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Griechischer Schuldenschnitt Fondsbranche rechnet mit Anlegerprozessen

Wer über einen Fonds in Griechenland investiert hat, muss um sein Investment bangen. Fondsanleger haben keine Möglichkeit, sich gegen den Schuldenschnitt zu wehren. Die Branche rechnet mit Klagen.

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Griechische Euro-Münze. Quelle: dpa

Düsseldorf Die Verhandlungen um den griechischen Schuldenschnitt kommen in die heiße Phase. Für Anleger stellt sich jetzt die Frage: Was wird aus dem eigenen Geld? Große Gläubiger wie Banken und Versicherer stehen in der Pflicht, Griechenland entgegenzukommen. Am ehesten haben noch die Kleinanleger Aussichten darauf, um den Schuldenschnitt herumzukommen - doch auch diese Chance scheint gering zu sein. „Es ist wahrscheinlich, dass auch Kleinanleger mit einbezogen werden“, sagt Günther Welter, Portfoliomanager bei Union Investment, dem Handelsblatt. „Das macht Sinn, um die griechische Schuldentragfähigkeit wiederherzustellen - zum Wohl aller Anleger.“

Verbraucherschützer und Finanzexperten haben schnell klargemacht, dass der Schuldenschnitt für jeden einzelnen Gläubiger freiwillig ist. Doch wer ihn ablehnt, läuft Gefahr, im Fall einer Staatspleite sein Geld komplett zu verlieren. Je mehr Gläubiger am Schuldenschnitt teilnehmen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland schnell wieder auf die Beine kommt.

Eine Anlegergruppe bleibt vollkommen machtlos: die Fondsanleger. Sie sind zwar Kleinanleger. Gläubiger für ihre Anteile ist allerdings die Fondsgesellschaft, bei der sie investiert sind. Diese entscheidet daher auch, ob sie im Namen der einzelnen Anleger, die zum Beispiel über einen Rentenfonds indirekt in griechische Staatsanleihen investiert sind, am Schuldenschnitt teilnimmt.

Wer im Fondsprospekt nachliest, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen, dass sich die Fondsgesellschaft schon vor Monaten von ihrem Griechenland-Engagement getrennt hat. JP Morgan beispielsweise hat im Juni 2010 ihre Benchmarks so angepasst, dass nur noch Anleihen mit Bonitätsnoten im "Investment Grade"-Bereich in ihre Portfolios kommen – das heißt Anleihen, die mindestens die Note "BBB" halten. Griechenland wird von der Ratingagentur Fitch derzeit mit "CCC" bewertet. Auch Union Investment hat nach eigener Auskunft "so gut wie keine Bestände" an griechischen Anleihen mehr.

Einige griechische Papiere verstecken sich allerdings weiterhin in Fondsportfolios, und die dürften von einem Schuldenschnitt betroffen sein. „Ich denke, die deutsche Fondsbranche wird sich auf eine einheitliche Lösung für Publikumsfonds einigen“, sagt Portfoliomanager Welter - und hält es für wahrscheinlich, dass es bei dieser Einigung auf eine Zustimmung zum Schuldenschnitt hinausläuft.


DWS und Union Investment rechnen mit Anlegerprozessen

Doch wo dem einzelnen Anleger die Entscheidungsfreiheit über sein Geld verloren geht, kann es für Fondsgesellschaften ungemütlich werden. „In so einer Situation fühlt sich nicht jeder Anleger richtig behandelt“, sagt Welter. „Es ist nicht auszuschließen, dass es zu Anlegerprozessen kommt.“ Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da. „Ich rechne mit Prozessen“, sagt auch Johannes Müller, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft DWS.

„Es gibt zwei Rechtsgrundlagen, auf denen Anleger gegen eine Fondsgesellschaft vorgehen können: Prospektfehler und Beratungsverschulden“, sagt Jens-Peter Gieschen, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Das heißt: Wer nachweisen kann, dass er entweder durch den Verkaufsprospekt oder im Beratungsgespräch über die Risiken dieser griechischen Anleihen nicht richtig aufgeklärt wurde, kann Ansprüche geltend machen. Allerdings gibt es in solchen Fällen eine Verjährungsfrist von drei Jahren ab Zeichnung.

Auch die Stiftung Warentest hat im Sinne der Kleinanleger die Konsequenzen eines Schuldenschnitts untersucht und empfiehlt, besonders bei Renten-Indexfonds vorsichtig zu sein: "Hier kann es gefährlich werden", heißt es in ihrer Studie. Denn Indexfonds bilden einen ihm zugrunde liegenden Index nach - es gibt also keinen Fondsmanager, der von Tag zu Tag die Erfolgsaussichten des Portfolios überprüft. "Liegt der Anteil der so genannten PIGS bei mehr als der Hälfte, ist der Fonds als Sicherheitsbaustein in der jetzigen Situation nicht mehr geeignet."

Der Handlungsspielraum der Anleger könnte sich in diesen Tagen sogar noch verkleinern. Die Verhandlungen über den griechischen Schuldenschnitt laufen gerade zäher als erhofft. Wenn die Regierung den Schuldenschnitt nicht bald auf sichere Beine stellt, steht die Hilfstranche aus dem Rettungsfonds über 130 Milliarden Euro auf dem Spiel. Regierungschef Lucas Papademos hat gedroht, den Gläubigern notfalls den Schuldenschnitt per Gesetz aufzuzwingen - nach griechischem Recht ist das möglich, und nach diesem Recht werden auch deutsche Anleger behandelt.

Schlagzeilen haben daraufhin einige Hedge-Fonds gemacht, die im Fall eines Zahlungsausfalls bei ihren Hellas-Anleihen mit einer Menschenrechtsklage vor dem Europäischen Gerichtshof drohen. Viele dieser spekulativen Fonds sind riskante Wetten auf den Ausgang der griechischen Schuldenkrise eingegangen und bangen jetzt um ihre Rendite. Sollte Griechenland die Vertragsbedingungen seiner Staatspapiere ohne Zustimmung der Gläubiger ändern, sehen die Hedge-Fonds ihr Eigentumsrecht verletzt - und dieses ist laut EU-Gesetzgebung ein grundsätzliches Menschenrecht.

Der erzwungene Schuldenschnitt wäre politisch allerdings schwer durchsetzbar. Er hätte zwei schwerwiegende Konsequenzen: Erstens würden die Kreditausfallversicherungen greifen. Dieser Ausgang ist in der Politik unbeliebt, da er den Spekulanten direkt in die Hände spielen würde, die auf das Scheitern Griechenlands und der Euro-Zone wetten. Zweitens würde der Schuldenschnitt dann auch für die Europäische Zentralbank verpflichtend - und die hält derzeit etwa 50 Milliarden Euro an griechischen Anleihen.

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