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Greenwashing-Vorwürfe „Es stellt sich kaum jemand so dämlich an wie DWS“

Der frühere BlackRock-Nachhaltigkeitschef Tariq Fancy Quelle: imago images

Ist nachhaltige Geldanlage eine Mogelpackung? Grüne ETFs brächten dem Klima nichts, sagt der frühere BlackRock-Nachhaltigkeitschef Tariq Fancy im Interview – und greift auch die deutsche Fondsgesellschaft DWS an.

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Eigentlich gilt nachhaltige Geldanlage als Megatrend, Milliarden fließen in Anlageprodukte mit dem Label ESG. Es steht als englische Abkürzung für Umwelt, Sozialstandards und gute Unternehmensführung (Environment, Social and Governance). Doch nun erschüttern schwere Vorwürfe die Branche. Die ehemalige Nachhaltigkeitschefin von Deutsche-Bank-Tochter DWS, Desiree Fixler, warf ihrem alten Arbeitgeber Greenwashing vor, was der allerdings bestreitet. Als dann noch bekanntwurde, dass Aufsichtsbehörden weltweit die Vorwürfe untersuchen, brach die DWS-Aktie an einem einzigen Tag um fast 14 Prozent ein. Über eine Milliarde Euro an Börsenwert löste sich in Luft auf.

Fixler ist nicht die einzige Insiderin, die der Finanzindustrie ihre Bemühungen nicht abkauft. Auch Tariq Fancy, ehemals Chef für nachhaltige Geldanlage beim Vermögensverwalter BlackRock, erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber und die Branche insgesamt. Fancy hatte von Januar 2018 bis September 2019 für BlackRock gearbeitet. Mit über neun Billionen Dollar an verwaltetem Vermögen ist die US-Investmentgesellschaft der größte Vermögensverwalter der Welt. In Deutschland ist sie vor auch für ihre ETF-Marke iShares bekannt. iShares bietet viele ETFs mit einem ESG-Label an. Nachhaltigkeit solle zum Investmentstandard werden, verkündet BlackRock öffentlichkeitswirksam. Doch Fancy sieht dahinter vor allem Marketing, mit durchaus gefährlicher Wirkung. Dem Klimaschutz - das macht er im WirtschaftsWoche-Interview deutlich - sei so aus seiner Sicht jedenfalls nicht gedient.

WirtschaftsWoche: Herr Fancy, Sie haben die ESG-Offenlegungsstrategien der Finanzbranche ein „gefährliches Placebo“ genannt. Was genau stört Sie?
Tariq Fancy: ESG hat für mehr Offenheit gesorgt und das ist erst einmal gut. Es ist wünschenswert, dass es mehr Daten über Umweltstandards und ähnliches gibt, die man im bestenfalls gemessen an möglichst einheitlichen Maßstäben vergleichen kann. Doch das reicht nicht. Das Argument für ESG ist ja, dass allein das Veröffentlichen dieser Daten zu Verbesserungen führt. Das halte ich für gefährlich. Es gibt auch keinen Grund, das zu glauben. Die Vergütung von Vorständen ist beispielsweise seit Jahrzehnten öffentlich und trotzdem sind die Gehälter nicht gesunken, sondern gestiegen. Und die Kalorienangaben in Fast-Food-Restaurants haben auch nicht das Übergewicht in der Gesellschaft eliminiert. Bei BlackRock habe ich gesehen, dass das kurzfristige Profitinteresse weiterhin über den langfristigen Auswirkungen auf den Planeten steht. Daran ändern ESG-Offenlegungen nichts. Es braucht einen Impuls von außen, um die Anreize zu verändern – etwa eine CO2-Steuer oder einen Mindestlohn. Es braucht einen Schiedsrichter. Und das kann nur der Staat sein.

Transparenz und kreative Zerstörung reichen nicht?
ESG ist ein neoliberaler Ansatz. Und er ist dem Problem nicht gewachsen. Der Klimawandel ist das größte Marktversagen in der Geschichte. Und was ist unsere Antwort? Der Markt soll es lösen. Das kann nicht funktionieren – schon gar nicht in dem Tempo, das nötig wäre, um beispielsweise den Klimawandel noch abzufedern. Es ist also kein Wunder, dass ESG bislang kaum zu messbaren positiven Entwicklungen geführt hat. Ich habe dieses Problem in einem internen Memo zusammengefasst, aber es hat leider kaum jemanden interessiert. Stattdessen klammern wir uns weiter an die Illusion, wir könnten Gutes tun und dabei Geld verdienen, ohne dass der Staat sich einmischt. Dabei ist klar, dass die Bekämpfung des Klimawandels viel Geld kosten wird. Und es ist gefährlich, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit immer noch glaubt, ESG sei die Lösung. Denn dieser Irrglaube bremst staatliches Handeln. Die vermeintlich leichten Dinge wie angeblich grüne Investments lenken von den wirklich benötigten Maßnahmen ab, die den Klimawandel bremsen könnten. Das ist so, als würde man einem Krebspatienten ein Placebo anbieten, obwohl er eine Chemotherapie braucht.

