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Gbureks Geld-Geklimper

Warum Sie selbst zum Anlageprofi werden müssen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Schon scheint eine neue Richtlinie die Anleger zu verschrecken. Doch keine Panik, das bürokratische Ungetüm sorgt im Endeffekt dafür, dass Sie Ihr Geld so anlegen, wie es vernünftig ist: ohne überforderte Berater.

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Zehn Geldanlage-Tipps
Geld und ein Display
Ein Kugelschreiber und ein Diagramm
Eine Hand und Münzen
Sparbuch und Geldscheine
Ein Stift und ein Diagramm
Ein Kugelschreiber, Geld, ein Taschenrechner und ein Blatt Papier
Eine Lupe vergrößert das Wort Kontoauszug Quelle: dpa

Ein Satz, der den ganzen Widersinn der Anlageberatung in Deutschland treffend auf den Punkt bringt: „Wegen des regulatorischen Aufwands ziehen sich immer mehr Banken aus dem Beratungsgeschäft mit Aktien zurück.“ So formuliert von Christine Bortenlänger, Chefin des Deutschen Aktieninstituts. Dabei rollt gerade wieder eine Regulierungswelle von ungeheurem Ausmaß auf uns zu, verpackt als MiFID 2, eine von Brüsseler Bürokraten, die offenbar längst den Überblick verloren haben, bis 2016/17 in deutsches Recht umzusetzende Richtlinie.

MiFID steht für Markets in Financial Instruments Directive, kurz: Finanzmarktrichtlinie. Vorgängerin ist Nummer 1 aus dem Jahr 2007, inzwischen stark reparaturbedürftig. Um nicht zu sagen: von der Realität, sprich Finanzmarktkrise, längst überholt. Eine seit Jahren mit der Materie vertraute Bankerin fasst zusammen: „Der Gesetzgeber hat etwas geschaffen, von dem man nicht weiß, wie es funktionieren soll.“ Dazu zählt sie ein paar markante Punkte auf: Überregulierung, doppelte Kosten für die Banken, schwammige Definitionen, Rechtsunsicherheit, Überschneidungen mit nationalen Gesetzen und widersprüchliche Urteile des Bundesgerichtshofs.

Anleger mitten im Tohuwabohu

Hand aufs Herz: Wissen Sie, ob Sie aus Bankensicht zu den privaten oder professionellen Kunden gehören? Falls Ihnen keine passende Antwort einfällt: Macht nichts, die Banker wissen es auch nicht, denn die Unterscheidung ist höchst dubios. Das ergibt sich allein daraus, dass zwar schon MiFID 1 zwischen privat und professionell unterscheidet (ohne allerdings die Grenzen klar zu ziehen), nicht aber das deutsche Zivilrecht. Das entsprechende EU-Memo zu MiFID 2 vom 14. Januar hebt einzig darauf ab, dass Anleger Finanzprodukte angeboten bekommen sollen, „die zu ihnen passen“.

Zehn wichtige Tipps fürs Geldanlagegespräch
Ein Mann hält eine Check-Liste in den Händen Quelle: Fotolia
Staßenschilder warnen Fußgänger vor herabfallenden Steinen Quelle: dpa
Alternativen einfordernOft präsentieren Berater ihren Kunden nur ein Produkt – nach dem Motto „Das habe ich nur für Sie ausgewählt“. Nicht selten sind das die Produkte, für die der Berater die höchste Provision bekommt, aber eben nicht die für den Kunden passenden Anlagen. Sparer sollten unbedingt Alternativen einfordern, um vergleichen zu können. Genauso ist es wichtig, nicht nur eine Bank nach guten Anlagen zu fragen. Gehen Sie lieber zu mehreren Geldinstituten und vergleichen die Angebote. Quelle: Fotolia
Eine Dame in einem Beratungsgespräch Quelle: Fotolia
Ein Mann schaut durch eine Lupe Quelle: Fotolia
KostenrechnungHohe Gebühren fallen auch dann an, wenn der Kunde nicht in Wertpapiere investiert. Bei Bausparverträgen etwa verlangen Banken in der Regel einen Prozent der Bausparsumme als Abschlussgebühr. Anleger sollten eine genaue Übersicht einfordern, auf der alle anfallenden Gebühren und Provisionen aufgeführt sind. Wer ein kompliziertes Produkt wie einen Bausparvertrag nicht braucht, sollte sich nicht scheuen, nach einfacheren Anlagen wie einem Banksparplan zu fragen. Quelle: Fotolia
Ein Beratungsgespräch Quelle: Fotolia

Halten wir fürs Erste fest: Banken wollen ihre Kunden – offenkundig aus lauter Angst vor formellen Fehlern - immer weniger beraten, die Bürokraten in Brüssel hecken Richtlinien aus, deren Umsetzung in nationales Recht zu nicht funktionsfähigen Gesetzen führt, und Anleger sind in diesem Tohuwabohu kaum geneigt, sich zur Aktienanlage beraten zu lassen. Ganz zu schweigen von Produktinformationsblättern mit dem Spitznamen Beipackzettel und von Zeit raubenden Beratungsprotokollen. Beide versagen in der Praxis, weil ihren Initiatoren von vornherein jegliches Gespür für die Praxis der Geldanlage gefehlt hat.

