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Gold „Zehn Jahre Freibier-Mentalität an den Anlagemärkten“

Nahaufnahme eines Goldbarren Quelle: dpa

Warum Gold in jedes Portfolio gehört und der Dollar auf lange Sicht seinen Status als Weltleitwährung einbüßen wird, erläutert Ronald-Peter Stöferle, Partner und Fondsmanager bei der unabhängigen Investmentboutique Incrementum in Liechtenstein.

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WirtschaftsWoche: Wird der Goldpreis langfristig vom Schwenk der US-Notenbank Fed profitieren?
Ronald-Peter Stöferle: Als Leitregel gilt: Je expansiver die Geldpolitik, desto besser ist das Umfeld für Gold. Die Fed und andere Notenbanken vollziehen gerade einen monetären U-Turn. Binnen zehn Jahren hatten sie 18.000 Milliarden Dollar aus dem Nichts geschöpft. Damit haben sie den Anlagemärkten ein Sicherheitsnetz geboten. Nach zehn Jahren Freibiermentalität hat man im vergangenen Jahr ganz vorsichtig begonnen, den Märkten Liquidität zu entziehen. Im Schlussquartal 2018 war es dann so, dass die Liquidität seitens der Notenbanken global erstmals reduziert wurde. Und die Märkte haben dann rasch gezeigt, was passiert, wenn ihnen das Sicherheitsnetz fehlt. Der Dezember war der schwächste Aktienmonat seit der großen Depression in den USA. In diesem Umfeld hat Gold bewiesen, dass es als perfekter Portfoliostabilisator funktioniert. Jetzt befinden wir uns in einem Zinssenkungswettbewerb. Nicht nur die Fed hat Zinssenkungen angekündigt, auch Mario Draghi wird die Zinsen erwartungsgemäß nicht erhöhen.

Wohin will er die Zinsen senken? Die sind schon bei null Prozent.
Er könnte eine neue Runde von Wertpapierankäufen starten. Als Goldanleger kann man diesen Abwertungswettlauf eigentlich ganz entspannt beobachten.

China ist der wichtigste Goldmarkt, sowohl auf der Produktionsseite als auch als Absatzmarkt. Werden die Chinesen als Verlierer aus dem Handelskrieg mit den USA hervorgehen?
Im Gegenteil. Die Chinesen sind sich bewusst, dass sie am längeren Hebel sitzen. Ich war kürzlich in Shanghai und habe dort mit vielen Leuten geredet. Präsident Xi Jinping muss 2020 keine Wahl gewinnen. Für die Chinesen ist die langfristige Perspektive wesentlich bedeutender als die kurzfristige Sicht, die die USA derzeit verfolgen. In den USA sind beide politische Lager klar auf eine Anti-China-Rhetorik eingeschwenkt. Das wird ein großes Thema im Wahlkampf werden. Wenn Sie Reden von US-Vizepräsident Mike Pence hören, klingt das nach Kriegsrhetorik. Das ist schon besorgniserregend.

Wie beeinflusst das den Goldpreis?
Es ist kein Zufall, dass China mittlerweile regelmäßig seine Goldbestände publiziert. Es war zuvor schon ein offenes Geheimnis, dass die People‘s Bank of China regelmäßig zukauft. Und wir wissen auch, dass die chinesischen Privatpersonen zukaufen. Wir haben hochgerechnet, dass in China insgesamt 28.000 Tonnen Gold gelagert sind. Und Gold spielt in dieser Wechselwirkung sicher eine Rolle. Denn es ist ja nicht nur ein Handelskrieg, sondern weit mehr noch ein Währungskrieg.

Aber das Vertrauen in die Notenbanken erscheint noch unerschütterlich?
Das Vertrauen bröckelt, in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Das sehen wir in der Politik, auch im Medienbereich. Aber Sie haben Recht. Das Vertrauen in die US-Notenbank und in den Dollar ist nach wie vor auf einem ziemlich hohen Niveau. Man darf nicht vergessen, dass sich die US-Wirtschaft im längsten Konjunkturzyklus der Geschichte befindet und wir uns in einem Bullenmarkt befinden, an den Aktienmärkten, aber auch den Immobilienmärkten oder bei Kunst. Wir befinden uns sozusagen inmitten einer Everything-Bubble. Solange diese Bubble von der Geldpolitik am Leben gehalten wird, solange wird das Vertrauen in die Notenbanken intakt bleiben.

