Geldanlage "Anleger werden auf jeden Fall Vermögen verlieren"

Top-Berater Daniel Stelter fordert ein sofortiges Ende des Wirtschaftens auf Pump, einen Schuldenschnitt und mehr Investitionen in Zukunftsprojekte wie Bildung, Ressourcen-Schonung und Zuwanderung.

Daniel Stelter Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Herr Stelter, wollten Ihre Kollegen bei Boston Consulting nicht mehr Ihre kühnen Ideen zur Schuldenkrise hören; oder warum haben Sie das Unternehmen so plötzlich verlassen?

Stelter: Nein, Boston Consulting (BCG) hat immer einen offenen Stil gepflegt, in dem auch kontroverse Ideen willkommen sind. Abgesehen davon habe ich allerdings angesichts der enormen Probleme, vor denen wir stehen, eindringlich davor gewarnt, dass es zu Schuldenschnitten kommen wird. In Zypern ist es dann zum ersten Mal passiert.

War dies der Grund im Jahre sechs der Krise das gefühlt sechzigste Buch über die Krise zu schreiben?

Die Krise wird in der öffentlichen Diskussion entweder einseitig festgemacht an den Staatsschulden oder am Euro. Beide sind aber nicht die einzige Ursache der Krise, und sie sind schon gar nicht die einzigen Probleme, die wir haben. Der wahre Umfang der Krise ist viel größer. Viele Autoren, Wissenschaftler und Politiker, vor allem solche, die einfache Lösungen wie einen Euro-Austritt proklamieren, verkaufen gefährliche Scheinlösungen.

Sie wollen am Euro festhalten?

Wenn wir den Euro nicht hätten, würden wir ihn sicherlich mit dem heutigen Wissen nicht mehr einführen. Jetzt müssen wir den Schaden verringern und nicht weiter vergrößern. Eine Rückkehr zu nationalen Währungen wird nicht so einfach und geordnet ablaufen können, wie es uns einige Eurokritiker Glauben machen wollen. Es gäbe ein Riesenchaos, in den Südländern Bank-Runs, eine europaweite Depression und politische Unruhen. Auf jeden Fall würde die deutsche Exportwirtschaft einbrechen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen. Wir müssten einen guten Teil der Forderungen, die wir an die Krisenstaaten haben, abschreiben.

Zur Person

Also ein "Weiter so!" mit allen langfristigen Kosten, weil sonst Chaos droht?

Nein, die gegenwärtige Politik vergrößert den Schaden nur. Europaweit wachsen die Schulden weiterhin schneller als die Wirtschaft. Das wird nicht gut gehen. Wir brauchen eine Rosskur, die auch eine Neuordnung des Euroraumes beinhaltet. Griechenland und Portugal haben keine Chance, im Euro eine wettbewerbsfähige Wirtschaft zu schaffen, bei Spanien sind Zweifel sehr angebracht.

Ein Zurück zu nationalen Währungen liegt nicht im deutschen Interesse?

Nein, aber ein stärkerer Kerneuro langfristig schon. Deshalb müssten die verbleibenden Staaten eine richtige Fiskalunion schaffen, wie in den USA: Mit einem gemeinsamen Finanzminister, gemeinsamen Bonds und einer Vereinheitlichung von Sozialstandards wie Arbeitslosenhilfe und Renteneintrittsalter. Wenn unsere Partnerländer dies nicht wollen, wird es sehr schwierig sein, einen solchen reduzierten Euroraum zu erhalten. Dann müssen wir in der Tat abwägen, wie der Schaden am kleinsten ist. Weiter durchwursteln wie bisher, indem man keinen austreten lässt und immer alle Löcher stopft, aber keine richtige Wirtschaftsunion macht, wird auf Dauer unbezahlbar. Die Einführung des Euros hat den Verschuldungsboom und die Immobilienblasen in Ländern wie Irland und Spanien ermöglicht, dennoch ist er nicht unser größtes Problem.

Sondern?

Seit über 30 Jahren wachsen die Schulden in der gesamten westlichen Welt, also Nordamerika, Europa, Japan und Australien, schneller als die Wirtschaft. Seit den 1980ern haben wir unseren Wohlstand mit immer mehr neuen Schulden erkauft, weil das reine Wirtschaftswachstum dafür nicht mehr ausreichte. Begonnen hat das unter Ronald Reagan, beschleunigt hat den Prozess der frühere US-Notenbankpräsident Alan Greenspan, für mich einer der Hauptschuldigen an der Misere.

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