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Gewinnzahlen Wie Anleger Bilanzkniffe entlarven

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„Es wird immer wieder Bilanzskandale geben“

Wecken solche Zahlen Vertrauen?
Bei mir nicht. Es fehlt an Vergleichbarkeit und vermittelt aus den genannten Gründen den Anschein, als wollte ein Unternehmen seine Zahlen nach außen hin schönen. Die Unternehmen fühlen sich da ja frei, zu berichten. Warum sollten die nach Instrumenten und Anpassungen greifen, welche für sie von Nachteil sind? Dies wird erst deutlich, wenn auf einmal vom bisherigen Vorgehen der Bereinigung abgewichen wird. Meist ist das von außen nicht zu erkennen, weil die Bereinigungsschritte nicht offenbart werden oder über diese bislang so wichtige Pro-forma-Kennzahl auf einmal gar nicht mehr berichtet wird.

Teilweise sind solche Anpassungen in der Bereinigung mit tautologischen Begründungen verbunden. Oft wird die Struktur der Berichterstattung geändert, um die Vergleichbarkeit zu erschweren. Oder es werden zusätzliche Kennzahlen offenbart, um andere zu verwässern. Manchmal hat man sogar das Gefühl, die Unternehmensstrukturen werden nur deshalb geändert, um Abschlüsse nicht mehr vergleichbar zu machen, damit negative Entwicklungen nicht auffallen.

Sehen Sie nach Wirecard ohnehin das Vertrauen in Unternehmensmanager und zudem in Wirtschaftsprüfer erschüttert?
Es wird immer wieder Bilanzskandale geben, die das Vertrauen in Manager und Wirtschaftsprüfer, aber – im vorliegenden Fall – auch in die staatliche Aufsicht, erschüttern. Wie groß dieses Beben ist, hängt aber auch davon ab, was wie berichtet wird. Allerdings sollte unterschieden werden zwischen (a) richtigen, (b) falschen Abschlüssen und (c) gefälschten Abschlüssen.

Der überwiegende Teil der Abschlüsse gehört zu (a), weil er sich in den Grenzen bewegt, die HGB oder IFRS vorgeben. Richtig bedeutet aber nicht fehlerfrei, sondern nur – und hier muss man nun jedes Wort auf die Goldwaage legen –, dass mit hinreichender Sicherheit wesentliche Fehler ausgeschlossen werden. Genau darauf ist die Jahresabschlussprüfung ausgelegt. Ein Wirtschaftsprüfer führt schließlich keine Vollprüfung durch. Es besteht also immer ein Restrisiko, dass nicht entdeckte Fehler existieren, auch wenn ein uneingeschränktes Testat vorliegt. An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass es sich hierbei nur um ein Siegel für die Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung und nicht um ein Siegel für die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens handelt.

Die unter (b) fallenden falschen Abschlüsse, also solche, die mit wesentlichen Fehlern belastet sind, sind eher selten beziehungsweise ohnehin mit einem eingeschränkten oder gar verweigerten Testat des Wirtschaftsprüfers belegt. Gefälschte Abschlüsse, also jene der Kategorie (c), sehe ich als eine Ausnahme. Solche Manipulationen werden im Regelfall von der Unternehmensleitung unter Mitwirkung von Spezialisten verübt. Ein Wirtschaftsprüfer führt keine Prüfung auf Betrugsfälle durch – nur bei Verdachtsfällen muss er seine Prüfung ausweiten. Die Verpflichtung zur Aufdeckung beziehungsweise Verhinderung krimineller Handlungen liegt tatsächlich vorrangig bei der Unternehmensleitung des jeweiligen Unternehmens und beim Aufsichtsrat. Wenn man an die Quotenregelungen denkt, sind bei der Besetzung dieser Gremien jedoch andere Präferenzen politisch gewollt, welche sich durchaus auf den Wirtschaftsstandort auswirken können.

Es gibt bei den Wirtschaftsprüfern nun Reformen, vor allem eine höhere Haftung und häufigere Rotationen, nutzt das?
Bezüglich der Anhebung der Haftungsobergrenzen für Wirtschaftsprüfer denke ich eher, dass diese die bestehende Spaltung im Markt für Abschlussprüferleistungen vergrößern. Für kleinere Prüfungsgesellschaften werden so gewisse Segmente wirtschaftlich unattraktiv. Der damit verbundene geringere Wettbewerb könnte sich auf die Prüfungsqualität auswirken. Auf der anderen Seite sind die in Rede stehenden Haftungssummen aus Sicht der Geschädigten oftmals nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Neben der geplanten Erhöhung der Haftungsobergrenzen soll es zu einer Ausweitung der Haftung kommen, indem ein Abschlussprüfer nicht nur bei Vorsatz unbeschränkt haftet, sondern bereits bei grober Fahrlässigkeit. Dies ist zu begrüßen. Die vorgetragenen Sorgen der Wirtschaftsprüferkammer und des Instituts der Wirtschaftsprüfer, dies könne sich unter Umständen negativ auf die Attraktivität des Berufsstandes auswirken, halte ich für unbegründet. Andere freie Berufe – Ärzte zum Beispiel – leben mit dieser erweiterten Haftung und sterben nicht aus. Wer schlampig arbeitet, muss auch für den entstehenden Schaden aufkommen.

Vielleicht hat die Ausweitung der Haftung sogar positive Effekte auf den Berufsstand: Sie hält ausschließlich extrinsisch motivierte Personen davon ab, den Beruf des Wirtschaftsprüfers zu ergreifen. Natürlich kann bei einer langjährigen Prüfung eine Betriebsblindheit aufkommen, die durch verstärkte Rotation vermindert werden kann. Dennoch bleibt festzuhalten: Wenn es sich um absichtlichen, minutiös und von langer Hand geplanten Betrug handelt, ist es für einen Wirtschaftsprüfer, ohne einen konkreten Verdacht, schwierig, diesen aufzudecken. Das haben viele Bilanzskandale der vergangenen Jahre gezeigt. Zudem hätten die verschärften Rotationsregeln keine Auswirkungen auf den Fall „Wirecard“ gehabt.

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