Spielermentalität setzt sich durch

Die nutzlosesten Börsenweisheiten
"The Trend is your friend""Der Trend ist dein Freund" gehört wohl in die Kategorie der irreführenden Börsenweisheiten. Denn es animiert Anleger dazu, einem Aufwärts- oder Abwärtstrend durch Käufe oder Verkäufe von Wertpapieren zu folgen, blendet dabei aber aus, das Trends endlich sind und auch jäh kippen können. Das Problem: Die Gefahr ist hoch, dass der Anleger zu spät auf den fahrenden Zug aufspringt und er bis zu der Erkenntnis, dass sich der Freund "Trend" von einem abgewendet hat, hohe Verluste eingefahren hat. Gerade in turbulenten Börsenzeiten wie in den vergangenen Jahren wechseln Trends sehr häufig und sehr schnell. Quelle: "Sell in May and go away - Was die Börsenweisheiten von Kostolany, Buffett und Co. heute noch taugen", von Jessica Schwarzer (Handelsblatt), erschienen im Börsenbuchverlag im Dezember 2013, sowie eigene Recherchen. Quelle: dpa
"Sell in may and go away"Eine weit verbreitete Börsenweisheit, die die Entscheidung zu kaufen oder zu verkaufen anhand des Kalenders propagiert. Doch leider hält sich die Kursentwicklung an der Börse nicht an Termine. Zwar nimmt der Handel in den Sommermonaten oftmals ab und im Herbst wieder zu, doch gibt es in der Historie auch reichlich Gegenbeispiele. Etwa den Mai 2013, als der deutsche Hauptindex Dax seine Rekordjagd begann und nur in diesem einen Monat um sechs Prozent zulegte. Letzten Endes ist es nicht das Datum, sondern die erwartete Wirtschaftslage, die über Auf und Ab an der Börse entscheidet. Quelle: Fotolia
"Timing ist alles"Jeder möchte Aktien gerne kaufen, wenn die Kurse auf dem Tiefpunkt sind, und verkaufen, wenn sie ihren Zenit erreichen. Das Problem: Wann Hoch- oder Tiefpunkt erreicht wurden, wissen Anleger erst im Nachhinein. Denn leider klingelt kein Wecker, wenn die Kauf- und Verkaufskurse optimal sind. Nicht einmal Profis gelingt das perfekte Timing ohne eine große Portion Glück - aber sie erkennen, wann eine Aktie günstig bewertet oder schon zu teuer ist und verfolgen meist eine langfristige Strategie. Wer aber versucht, immer in die Kurstäler und -spitzen zu handeln, generiert hohe Handelsgebühren, die viel von der Rendite aufzehren. Hier gilt eher der Börsenspruch: "Durch eine verpasste Gelegenheit ist noch niemand arm geworden." Gleiches gilt für Gewinnmitnahmen bevor der Kurs seinen Gipfel erklommen hat. Quelle: dpa
"Beim Denken ans Vermögen, leidet oft das Denkvermögen"Diesen Spruch gibt es auch in vereinfachter Form: Gier frisst Hirn. Zwar neigt die Psyche des Menschen dazu, sich die eigenen Fehler schönzureden und wer allzu gierig ist, schlägt leicht über die Stränge oder geht allzu vollmundigen Versprechen oder gar Betrügern auf den Leim. Aber im Grunde ist diese Erkenntnis nutzlos, denn schließlich kann sich kein Anleger seiner Psyche entziehen. Der einzige Rat der daraus folgt, sollte für Anleger an der Börse eigentlich eine banale Selbstverständlichkeit sein: Bewerten Sie die Fakten so objektiv wie möglich und verlassen Sie sich nicht einfach auf ihr Bauchgefühl. Das weiß aber jeder Anleger, der schon einmal zulange an einem Wertpapier festgehalten und dadurch schmerzliche Verluste gemacht hat. Quelle: dpa
"Buy on bad news, sell on good news"Grundsätzlich ist es ja richtig: Gibt es zu einer Aktie schlechte Nachrichten, fällt in der Regel der Kurs, und das Papier kann billig gekauft werden. Aber häufig sind bei Unternehmen in Schwierigkeiten ganze Serien schlechter Nachrichten zu beobachten, so dass die Kurse immer noch tiefer fallen. Woher sollen Anleger auch wissen, ob es nicht noch schlimmer kommt? Umgekehrt gilt das ebenso: Es gibt Unternehmen, die regelmäßig mit ihren Ergebnissen die Markterwartungen übertreffen. Wer gleich bei der ersten positiven Überraschung verkauft, verpasst womöglich das Beste. Beispiele dafür waren in der Vergangenheit etwa Werte wie Apple oder Google. Was die Zukunft aber bringt, kann kein Anleger wissen. Quelle: AP
Hermann Josef Abs und Josef Fischer Quelle: Picture-Alliance/dpa
"Ein Spekulant der auf fallende Kurse setzt, gräbt eine Grube, in die andere hineinfallen."Hintergrund ist, dass zum Beispiel Hedgefonds Aktien verkaufen können, die sie gar nicht besitzen. Geschieht das in großer Menge, fallen die Kurse und der Spekulant kann die Aktien günstiger kaufen, um seine Verkaufsposition auszugleichen - und erzielt so einen Spekulationsgewinn auf Kosten der anderen Aktionäre. Die Erkenntnis hilft einem Privatanleger jedoch wenig, denn mit seinen kleinen Handelspositionen ist er dem Auf und Ab durch derlei Kursmanipulationen zunächst ausgeliefert. Ist der Kurssturz jedoch nicht durch fundamentale Daten wie Umsatz, Gewinn oder Cash-Flow eines Unternehmens untermauert, dürfte sich eine so heruntergeprügelte Aktie in der Folge wieder erholen. Anleger können die Schwächephase also aussitzen. Quelle: dpa

