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Shanghai von oben: Trotz Coronapandemie wächst Chinas Wirtschaft weiter - und hat somit die besten Konjunkturaussichten für 2021. Quelle: imago images

Corona und Economics 2021: China First

Mit großen Schritten bewegen wir uns auf das Jahr 2021 zu. Was werden die entscheidenden Themen für die Kapitalmärkte sein? Sicher ist schon jetzt: Corona wirkt noch weiter. Und viele andere Faktoren sind nun absehbar.

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Amerika hat gewählt – und Joe Biden hat gewonnen. Er ist „president-elect“, wie die Amerikaner den gewählten künftigen Amtsinhaber nennen. Wie üblich folgt der Amtseid erst am 20. Januar des Folgejahres. Einen Erfolg der legalen Einsprüche des Trump-Teams erwarte ich nicht. Dennoch, die Überraschung der Wahl war das starke Abschneiden der Republikaner insgesamt. Das Präsidentenrennen war in den entscheidenden „Swing States“ knapper als vorhergesagt, die Republikaner behalten mindestens die Hälfte des Senates und dürften meiner Erwartung nach bei der Stichwahl für zwei Senatssitze in Georgia am 5. Januar des neuen Jahres die Senatsmehrheit behaupten.

Damit ist ein großer politischer Block an Unsicherheit für die Kapitalmärkte aus dem Weg geräumt. Der zweite größere Block, die zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union, sollte auch bis Weihnachten entschieden sein. Ich erwarte, dass politische Unsicherheiten in 2021 tatsächlich eher „kurze“ Beine haben werden und Raum schaffen für andere Themen. Zwei ganz wesentliche Themen dürften dann die weitere Entwicklung der Coronakrise und zum anderen die Erwartungen an den Pfad der Konjunktur sein. Beide sind natürlich auch sehr eng miteinander verbunden.

Impfstoffe sollten zum Winterende an der Börse wirken

Beginnen wir mit der ersten und kurzfristig größten Herausforderung: der zweiten Corona-Welle. Zum Ende des Sommers hatten sich die Zahlen in Europa nochmals deutlich beschleunigt. Ein „Lockdown light“ war in vielen Ländern die Folge, was die Kapitalmärkte so nicht erwartet hatten. Doch die Korrektur an den Märkten wurde durch die positiven Meldungen von Biontech/Pfizer und Moderna über die baldige Zulassung eines in den Tests hochwirksamen Impfstoffes beendet.

Diese gegensätzlichen Effekte werden uns über den Winter weiter verfolgen: Hohe (Europa) und steigende Fallzahlen (USA), steigende Todesfälle, anhaltende Einschränkungen auf der einen Seite, weitere Impfstoffe, deren Hersteller ihre Effizienz und Einsatzfähigkeit bekanntgeben und die Hoffnung auf eine Rückkehr zum „alten Leben“ befeuern, auf der anderen Seite.

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    Diese beiden Faktoren werden auch die Kapitalmärkte antreiben, aber spätestens, wenn der Winter endet, sollten die positiven Effekte der beginnenden Impfungen das Duell dieser Einflussfaktoren für sich entscheiden. Aber Vorsicht: 90 bis 95 Prozent Impfeffizienz ist das Studienergebnis, die Verfügbarkeit wird sicher in der ersten Hälfte 2021 noch eine logistische Herausforderung werden. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass das Virus und sein negativer Einfluss auf die Wirtschaft schon 2021 vollständig zu den Akten gelegt werden kann.

    Coronakrisengewinner China

    Positiv bezüglich Corona sticht China hervor. China, das als erstes Land mit der Pandemie in großem Ausmaß konfrontiert war, hat sie als eines der wenigen Länder im Griff. Die Anzahl der Neuinfektionen ist minimal. Und chinesische Unternehmen sind in der Impfstoffforschung unter den „Frontrunnern“.



