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Geldanlage global
Börse unter Druck: Für die Zeit nach der akuten Coronakrise müssen Anleger ihre Investments neu ausrichten Quelle: imago images

10 Punkte werden nach der akuten Krise weiterwirken

Die Coronakrise zwingt Anleger zu einer fundamentalen Neuausrichtung ihrer Kapitalanlage. Hier meine Top-Ten-Faktoren, die nachwirken werden, selbst wenn die akute Krise überstanden ist.

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Das Coronavirus hält die Welt weiter im Atem. Der März war gekennzeichnet von einem Wechsel des Epizentrums von China zu Europa, jetzt im April haben die USA diese Rolle an sich gerissen. Die Millionengrenze an Fällen wurde global mit Leichtigkeit durchstoßen, die Zwei-Millionengrenze dürfte auch noch fallen, die Anzahl der Toten stieg dramatisch an und nahm die Hunderttausender-Marke.

Wirtschaftlich scheinen wir in die tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte einzutauchen, und dass innerhalb von nur wenigen Wochen, nachdem in den ersten beiden Monaten des Jahres viele Frühindikatoren auf eine Beschleunigung des langen Aufschwungs hindeuteten. Was für ein Kontrast, und in welch großer Geschwindigkeit! Die Weichen für diesen beispiellosen wirtschaftlichen Einbruch wurden in der zweiten Märzhälfte gestellt, als praktisch ein europäisches Land nach dem anderen den Lockdown für das öffentlichen Leben und die wirtschaftliche Aktivität verhängte. Der Einbruch im März und dann auch im April sollte in der Nachkriegsgeschichte einzigartig werden. Eine Rezession ist sicher, lediglich Tiefe und Dauer noch nicht.

Und die Pandemie ist noch nicht vorbei. Fallzahlen in einigen europäischen Staaten geben Hoffnung, dazu gehören Deutschland, Österreich, auf allerdings hohem Niveau auch Italien, aber die Krise in den USA hinkt zwei Wochen hinterher, und Lateinamerika und Afrika haben das Schlimmste erst noch vor sich.

Ich will hier keinen weiteren Diskussionsbeitrag zur Buchstabenfrage V, U, W, L oder M, oder was einem noch für ein Buchstabe zur Zyklusbeschreibung einfällt, leisten. Das ist aus meiner Sicht nicht zielführend in einer Zeit, in der sich Wirtschaftszahlen täglich um ein oder zwei Prozentpunkte für den Jahresdurchschnitt ändern können.

Interessant und wichtig ist es aber auch, schon jetzt auf die Zeit nach der akuten Krise zu blicken, und zu überlegen, wie es dann weitergehen könnte. Denn innerhalb der Krise sind oder werden langfristige Weichenstellungen erfolgen, die die Kapitalmärkte auf die nächsten Jahre mitbeeinflussen, teilweise sogar prägen werden. Ich nenne hier meine Top Ten.

