WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Geldanlage Ist der Trend zur Nachhaltigkeit eine Gefahr für die deutsche Industrie?

Windrad Quelle: dpa

Die Politik fördert nachhaltige Geldanlage, die nicht nur ökonomisch sinnvoll sein will, sondern auch ökologisch und sozial fortschrittlich. Kritiker fürchten soziale Probleme in Ländern mit viel Industrie.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Geldanlagen mit Ökotouch bekommen gewaltig Aufwind. Wöchentlich kommen neue Produkte auf den Markt. Längst ist bewiesen, dass Nachhaltigkeit keine Renditenachteile hat. Seit in Umwelt- und Governance-Skandalen Werte vernichtet wurden und die Energiewende Geschäftsmodelle von Versorgern bedroht, sind Anleger offen für das Thema. Die Europäische Union, die Klimaziele erreichen muss, nimmt jetzt ebenfalls die Finanzbranche ins Boot, damit sie mit ihren Investitionen die Ziele unterstützt

Schon jetzt machen Großanleger Druck, wenn sie erwarten, dass durch den Wandel in der Wirtschaft Unternehmen leiden. Viele investieren nicht mehr in Kohle- und Ölförderer, engagieren sich für verantwortungsvolles Management auf Hauptversammlungen oder klagen etwa im Fall des Dieselskandals gegen Volkswagen. Den Folgen des größeren Einflusses, den Investoren geltend machen, müssen sich Unternehmen jeder Branche stellen, ob Stahl, Kohle, Plastik oder Ernährung.

Die Unternehmen können sich immer weniger verstecken: Etwa durch die seit 2017 geforderte Berichterstattung im Rahmen der Corporate-Social-Responsibility, sind sie viel transparenter geworden. Die darin veröffentlichten Informationen machen Nachhaltigkeits-Fortschritte der Unternehmen sichtbar aber Schwächen auch. Banker können neben traditionellen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen wie Gewinnen, Verlusten und Bewertungen von Aktien heute selbstverständlich Daten auswerten zum CO2-Ausstoß in der Produktion, Mitarbeiterzufriedenheit und -Fluktuation, Recyclingquoten, Wasserverbrauch, juristischen Auseinandersetzungen.

„Es ist ein Thema, dem sich der Kapitalmarkt immer mehr aktiv annimmt und der das Zeug hat, ein Dauerbrenner zu werden“, sagt Helge Wulsdorf, Leiter Nachhaltige Geldanlagen bei der Bank für Kirche und Caritas in Paderborn. Kirchenbanken gehörten zu Pionieren in dem Feld. Der promovierte Sozialethiker Wulsdorf weiß, dass die Paderborner Kirchenbank mit knapp fünf Milliarden Euro Bilanzsumme die Welt nicht retten kann, freut sich aber, dass die gesamte Finanzindustrie stärker in Richtung Nachhaltigkeit steuert. „Es ist keine Sache mehr für Weltverbesserer, sondern in der Breite des Kapitalmarktes angekommen.“

Doch wer da jetzt so mitmische, sei manchmal auch ein Mitläufer. „Bei einigen sagt vielleicht der Vorstand, ‚macht da irgendetwas‘, weil der Gesetzgeber es so will.“ Häufig blieben dabei allerdings Diskussionen über die Wirkungen und die Wertorientierung auf der Strecke. Bei ihm klopfen zum Beispiel verschiedene Ordensgemeinschaften an mit Detailfragen zur Stammzellenforschung oder Kinderarbeit und auch die Frage nach dem Plastikverbrauch beschäftigt viele. Die Frage, wie der Planet für die nächsten Generationen hinterlassen werden soll, werde immer drängender, so Wulsdorf. Da müsse jeder Vermögensverwalter, aber auch jedes Unternehmen eine Antwort finden.

Die Unternehmen, die sich der grünen Welle verweigern, soviel ist schon klar, werden es schwerer haben. Nachhaltigkeit wird industrialisiert und ein vielversprechender Markt. Nicht alles was angeboten wird, ist unumstritten, Daten sind mitunter noch wenig valide. Kritiker fürchten Anreize zu Fehlinvestitionen.

Der mit 983 Milliarden Pfund Anlegergeld mächtige britische Fondsriese Legal&General Investment Management (LGIM) hat vor einigen Tagen seinen Climate Impact Bericht veröffentlicht. LGIM benennt darin Unternehmen, die die Briten als führend bei Klimaschutzbemühungen ansehen. Dazu gehöre etwa der spanische Versorger Iberdrola, der sich bei der EU dafür eingesetzt habe, dass der Preis für Co2-Zertifikate steigen müsse. Der Ölmulti Total setze sich intensiv für erneuerbare Energien ein und die französische Bank BNP Paribas sei bei der Transparenz führend. Sie veröffentliche, welchen Co2-Ausstoß die von ihr finanzierten Energieerzeuger hätten. Die Franzosen wollen zudem Kohleabbau nicht länger finanzieren. Auch der Multi Nestlé sei beim Klimaschutz vorbildlich, weil schädliche Treibhausgase bis 2020 so reduziert werden sollen, dass das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung, auf das sich der Pariser Klimagipfel verständigt habe, eingehalten werden könne. Kein deutsches Unternehmen ist bei den Vorbildern dabei.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%