WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Geldmanager Jens Ehrhardt "Den Dax würde ich nicht mehr kaufen"

Seite 2/5

"Aktien sind der Einäugige unter den Blinden"

Was dann?

Die Geldpolitik, genauer gesagt: die Versorgung der Märkte mit frischem Geld und die Zinsen. Beides beeinflusst die Kurse sehr viel stärker als die Bewertung von Aktien. Ich habe die Börsen-Wendepunkte der vergangenen 40 Jahre untersucht und festgestellt, dass langjährige Haussen immer erst endeten, nachdem zuvor mehrfach und substanziell die Zinsen erhöht worden waren. Nur wenn Sie also glauben, dass in den nächsten Monaten die Zinsen steigen, sollten Sie raus aus Aktien.

Jens Ehrhardt Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Und was glauben Sie?

Ich denke, dass die Zinsen nahezu weltweit noch für lange Zeit niedrig bleiben werden. Denn die Schuldenlast der Staaten hat sich seit Beginn der Krise nicht verringert – im Gegenteil. Würden die Notenbanken die Zinsen substanziell steigen lassen, drohten unmittelbar Staatspleiten. Ex-US-Notenbank-Präsident Ben Bernanke soll auf einer Party jüngst ausgeplaudert haben, er sei der Meinung, dass es keine nennenswert höheren Zinsen geben werde, solange er lebe. Er ist erst 60. Etwas plakativ, aber durchaus denkbar.

Die niedrigen Zinsen dürften also weiter dafür sorgen, dass Anleger mehr Aktien kaufen und die Hausse befeuern?

Ja, auf lange Sicht schon. Die Niedrigzinsen machen Aktien nun mal relativ gesehen attraktiver. Vor allem, weil die Alternativen zur Aktie alle noch teurer sind: Eine Immobilie in guter Lage kostet umgerechnet den 25- bis 35-fachen Jahresgewinn; sie sollte eigentlich günstiger sein als eine gute Aktie, weil sie nicht so liquide handelbar ist. Eine Staatsanleihe, die zwei Prozent Zins bringt, hat umgerechnet ein KGV von 50. Aktien sind preislich der Einäugige unter den Blinden.

Diese Aktien sind Deflationsgewinner

Also sollte man welche haben?

Ich denke, ganz ohne geht es nicht. Und die von den meisten Experten seit drei Jahren gebetsmühlenartig herbeigeredete „Great Rotation“, die massenhafte Flucht von Großanlegern wie Versicherungen und Pensionsfonds aus Anleihen, hat noch kaum stattgefunden. Es ist nicht viel passiert, wenn man deren jetzige Aktienquoten mit den Neunzigern vergleicht. Das Gros der Mittel bleibt am Rentenmarkt investiert. In den ersten Monaten 2014 gab es sogar eine leicht rückläufige Tendenz: Renten- und Geldmarktfonds hatten wieder netto Zuflüsse, vor allem in den USA. Die Manager großer Mischfonds und -portfolios in den USA haben derzeit sehr hohe Cash-Quoten. Da ist noch Munition für steigende Kurse.

Und was macht der deutsche Privatanleger?

Der ist diesmal gar nicht dabei; die Zahl der freien Aktionäre sinkt und sinkt, obwohl die Kurse steigen. Die Gefahr besteht durchaus, dass der deutsche Privatanleger wieder erst einsteigt, wenn die Party schon vorbei ist.

Warum sollte die Party denn vorbei sein?

Vorbei noch nicht; aber mit einer Pause in den kommenden Wochen oder Monaten rechne ich. Das Wachstum der Geldmengen und, davon abgeleitet, die Überschussliquidität, also die Liquidität, die nicht zur Finanzierung des Wirtschaftswachstums benötigt wird und zum Teil an die Kapitalmärkte fließt, signalisieren dies. Das Wachstum der Geldmenge M1...

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%