  1. Die Fiskalpolitik produziert historisch hohe Budgetdefizite in allen Industrieländern dieser Welt. Strukturelle Schäden werden auf Sicht in der Wirtschaft bleiben. Die Steuereinnahmen werden dementsprechend weniger stark sprudeln. Die Rückführung des fiskalischen Impulses ist zwingend, aber wird natürlich nicht mit gleicher Kraft auf die Rückführung der Defizite hinwirken. Die Staaten brauchen damit viel Geld. Sie können die Anleihemärkte anzapfen und/oder die Steuern erhöhen, und sie werden den Druck auf die Notenbanken erhöhen.
  2. Die Unabhängigkeit der Notenbanken wird zu einer Worthülse. Natürlich sind viele formal unabhängig, aber ohne ihre Interventionen steigen die staatlichen Refinanzierungskosten so stark, dass die Staaten eine zu hohe Unabhängigkeit nicht zulassen werden. Oder glaubt jemand, heutzutage würde noch ein Fed-Präsident vom Schlage eines Paul Volcker vom US Senat berufen? Losgelöst davon wird die Einflussmöglichkeit der Notenbanken sinken: Massive Anleihekäufe ist der Markt gewöhnt, signifikante Zinssenkungen kaum noch zu machen.
  3. Zombieunternehmen werden nicht nur weiter gedeihen, sondern sich sogar noch vermehren. Staatliche Zuschüsse und billiges Geld machen es möglich. Damit wird das längerfristige Wachstumspotenzial und auch Margenpotenzial insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen noch weiter reduziert.
  4. Die Jagd nach Rendite wird mit Vehemenz wiederkehren. Viele ökonomische Geschäftsmodelle, wie die von Pensionsfonds, Stiftungen etc., können nicht mit Erträgen nahe Null leben. Wenn die Krise vorbei ist, wird der Druck zur Diversifikation in höher rentierliche Alternativen erneut zunehmen und vermutlich sogar noch stärker sein als vor der Krise.
  5. Aktien als Anlageklasse in Form von Indexaggregaten werden einen erneuten Rückschlag hinnehmen müssen. Viele Unternehmen haben in dieser Krise von der Priorisierung der Shareholder in den Überlebensmodus geschaltet. Dividendenzahlungen werden einbrechen – wir sind in einer Solvenzkrise. Auf den laufenden Ertrag von Unternehmen verzichten zu müssen, lässt Anleger kritischer werden. Sie werden künftig aktiver in verlässlich zahlende Unternehmen investieren.
  6. Die Staaten erheben ihr nationales Haupt. Getrieben zunächst von „America First“ und Brexit hat die EU in der jetzigen Krise kaum positive Punkte sammeln können. Grenzen wurden geschlossen, Solidarität über die Ländergrenzen hinweg nur in geringem Ausmaß gewährt. Weniger supra-nationale Kooperation und mehr Nationalismus schadet auch international operierenden Unternehmen.
  7. Der mit dem Schlachtruf „America First“ aus nationalem Interesse begonnene Rückwärtsprozess in der internationalen Verflechtung wird weitergehen. Staaten werden für sich lebenswichtige Güter definieren und auf eine vollständige oder zumindest großteilige Produktion im eigenen Land oder dem direkt angrenzenden Wirtschaftsraum bestehen. Dieser Verlust an internationaler Arbeitsteilung wird inflationssteigernd wirken.
  8. Die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone werden stärker werden. Die großen Peripherieländer Italien und Spanien sind bislang am ärgsten von Corona betroffen. Dort, wo auch Tourismus ein wesentlicher Wirtschaftszweig ist, der voraussichtlich als letzter aus dem Lockdown entlassen werden kann, werden Haushaltsdefizite am stärksten wachsen, angesichts der hohen Mortalitätsraten auch nationalistische Tendenzen. Die Fliehkräfte in der EU werden sich verstärken. Für die Eurozone heißt dies: eine stärkere Zerreißprobe zwischen Auseinanderbrechen versus Schuldenunion.
  9. Der Mittlere Osten wird ein potenzieller Brandherd künftiger globaler Krisen bleiben. Der politischen Stabilität dienliche Ölpreise von über 70 US-Dollar, wie wir sie noch Anfang dieses Jahres hatten, sind in weite Ferne gerückt. Damit wird für nicht gewählte Regierungen das Geld knapp, sich die Loyalität ihrer Untertanen zu versichern, und das Risiko, dass schwelende Konflikte eskalieren, wird höher. Künftige Volatilitätssprünge am Ölmarkt sind damit vorprogrammiert.
  10. Der US-Dollar bleibt die Reservewährung der Welt. Größere Krisen dürften damit eher dem US-Dollar Auftrieb verleihen, solange sie ihren Ausgang nicht in den USA nehmen.

Die ganze Tragweite der Krise lässt sich derzeit nur erahnen. Damit bleibt dem Investor als Ausgangspunkt zur Strukturierung der Kapitalanlage die vornehmste Aufgabe: die Zielfunktion neu zu adjustieren. Die künftige Risikotoleranz muss eingestellt werden und die Frage, ob man absoluten oder relativen Ertrag möchte, ob man Stockpicking oder Indextracking favorisiert, ob hoher laufender Ertrag oder die Chance auf Kursgewinne im Mittelpunkt stehen, sowie viele Fragen, die daran anschließen. Diese Krise schafft die Notwendigkeit zur fundamentalen Neuausrichtung der Kapitalanlage.

Mehr zum Thema: Im Interview mit der WirtschaftsWoche verrät der Schweizer Star-Investor Felix Zulauf, warum er mit Konjunktureinbruch, Bankenkrise und der Flucht von Anlegern aus der Eurozone rechnet.

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