    China liegt auch bei einem anderen Thema vorne, das für 2021 ein zentrales zu werden verspricht: der konjunkturellen Entwicklung. China wird selbst im Jahr Eins von Corona wachsen. Für chinesische Verhältnisse ist das wenig: etwas über zwei Prozent real. Aber gemessen daran, dass die westliche Welt die größte Krise seit der großen Depression erlebt und der US-Präsident China mit Handelszöllen und Technologiesanktionen überzogen hat, ist das ein großer Erfolg. Dies wird untermauert durch die Fähigkeit Chinas, ein Handelsabkommen mit vielen asiatisch-pazifischen Staaten zu schließen, die sogenannte „Regional Comprehensive Economic Partnership“ (RCEP). Man könnte dies sozusagen ein „TPP-light ex US“ (Trans-Pacific-Partnership) bezeichnen. Zum Ende der Amtszeit Trumps heißt es damit, zumindest wirtschaftlich: „China First“.

    Werden die Kapitalmärkte 2021 dann nur auf China schauen? Mitnichten. China hat erhebliche Nachteile in der Governance, der abgesagte Börsengang der Ant-Group ist ein Beleg dafür, genauso wie die Verschärfung der Situation in Hongkong. Für die Kapitalmärkte wird China zwar immer wichtiger, seine Bedeutung für die globalen Kapitalmärkte bleibt aber unter seiner ökonomischen.

    In der Organisation ihrer Kapitalmärkte sowie der Rechtssicherheit haben die USA und Europa sicherlich Vorteile. In der Konjunkturentwicklung müssen sie aber erst noch aufholen. Dank der zu erwartenden Narben der Coronapandemie werden Europa und die USA auch weiterhin überdurchschnittlichen staatlichen Stimulus brauchen. Die Folgewirkungen der Corona-Pandemie sind zu stark (und teilweise noch nicht absehbar), dass sie schon 2021 alleine durch den Anstieg der privaten Aktivität geheilt werden können. Märkte für risikobehaftete Assets werden hohen staatlichen Stimulus mit positiver Resonanz beantworten. Sollten die Konjunkturhilfen aber an Parteistreitigkeiten in den USA oder an den Intra-EU Differenzen hängen bleiben und verzögert werden, wird die Börse das aber eher mit einer negativen Reaktion begleiten.


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    Weniger Politik, mehr Markt

    Dagegen wird meines Erachtens die Politik in die zweite Reihe der maßgeblichen Einflussfaktoren zurücktreten – und es gibt wohl keinen Börsianer, der das bedauert. Die großen Entscheidungen sind in 2020 gefällt, die Umwälzungen des Jahres 2016 aufgearbeitet. Die Ära Trump mit den unkalkulierbaren Tweets wird bald vorbei sein, bei den Brexit-Verhandlungen so oder so bis Ende des Jahres ein Ergebnis vorliegen. Dabei hat die Wahl Bidens einen Deal eher wahrscheinlicher gemacht, genauso wie der Abgang des einflussreichen Johnson-Beraters Cummings. Die Türkei, die Streitigkeiten in der EU, der Mittlere Osten, die politische Zerrissenheit in den USA, das Verhältnis zu Russland, die Auseinandersetzungen USA/China im Bereich Technologie und Geopolitik, all dies wird für kurzzeitige Volatilitäten sorgen, aber die Märkte sollten durch diese Unsicherheiten hindurchblicken können.

    Apropos China: Das Jahr 2021 wird in China das Jahr des Büffels sein. In Bezug auf Corona haben wir von vielen Seiten gehört, dass uns ein langer, dunkler Winter bevorsteht. Aber ganz ehrlich: Sieht ein Büffel in der Dunkelheit nicht einem Stier, einem Bullen, sehr ähnlich?

    Mehr zum Thema: Ratings haben mal über Kreditzinsen entschieden. Das ist vorbei. Machen Notenbanken die Ratingagenturen überflüssig?

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