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Gewinnzahlen Wie Anleger Bilanzkniffe entlarven

Quelle: imago images

Der Bilanzexperte Gerrit Brösel verrät, wo Anleger in Geschäftsberichten von Unternehmen echte Erkenntnisse gewinnen und warum es keine Garantie gegen einen zweiten Fall Wirecard geben wird.

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Gerrit Brösel, 49, ist seit 2011 Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsprüfung, an der Fernuniversität in Hagen. Zuvor hatte er diverse wissenschaftliche Positionen inne, so die Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre/Rechnungswesen an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Der studierte Betriebswirt arbeitete vor seiner Hochschulkarriere bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC.

WirtschaftsWoche: Herr Brösel, Sie als Bilanzspezialist, welche Positionen schauen Sie sich in der Regel als erstes oder ganz genau an?
Gerrit Brösel: Grundsätzlich richte ich mein Augenmerk auf den Goodwill, also die Prämie, die Unternehmen bei Übernahmen bezahlen. Dazu kommen das selbstgeschaffene immaterielle Vermögen, Finanzanlagen, vor allem bei Abschlüssen nach internationalen Regeln, sowie Vorräte, Rückstellungen und Abschreibungen. Wichtig ist auch, in welcher Branche das jeweilige Unternehmen tätig ist. Welche Posten beziehungsweise welche Bilanz- und Ergebnisrelationen sind für das Unternehmen beziehungsweise für diese Branche ungewöhnlich? Zudem sehe ich mir nicht nur den aktuellen Abschluss an, sondern die Entwicklung der Posten und Relationen über einige Jahre hinweg.

Warum wählen Sie dieses Vorgehen? Warum sind die besagten Positionen so relevant?
Je nach Branche habe ich eine tendenzielle Erwartungshaltung, was die Relationen betrifft. Das Vorratsvermögen muss zum Beispiel stimmig zu den ausgewiesenen Umsatzerlösen sein. Sehe ich mir den Abschluss eines anlagenintensiven Produktionsunternehmens an, spiegelt sich das im (historischen) Anlagevermögen wider. Wie sind die Anlagen finanziert? Wie sieht hierzu der Kapitaldienst aus? Bei einem Bauunternehmen spricht das Verhältnis von noch nicht abgerechneten Leistungen und erhaltenen Anzahlungen in der Regel Bände.

Gerrit Brösel, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fernuni Hagen und Experte für Wirtschaftsprüfung. Quelle: Privat

Zudem ist relevant: Womit verdient die Unternehmung eigentlich Geld? Worin besteht also die Wertschöpfung? Sind die im Geschäftsmodell innewohnenden Risiken abgesichert? Ohne dass Sie das Geschäftsmodell verstanden haben, können Sie keine seröse Abschlussanalyse und, das sei nebenbei bemerkt, erst recht keine seriöse Abschlussprüfung durchführen. Die genannten Posten schaue ich mir an, weil diese entweder besonders anfällig für Manipulationen sind, das heißt, man hat hier einen hohen bilanzpolitischen Spielraum. Oder in den Posten ist besonders viel „Luft nach unten“, wie beim Goodwill. Unterm Strich ist es bei diesen Posten für ein Unternehmen leicht, Grauzonen auszunutzen oder zu überschreiten, um seine Zahlen für die Adressaten zu „schönen“. Bankguthaben auf Treuhandkonten – die bei Wirecard ja in der Konzernbilanz 2019 zuletzt 1,9 Milliarden Euro ausmachten und damit ein Viertel der Bilanzsumme – gehören normalerweise nicht dazu. Auffällig waren diese allenfalls in der Zeitreihe und in Relation zu anderen Abschlussgrößen.

Früher galt das Handelsgesetzbuch mit seinen Regeln, heute greifen internationale Vorschriften – welche Auswirkungen hat das gehabt?
Das HGB ist sicher noch lange nicht tot, denn Totgesagte leben meist länger. Wir dürfen in Deutschland nicht vergessen, dass wir immer noch einen hervorragenden Mittelstand haben, für den internationale Vorschriften uninteressant sind. Die Rechnungslegung in diesen Unternehmen erfolgt – abgesehen von internen Zwecken – aus steuerlichen Gesichtspunkten, zu Finanzierungszwecken und für die Gewinnausschüttung nach HGB. In Deutschland sind die internationalen Regeln IFRS (International Financial Reporting Standards) grundsätzlich lediglich für kapitalmarktorientierte Unternehmen und nur für Konzernabschlüsse verpflichtend anzuwenden. Für alle anderen Unternehmen und Abschlüsse gilt weiterhin eine Rechnungslegungspflicht nach den Vorschriften des HGB mit der Maßgabe eines befreienden Konzernabschlusses nach IFRS auf freiwilliger Basis.

Die Internationalisierung ist aber nicht zu leugnen. Vergleicht man HGB- und IFRS-Bilanzierung miteinander, kann man sagen, dass sich der Fokus der Bilanzpolitik, welche die Unternehmen betreiben, um Abschlusszahlen legal zu beeinflussen, verschiebt. Wenn es nach HGB vor allem explizite Wahlrechte sind, deren Ausnutzung ich aus dem Anhang zumindest tendenziell ersehen kann, erfolgt Jahresabschlusspolitik nach IFRS vor allem durch die Gestaltung von zu bilanzierenden Sachverhalten, also subtiler und unbemerkter sowie, das würde ich behaupten, in größerem Umfang. Die Internationalisierung ist somit – bereits, wenn man von einem erhöhten Fortbildungsbedarf und den direkten Kosten absieht – teuer erkauft. Welche Auswirkungen die internationale Rechnungslegung hat, sehen wir heute ganz deutlich an der Goodwill-Bilanzierung. Was dort bilanziert wird, liegt – so hat es den Anschein – allein „in Gottes Hand“. Sie haben ja gerade wieder ermittelt, dass allein im Dax der Goodwill mehr als 300 Milliarden Euro ausmacht und darauf kaum abgeschrieben wird. Allein dieser Posten könnte sich als toxisch herausstellen.

Was halten Sie davon, wenn Unternehmen außer der Reihe eigene Gewinnzahlen erfinden, die nicht im Regelbuch stehen, wie etwa ein bereinigtes Ergebnis vor Abschreibungen, Zinsen und Steuern?
Dieses hat immer einen faden Beigeschmack. Es erweckt den Anschein, als wären reguläre Gewinnzahlen für diese Unternehmen nicht geeignet, um ein positives Bild für die Adressaten zu erreichen, weshalb lieber eigene Zahlen entwickelt werden, die eine positives Außendarstellung ermöglichen. Das gilt auch für viele vermeintlich neu erfundene Kennzahlen, die mit hipp klingenden Namen aus dem angelsächsischen Raum kommen. Selten sind sie neu, sondern deren Aussagekraft unter anderer Bezeichnung in der deutschen Literatur schon ausreichend kritisch gewürdigt. Wenn sie dann doch neu sind, wird selten hinterfragt, ob es sinnvoll ist, Kennzahlen, die für eine andere Unternehmenskultur entwickelt wurden, auch im deutschen Kulturkreis zu verwenden.

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