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Geldanlage global
Das Verhältnis zwischen USA und China belastet die Kapitalmärkte stark. Quelle: imago images/Björn Trotzki

USA-China: Droht eine Teilung der Welt?

Der Wechsel von Trump zu Biden hat viel verändert, nicht aber die Rivalität der zwei größten Volkswirtschaften auf der Welt. Das Verhältnis zwischen den USA und China könnte sich zu einem langfristigen Belastungsfaktor für die Kapitalmärkte entwickeln.

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Beginnen wir mit einer persönlichen Geschichte. Die erste Ausgabe eines politischen Magazins, die ich in den 70ern kaufte, schmückte eine Titelgeschichte über Deng Xiaoping, den Reformer, der China dann nach den düsteren Jahren der Kulturrevolution in die wirtschaftliche Neuzeit führte. „Egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie frisst Mäuse“, war einer der Leitsätze des Mannes, der mit seinen Reformen den Grundstein für die wirtschaftliche Aufholjagd Chinas und den Aufstieg zur „Werkbank der Welt“ legte.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Auflösung der Sowjetunion beschleunigte sich die Globalisierung und ein die private unternehmerische Aktivität förderndes Peking war Teil dieser vertieften internationalen Arbeitsteilung. Chinas Nachfrage garantierte starkes Wachstum für westliche Unternehmen, die Investitions- und hochwertige Konsumgüter in das Reich der Mitte lieferten, Chinas günstigere Arbeitskosten trugen zur disinflationären Entwicklung im Westen wesentlich bei. Mit der Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO im Jahre 2001 war China im internationalen Handel integriert.

Nach größeren Krisen, insbesondere der asiatischen 1997/1998 und Lehman 2008, halfen Chinas Dynamik und Staatsausgabenprogramme die globale Konjunktur und damit auch die weltweiten Kapitalmärkte zu stabilisieren. China wurde stärker als Partner denn als Konkurrent gesehen und die Kapitalmärkte verbanden mit China in erster Linie Chancen, nur an zweiter Stelle Risiken.

Anders als im damaligen Ostblock hat jedoch in China keine Lockerung des Einparteiensystems stattgefunden, dafür aber eine weitgehende ökonomische Öffnung, die die Hoffnung auf eine spätere politische Öffnung am Leben erhielt. Allerdings hat der seit 2012 amtierende Parteichef, Xi Jinping, den Anspruch der Partei auf die alleinige politische Macht unterstrichen und selbst einige der Checks&Balances, die von Deng Xiaoping eingeführt worden waren, wieder aufgehoben (zum Beispiel die Amtszeitbegrenzung des Staatspräsidenten).



Trotz der wirtschaftlichen Öffnung Chinas zum Westen wird immer klarer, dass diese nicht für die politische Seite gilt. Vielmehr hat Peking gerade die Coronakrise zum Anlass genommen, das nicht-liberale politische System als Alternative zum Westen aggressiver als in der Vergangenheit zu vermarkten, gerade mit der zuerst in China aufgetretenen Coronaerkrankung, nach dem Motto, das politische System hat geholfen, COVID im eigenen Land schnell unter Kontrolle zu bringen.

Damit haben mehrere Faktoren zur signifikanten Verschlechterung des Verhältnisses mit den USA in den letzten Jahren geführt. Die Situation hatte sich schon länger angekündigt, wurde aber von Donald Trump auf die Agenda gesetzt. Er überzog China mit Zöllen und Vorwürfen („Chinese virus“), Xi Jinping umgekehrt, wie oben angesprochen, zementierte den alleinigen Machtanspruch der Kommunistischen Partei und etablierte eine aggressivere Außen- und Sicherheitspolitik. Aber es geht um mehr als einzelne Personen.