Fondsmanager kontern Ihre Kritik mit dem Hinweis, dass es nun einmal keine einheitliche Definition von ESG gebe, weshalb die konkreten Auswirkungen schwer messbar seien. Braucht es klarere Regeln?
Ich denke, die Regierungen müssen hier etwas tun. ESG ist schwer zu definieren und hängt stark von Werten und Vorstellungen ab. In Deutschland ist Atomkraft böse, in Frankreich hervorragend. Es kann sich also jeder das herauspicken, was er will. Für Finanzmanager ist das eine Herausforderung. Ich wüsste an ihrer Stelle auch nicht, was ich tun sollte. Da ist es kein Wunder, dass sie sich am bestehenden System orientieren und einfach mit dem geringstmöglichen Aufwand ihre bestehenden auf Rendite ausgelegten Produkte ein bisschen ummodellieren und einen grünen Sticker draufkleben. Das tun sie nicht, weil sie böse sind. Sie wollen schlicht im bestehenden System bleiben. Ohne Regulierung bleibt der Wilde Westen. Alles kann grün sein.

Wenn so viele vermeintlich grüne Produkte gar nicht nachhaltig sind, droht den Anbietern dann womöglich Ärger mit der Justiz oder mit Aufsichtsbehörden wie der US-Börsenaufsicht SEC?
Die SEC könnte auf jeden Fall mehr tun, aber wirkliche Konsequenzen haben die Anbieter wohl nicht zu fürchten. Was sie tun, ist nicht illegal. Sie erwecken den Eindruck, dass man durch den Kauf eines grünen ETFs etwas gegen den Klimawandel unternehmen könnte. Das stimmt zwar nicht und ich halte es für schädlich, aber es ist nicht verboten. Dafür sorgt üblicherweise das Kleingedruckte in den Verträgen. Es stellt sich kaum jemand so dämlich an wie DWS, die öffentlich behauptet haben, etwas zu tun und dann in internen Nachrichten einräumen, es nicht zu tun.

Die EU hat für Fonds bereits einen gesetzlichen Rahmen zur Nachhaltigkeit geschaffen. Ein Vorbild für die USA?
Das Signal aus Europa ist erst einmal ermutigend. Es ist gut, dass es Standards dafür gibt, welche Produkte sich grün nennen dürfen. Und dass infolgedessen Fonds im Wert von zwei Billionen Dollar das Label ESG verloren haben, zeigt, wie groß das Problem ist. Aber noch wichtiger ist die Regulierung der Realwirtschaft. Wir müssen einen Weg finden, Dinge, von denen wir weniger sehen wollen, teurer zu machen – etwa eine CO2-Steuer. Nur dann werden wir wirkliche Veränderungen sehen. Und der Finanzmarkt wird folgen.

Ist der Finanzmarkt also gar nicht in der Lage, positive Veränderung herbeizuführen?
Das sehe ich nicht so. Private langfristige Investments können eine positive Rolle spielen. Ein Climate Tech Fund, der vielleicht eine Milliarde Dollar in Carbon Capture Technologie investiert, kann viel bewegen. Es stellt Innovatoren neues Kapital zur Verfügung. Aber zu häufig fließt Geld in Produkte, die ohnehin schon auf den öffentlichen Märkten gehandelt werden. Ob ich in einen normalen ETF oder in einen grünen ETF investiere, macht für das Klima kaum einen Unterschied. Für die Fondsgesellschaften allerdings schon. Das vermeintlich grüne Produkt kostet mehr Gebühren.



Wie hat BlackRock eigentlich auf Ihren Vorwurf reagiert?
Bislang überhaupt nicht. Ich hatte das Unternehmen vor meiner Veröffentlichung informiert und habe immer noch gute Beziehungen dorthin. Außerdem bezog sich meine Kritik ja nicht nur auf BlackRock, sondern auf das gesamte System. Ich habe meinen Text zudem in dem Wissen geschrieben, dass es keine gute Antwort auf ihn gibt. Genau das ist ja das Problem. Es gibt keine gute Antwort. Und deshalb hat BlackRock kein Interesse an einem öffentlichen Streit. Ich vermute, sie hoffen einfach, dass die Kritik von selbst wieder verschwindet.

Mehr zum Thema: Grüne Geldanlage liegt im Trend. Der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS wird dabei nun Etikettenschwindel vorgeworfen. Jetzt meldet sich auch die DWS zu Wort.

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