Was könnte dieses Vertrauen zerstören?
Wenn die Märkte schwächer tendieren. Einen Vorgeschmack haben wir ja Ende 2018 bekommen. Die Frage ist, wie werden Notenbanken auf die nächste Rezession reagieren, wie werden sie auf den nächsten Einbruch an den Aktienmärkten reagieren.

Was glauben Sie?
Mit Zinssenkungen, neuen Runden von Wertpapieraufkaufprogrammen, Negativzinsen auf breiter Flur wie vom Internationalen Währungsfonds vorgeschlagen – oder noch abstrusere Ideen wie beispielsweise der Modern Monetary Theory...

...wonach eine Regierung Geld druckt und damit ihre Ausgaben bestreitet, während Steuern nicht als Finanzierungsinstrument dienen, sondern eingesetzt werden sollen, um die Inflation zu begrenzen, indem ein Teil des Geldes wieder eingesammelt wird...
...oder Helikoptergeld. So etwas wird kommen, so sicher wie das Amen im Gebetsbuch. Die Geldpolitik wird zunehmend expansiver. Das bedeutet umgekehrt ein positives Umfeld für Gold.

Die vielen Handelskonflikte und Sanktionen seitens der USA unterminierten die Rolle des Dollar als wichtigste Reservewährung. Russland etwa hat seinen Bestand an US-Staatsanleihen nahezu komplett abgebaut und gegen Gold getauscht. Auch andere Länder wenden sich vom Dollar ab und kaufen Gold. Selbst Zentralbanken aus der Europäischen Union haben Gold gekauft. Warum hat der Dollar trotzdem aufgewertet?
Kurz- und mittelfristig ist die Geldpolitik der wesentliche Treiber für den Wechselkurs des Dollar. Die Fed hat die Zinsen erhöht, während der Rest der Welt die Füße stillgehalten hat. Anlagen im Dollarraum waren dadurch attraktiver. Dieser relative Zinsvorteil hat den Dollar gestärkt. Doch nun, wo in den USA der monetäre U-Turn stattfindet, wird sich dieser Zinsvorteil vermutlich verringern. Medial hat man das Gefühl, die USA wären ökonomisch eine Insel der Glückseeligen, während etwa Europa am Boden liegt. Schaut man sich die Fundamentaldaten an, sieht es anders aus. Beispielsweise lag das Budgetdefizit der Eurozone im vergangenen Jahr bei knapp 60 Milliarden Euro gegenüber 700 Milliarden Dollar in den USA. Die vergleichsweise bessere Konjunktur in den USA war zu einem Großteil einem fiskalischen Stimulus geschuldet. Ich gehe jetzt von einem schwächeren Dollar aus. Langfristig wird sich die Entdollarisierung, also die Abkehr vom Dollar, fortsetzen. Das ist ein Megatrend. Wichtige Vertreter der EU stellen die Dollar-Hegemonie bereits in Frage. Immer mehr Handelsabkommen werden bilateral geschlossen unter Umgehung des Dollar. Die neue Seidenstraße ist so gesehen die Antwort der Chinesen auf die Dollar-Hegemonie. Ganz langfristig wird der Status des Dollar darunter leiden.

Was bedeutet das für Gold?
Gold spielt in diesem Kontext eine ganz wesentliche Rolle, denn die bedeutenden Mächte haben entweder viel Gold, wie die Eurozone oder die USA, oder kaufen massiv zu, wie China, Russland, Indien oder die Türkei.

Warum gehört Gold ins Portfolio?
Gold ist die perfekte Versicherung, gegen Inflation, gegen Rezessionen und gegen Einbrüche an den Aktienmärkten.

Von Inflation ist derzeit wenig zu spüren.
Das Magazin „Business Week“ titelte unlängst: „The Death of Inflation“. Da hat man eher vor einer langfristigen, bösen Deflationsspirale gewarnt. Das hat ein wenig anekdotische Evidenz, weil die Geldpolitik ja gerade steigende Preise erreichen will. Aber es zeigt, dass Inflation im Moment kein Thema ist. Früher oder später wird sie aber wieder zum Thema, da bin ich mir sicher. Und in einem inflationären Umfeld ist Gold ein hervorragendes Absicherungsinstrument.

Wie hoch sollte der Goldanteil im Portfolio sein?
Dazu gibt es zahlreiche akademische Studien, aber man kann das nicht pauschal sagen. Es kommt auch auf die Risikostruktur und die anderen Bestandteile des Portfolios an. Aber zwischen fünf und 15 Prozent sollte der Goldanteil schon liegen.

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