dürfen, wo sie danach im Fall von Kursverlusten nicht abgeschrieben zu werden brauchen.

Was Lebensversicherungen wirklich bringen
Interrisk: Österreicher bieten beste BeitragsrenditeDie Ratingagentur Assekurata errechnete für Interrisk eine garantierte Beitragsrendite von 1,69 Prozent - für einen Vertrag, der 25 Jahre läuft und formal einen Garantiezins von 1,75 Prozent hat. So nah ist kein anderer Versicherer am Garantiezins dran. Auch im Vorjahr war dies so. Die prognostizierte - und damit unverbindliche - Beitragsrendite beträgt 4,2 Prozent. Damit liegt Interrisk als einer von vier Anbietern noch über der Marke von vier Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Satz jedoch deutlich gesunken, und zwar von 4,57 Prozent. Die InterRisk Versicherungs-AG ist das deutsche Tochterunternehmen der östereichischen Vienna Insurance Group. Quelle: Presse
Europa: Direktversicherer hält sich im SpitzenfeldDie Europa Lebensversicherung liefert seit Jahren gute Zahlen ab. Doch auch diese sinken. Die garantierte Beitragsrendite ist mit 1,57 Prozent sogar noch ein wenig höher als im Vorjahr mit 1,53 Prozent, weil Kostenvorteile zu Buche schlagen. Bei der prognostizierten Beitragsrendite liegt Europa mit 4,53 Prozent an der Spitze des Feldes. Der Wert liegt jedoch deutlich unter den 4,95 Prozent des Vorjahres. Bei der Überschussbeteiligung hält Europa noch die Marke von vier Prozent. Das geht hervor aus einer Mitteilung des Versicherers an die Ratingagentur Assekurata. Für 2012 betrug die Überschussbeteiligung noch 4,35 und für das Jahr 2011 waren es noch 4,5 Prozent. Quelle: Screenshot
Cosmos Direkt: Niedrige Kosten - hohe RenditeDie Lebensversicherungsangebote der Cosmos Direkt profitieren vom Vertriebsweg. Es ist für Kunden günstiger, wenn sie im Internet oder am Telefon einkaufen. Die Tochter der Generali gibt diese Vorteile in den Konditionen weiter. Am besten ist dies bei der garantierten Beitragsrendite zu erkennen. Platz 3 im Ranking von Assekurata mit 1,46 Prozent. Auch hier errechnete die Ratingagentur einen leicht besseren Wert als im Vorjahr. 4,17 Prozent für die prognostizierte Beitragsrendite ist ebenfalls ein Spitzenwert in der Branche. Im Vorjahr waren es aber noch 4,57 Prozent.
Hannoversche Leben: Schon unter vier ProzentMit der garantierten Beitragsrendite von 1,35 Prozent liegt der Direktversicherer aus Hannover auf Platz 4 - und damit sehr gut. Mit der prognostizierten Beitragsrendite erreicht er Platz 5. Dieser Wert liegt jedoch unter vier Prozent (3,92 Prozent), nachdem es im Vorjahr noch 4,17 Prozent waren. Nur vier Lebensversicherer liegen bei dieser Hochrechnung noch über vier Prozent. Dies zeigt den Trend in der Branche und auch bei der Hannoverschen Leben, für die die Schauspielerin und Komikerin Anke Engelke wirbt.
WGV: Guter Garantierendite, schlechtere PrognoseDie Württembergische Gemeinde-Versicherung (WGV) bietet eine sehr gute Beitragsrendite. Mit 1,31 Prozent liegt der Versicherer auf Platz 5 in der Branche, wie Assekurata berechnete. Schlechter ist die prognostizierte Beitragsrendite mit 3,63 Prozent. Mehr als ein Dutzend Konkurrenten liegen hier besser. Wie andere Untersuchungen zeigen, liegt die WGV in der Leistungsfähigkeit für den Kunden häufig in den Top10. Quelle: Presse
Ergo Direkt: Besser als die große MutterErgo Direkt will nicht nur mit dem Thema Verständlichkeit punkten, sondern auch mit seinen Lebensversicherungsrenditen. Bei der garantierten Beitragsrendite liegt der Direktversicherer mit 1,31 zusammen mit der WGV auf Platz fünf. Auffällig ist die starke Verbesserung zum Vorjahr. Da lag dieser Wert nur bei 1,23 Prozent. Mit einer prognostizierten Rendite von 3,57 Prozent liegt Ergo Direkt allerdings nur im oberen Mittelfeld der Branche. In jedem Fall ist der Direktversicherer mit beiden Werten deutlich besser als das Vertreter-Unternehmen Ergo, die große Mutter aus Düsseldorf. Quelle: Screenshot
Asstel: Gothaer-Tochter springt in die Top10Die Asstel aus Köln-Mülheim profitiert ebenfalls davon, dass der Vertrieb eines Direktversicherers günstiger ist als bei Unternehmen, die auf Vertreter setzen. Die garantierte Beitragsrendite liegt mit 1,3 Prozent daher vergleichsweise hoch - Platz 8 bei Assekurata von 61 Versicherern. Die prognostizierte Beitragsrendite ist mit 3,8 Prozent ebenfalls vergleichsweise gut - ein Top10-Wert für die Tochter der Gothaer Versicherungen. Quelle: Presse

Auch Pensionskassen haben Probleme

Nicht wenige deutsche Versicherer waren um die Jahrtausendwende prozyklisch in Aktien eingestiegen und später wieder prozyklisch ausgestiegen. Daraus haben sie offenbar wenig gelernt, denn auch danach ist ihnen das Timing nicht mehr geglückt – mit der Folge, dass sich ihre Vorliebe für Anleihen, die ihnen früher hohe, in den vergangenen Jahren aber immer niedrigere Renditen bescherten, im Zuge der jetzigen Niedrigstzinsen bitter rächt. Nun versuchen sie mit Immobilien, Infrastrukturprojekten und ähnlichen Anlagen dagegenzuhalten, Hauptsache, deren Werte schwanken nicht wie Aktienkurse, sondern vermitteln aufgrund der hohen Bewertungskunst den Eindruck von Stabilität.

Geldanlage



Ähnlich wie den Versicherern erging es in den vergangenen Jahren den Pensionskassen der Konzerne. So haben Analysten der Commerzbank ermittelt, dass diese institutionellen Anleger ihre Aktienquote zwischen 2004 und 2011 von 44 auf 24 Prozent gesenkt haben. Dazu haben die Commerzbanker eine Übersicht erstellt, aus der hervorgeht, dass die Pensionsverpflichtungen im Verhältnis zum Eigenkapital bei den Dax-Konzernen Lufthansa, ThyssenKrupp und Deutsche Post zu denken geben, während sie bei SAP, Deutscher Bank und Deutscher Börse besonders gut aussehen.

Fasst man die Erkenntnisse aus den Studien zu Versicherern und Pensionskassen zusammen, ergibt sich daraus der dringende Rat an deren Kunden, für die Altersvorsorge unbedingt zusätzlich etwas zur Seite zu legen – und spätestens von jetzt an nicht mehr den Politikern zu glauben, die vor der Bundestagswahl die hier beschriebenen Probleme ignorieren und sich stattdessen lieber in Populismus ergehen.

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