Umso bedauerlicher ist, wie viel zu viele Anleger bisher reagiert haben: Die einen, denen jegliches Hin und Her der Aktienkurse suspekt erscheint, haben ihr Geld für lächerlich niedrige Zinsen auf einem Tages- oder Festgeldkonto deponiert. Die anderen, denen versprochene feste Renditen von 6 oder 8 Prozent als sicher erschienen, sind auf Firmen wie Phoenix Kapitaldienst, S&K und zuletzt Prokon hereingefallen. Bleibt noch anzumerken, dass die deutsche Finanzaufsicht BaFin sich in dem einen oder anderen Fall nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.

Es gibt indes noch eine weitere Gruppe von Anlegern. Sie haben den – formell – beratenden Banken den Rücken gekehrt und sich für eine Direktbank (oder mehrere) entschieden. Zuletzt hat die Deutsche Anlegermesse am vergangenen Freitag und Samstag in Frankfurt einen tiefen Einblick in ihre Spielermentalität vermittelt: Trading, was das Zeug hält, am liebsten mit Zertifikaten, aber auch mit Aktien, Edelmetallen und Rohstoffen. Für die Spieler zählen kaum noch fundamentale Daten, sie orientieren sich vorzugsweise an Charts. Je stärker die Kursausschläge, desto reizvoller das Trading.

Zum Schluss ein neues Aufklärungsbuch

Und die klassischen langfristigen Aktionäre, gehören sie zu einer aussterbenden Spezies? Wer die Statistiken des Deutschen Aktieninstituts seit Jahren verfolgt, kommt zwangsläufig zu diesem Ergebnis. Und das bei einem Dax auf höchstem Kursniveau. Die Ursachen liegen auf der Hand. Unter ihnen rangieren schwankende Kurse eher unter ferner liefen. Ausschlaggebend waren – mit Nachwirkungen bis heute – eher schon: Betrügereien am Neuen Markt um die Jahrtausendwende, das anschließende Desaster mit Telekom-Aktien, der Siegeszug der Zertifikate auf Betreiben der Banken, die mit ihnen mehr Geld verdienen als mit Aktien oder Aktienfonds, die Doppelbesteuerung von Aktien und speziell die Diskriminierung durch die Abgeltungsteuer.

Geldanlage



Letztere wurde von Peer Steinbrück durchgedrückt. Sie bestraft alle Anleger, die seit 2009 Aktien (oder andere Wertpapiere) gekauft haben oder weiter kaufen, weil sie neben Dividenden auch Kursgewinne solcher Aktien mit 25 Prozent zuzüglich Soli und Kirchensteuer erfasst – mit zum Teil skurrilen Folgen: Nicht nur, dass Börsenspieler wegen des Fortfalls der bis Ende 2008 geltenden einjährigen Spekulationsfrist jetzt zur Freude der auf Provisionen angewiesenen Banken so oft Aktien kaufen und gleich wieder verkaufen, bis das Hin und Her die Taschen leer macht. Auch die Kirchensteuer sorgt für Aufsehen: Wer sie zahlen soll, kann bis Ende Juni beim Bundeszentralamt für Steuern eine schriftliche Sperrvermerkserklärung abgeben. Sie befreit Anleger jedoch nicht von der Kirchensteuer, sondern nur davon, dass ihre Bank oder Sparkasse nicht das Glaubensbekenntnis erfährt. Mal sehen, wie viele Anleger bis Ende Juni aus der Kirche austreten.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis in eigener Sache: Seit heute können Sie für 4,99 Euro mein aktuelles elektronisches Buch mit der Titel „Ach du liebes Geld!“ kaufen. Es dient der Aufklärung und Anlageberatung von einer übergeordneten Warte aus. Untertitel: „Von der Kunst, mit Gold und Aktien, Cash und Immobilien finanziell über die Runden zu kommen und nebenbei die Inflation zu besiegen“. Ich hoffe, Sie besitzen schon ein Lesegerät oder können auf eines zurückgreifen.

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