Aus US-amerikanischer Sicht war es chinesische Politik, die Amerika bei Handel und geistigem Eigentum übervorteilt, die unberechtigte Gebietsansprüche im südchinesischen Meer erhebt, die in Xinjiang Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren begeht und das „Ein Staat, Zwei Systeme-Modell“ von Hongkong untergräbt. Aus chinesischer Sicht ist es amerikanische Politik, die chinesische Technologiefirmen mit Sanktionen beim Wachstum ausbremst, in Bezug auf Hongkong und Taiwan die Einheit Chinas in Frage stellt und an einer generellen globalen Eindämmungspolitik (Containment) arbeitet, um einem Wettbewerber nicht eine den USA gleichberechtigte Rolle in der Welt zugestehen zu wollen.

Das Klima ist auf jeden Fall vergiftet, und Corona hat noch ein Zusätzliches getan, das gegenseitige Misstrauen zu erhöhen. Kapitalmärkte haben bislang wenig nachhaltig reagiert (außer kurzfristigen starken Reaktionen bei der Einführung und Erhöhung direkter Sanktionen und Zölle), weil wir uns trotz aller Rhetorik noch nicht auf einem unumkehrbaren Konfrontationskurs befinden. Denn beide, China und die USA, nein auch Europa und viele Emerging Markets haben seit dem Beitritt Chinas zur WTO in 2001 von dem intensivierten Handel profitiert. Doch auch wenn ein Konfrontationskurs noch nicht unumkehrbar ist, für die Kapitalmärkte ist China nun nicht nur Chance, sondern auch Risiko.

Risikoszenarien, die auf den sich verschlechternden Beziehungen Chinas zum Westen basieren, beginnen mit einer verschärfenden Fortsetzung und Intensivierung des Handelskrieges mit den USA. Eine weitere Eskalationsstufe könnte verbunden sein mit steigenden oder breiter angelegten Zöllen, weiteren Zulieferverboten für einzelne Unternehmen. Ein nächster Schritt könnte die Bedrohung von Unternehmen und Ländern, sich explizit oder implizit (über Sanktionsandrohungen) für eine Seite entscheiden zu müssen, bis hin zu einer Unterbrechung von Lieferketten und Rohstoffexporten, und – ein Tail-Szenario – eine militärische Eskalation um Taiwan umfassen.

Mit jeder höheren Intensität bei Sanktionen leidet nicht nur das Wirtschaftswachstum der direkt betroffenen Nationen, in der Anfangsphase USA und China, sondern auch insbesondere Länder mit hohen Exportquoten nach China, allen voran Europa. Emerging Economies leiden zu Beginn, bei einer weiteren Eskalation mag es aber dort auch Gewinner geben, nämlich solche, in die Lieferketten verlagert werden. Bei jeder Belastung der Beziehungen würden neben dem Wirtschaftswachstum auch die Unternehmensgewinne leiden. Die zusätzliche Störung von Lieferketten sollte auch für globale Inflationsimpulse sorgen. Daneben würde die Unsicherheit für Investoren höher und die Anlageauswahl kleiner. Besonders negativ wäre eine „Teilung“ der Welt in zwei nicht kompatible technologische Systeme.

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Investoren werden daher mit Blick auf die Entwicklung von Risikoszenarien hochrangige politische Meetings besonders aufmerksam auswerten, ob sich eine Entspannung oder eine weitere Verschärfung der Beziehungen abzeichnet. Eine besondere Bedeutung kommt Europa zu, denn es ist als Handelspartner für China von herausragender Bedeutung und für die USA in der neuen Strategie der Biden Administration, die eine „United Front“ des Westens sucht, ebenso. Diese Konstellation ergäbe für Europa auch das Potential für eine Rolle als Schlichter. Ob Europa diese Rolle wahrnehmen kann, bleibt zu sehen. In jedem Fall wird „China“ in den nächsten Jahren auch ein Risiko für Kapitalmärkte darstellen, und nicht nur Chance.

Mehr zum Thema: Nach dem chinesischen Fahrdienst-Vermittler Didi sind drei weitere jüngst in den USA an der Börse gelistete Online-Plattformen in Chinas Visier geraten.

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