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Geldanlage global
Quelle: imago images

Die Kapitalmärkte stehen vor einem stürmischen Herbst

Der Börsen-Herbst verspricht stürmisch zu werden. Er wird geprägt werden von dem Dreiklang Wachstum-Corona-Politik. Und alle drei Themen sind eng miteinander verbunden. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass dieser stürmische Herbst nur eine heilsame Übergangsphase sein könnte.

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Beginnen wir mit der ökonomischen Situation. Die Zahlen für das zweite Quartal des Jahres 2020 haben wie erwartet einen desaströsen Einbruch in der weltweiten Wirtschaftsleistung gezeigt. Das Sozialprodukt schrumpfte in Frankreich, Spanien oder Großbritannien prozentual zweistellig. Die Kapitalmärkte haben diesen Einbruch ohne große Aufregung zur Kenntnis genommen, denn sie haben darauf gesetzt, dass der außerordentlich expansive geld- und fiskalpolitische Stimulus die Basis für einen Aufschwung im zweiten Halbjahr sein sollte und sozusagen durch die schlechten Zahlen „hindurchgesehen“.

Die Frühindikatoren haben bereits vor Jahresmitte deutlich gedreht, die Ist-Zahlen für das dritte Quartal werden in vielen Ländern sehr gut sein, in einigen Ländern sind zweistellige Zuwachsraten beim Sozialprodukt zu erwarten. Aber: Man darf auch hier nicht die ausgesprochene Sondersituation vergessen. Ein Zahlenbeispiel soll dies verdeutlichen. Fällt das Sozialprodukt im zweiten Quartal um 20 Prozent und steigt dann im dritten Quartal um 15 Prozent, befindet sich das Level am Ende des dritten Quartals immer noch acht Prozentpunkte unter dem des ersten Quartals.

Auch eine solch beispielhafte Entwicklung wird etwas sein, das die Kapitalmärkte bereits erwartet haben und sich darauf konzentrieren, ob positive Frühindikatoren eine Bestätigung für die Fortsetzung des Aufschwunges in 2021 liefern. Denn die Idee eines Konjunkturaufschwungs, der sich mindestens bis Ende 2021 fortsetzt, ist derzeit einer der wesentlichen positiven Treiber für risikobehaftete Assets. Während China und dann USA positiv überraschten, enttäuschten Großbritannien und Frankreich bislang und Spanien ist ökonomisch in einer kritischen Situation, die auch durch die zweite Welle der Corona-Pandemie weiter verschärft wird.

Die Ängste vor einer zweiten Welle lassen sich am Beispiel Israel besonders prägnant verdeutlichen: Hatte das Land Covid-19 in der ersten Phase vorbildlich gemanagt und fast unter Kontrolle, führte eine zu schnelle und sorglose Öffnung wie auch eine kontinuierliche Verschiebung von Gegenmaßnahmen zu einer regelrechten Explosion der Fälle, die in der Spitze mehr als die zehnfachen Tageswerte der ersten Welle aufwiesen und aktuell in einen zweiten landesweiten Lockdown mündeten.

In der Eurozone konnte bislang der negative Einfluss der zweiten Welle auf die Konjunktur gut begrenzt werden. Zwar wurden bezogen auf die Gesamtzahl der Fälle in den Monaten August bis September schon die Werte der Covid-19-Fälle der Höchstmonate März/April um über hundertfünfzigtausend überschritten, wobei hier Frankreich und Spanien die Negativliste anführen. Die Todeszahlen sind aber weit geringer, sie sind im fraglichen Zeitraum in der Eurozone bislang um die 6.000 geblieben und damit bei etwa sechs Prozent der Todesfälle vom März/April. Besonders eindrucksvoll lässt sich das an den deutschen Zahlen festmachen: Die gemeldeten täglichen Todesfälle erreichten Mitte April in der Spitze über 500, nicht viel mehr hat es seit Jahresmitte insgesamt in Deutschland gegeben. Von daher gehen wir davon aus, dass in Europa scharfe, wirtschaftlich restriktive landesweite Lockdowns vermieden werden können.

Es dürfte allenfalls zu lokal eng begrenzten Lockdowns kommen – ungeachtet dessen wird die Reisetätigkeit sicherlich niedrig bleiben. Die USA haben ihrerseits bereits signalisiert, dass für sie die Schwelle für Lockdowns noch höher liegen würde als in Europa. Entsprechend erwarte ich derzeit nicht, dass ähnlich restriktive staatliche Eingriffe wie im Frühjahr die wirtschaftliche Erholung abwürgen wird.


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Angst und Unsicherheit sind Gift

Allerdings dürfen die Risiken der zweiten Corona-Welle nicht unterschätzt werden. Angst fördert weder die positive Stimmung noch die konsumtive Ausgabenbereitschaft. Unsicherheit ist auch kein Treiber für Investitionen. Insofern bleibt die Konjunktur auf weitere Unterstützung der Fiskalpolitik angewiesen. In der Europäischen Union ist mit dem European Recovery Fund (Next Generation EU) eine weitere expansive Fazilität zur Unterstützung insbesondere der schwächeren Länder ins Leben gerufen worden. Andere Maßnahmen, wie Kurzarbeitergelder, werden dagegen in einzelnen Ländern schon wieder heruntergefahren. In den USA steht das Nachfolgeprogramm für den CARES Act davor, zum Opfer wahltaktischer Streitereien zu werden, und gar nicht oder deutlich verspätet zu kommen. Eine deutliche Verzögerung oder gar ein Scheitern dieses Programms in den USA würde risikoreichere Kapitalanlagen belasten (die Unsicherheit allein ist schon jetzt schädlich) und eine Bewegung Richtung „Safe Haven“-Investments fördern.

Über die politischen Einflüsse der US-Wahlen habe ich vor vier Wochen geschrieben. Hier spitzt sich die Situation, wie zu erwarten, weiter zu und dürfte bis November, eventuell bis Weihnachten, einer der größten Volatilitätsverursacher an den Kapitalmärkten sein. Gleiches gilt für die auf Messers Schneide stehenden Brexit-Verhandlungen oder den sich zuletzt weiter verschärfenden Technologiekonflikt (Beispiele für Konfliktpunkte: die App TikTok oder der Disput um den chinesischen Chiphersteller SMIC) zwischen den USA und China. Je negativer die Corona-Entwicklung, desto höher auch das Risiko, dass politische Verhandlungen für wahltaktische Manöver missbraucht werden.



Politische Börsen haben, wie wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, nicht immer kurze Beine, sie müssen deswegen aber auch nicht kontinuierlich ein dominanter Faktor sein. Der Hauptfokus der längerfristigen Anleger an den Märkten liegt meines Erachtens unverändert auf den fundamentalen Entwicklungen und hier, wie bereits ausgeführt, auf einer durchgehenden Erholung auch im Jahr 2021.

So bin ich guten Mutes, dass der stürmische Herbst nur eine, vielleicht sogar heilsame Übergangsphase sein wird. Denn die Unterstützung der Geldpolitik ist den Märkten gewiss. Die beiden großen Notenbanken EZB und Fed haben signalisiert, dass ihre Geldpolitik auf Jahre hinaus expansiv bleiben wird. Trotz des politischen Streits bin ich der Überzeugung, dass wenn nötig, diesseits und jenseits des Atlantiks auch noch mehr fiskalischer Stimulus zur Konjunkturstabilisierung kommen wird. Die sinnvollste Investmentstrategie gründet darauf, die langfristigen Ziele zu definieren, die hinreichende Diversifikation sicherzustellen und eventuelle stärkere Sturmtage zu nutzen, in die angestrebten längerfristigen Allokationen günstig zu investieren.

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