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Inflationsangst und Nullzins So begegnen Sparer dem Vermögensschwund

Nach langer Zeit wird das Leben in Deutschland wieder teurer, die Inflationsrate steigt auf 1,9 Prozent. Was Geldpolitiker freut, ängstigt Sparer: Wer sein Geld zu niedrigen Zinsen angelegt hat, erleidet ganz reale Verluste. Es sei denn, er überdenkt seine Anlagestrategie.

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Inflation: Das Leben in Deutschland wird wieder teurer. Quelle: Illustration

Die erste Zigarette, die Sebastian Haffner heimlich hinter einer Mauer rauchte, kostete 50 Pfennig. Das war im Jahr 1920 und ein happiger Preis, mehr als das Zehnfache des Vorkriegsniveaus. Aber es war eben eine Zeit, wie der Publizist später in seinen Erinnerungen „Geschichte eines Deutschen“ schilderte, in der Pfennig und Mark verrückt spielten. Das Geld entwertete mit Überschallgeschwindigkeit; Naturalien wurden zu Zahlungsmitteln und entsprechend teuer. „Halbwüchsige, die eine Kiste Seife gefunden hatten, lebten wie Fürsten, während ihre Eltern, einstmals reiche Leute, als Bettler herumschlichen“, berichtete der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig später.

Und Thomas Mann, Literaturnobelpreisträger und erzählerische Eminenz des vergangenen Jahrhunderts, sah durch die Inflation eine Wertewelt auf den Kopf gestellt. „Das Negative wird zum Ehrbaren“, weil es unmöglich war, vom gesetzlich Zulässigen zu leben.

Haffner, Zweig, Mann – die Erzähler des 20. Jahrhunderts prägen das kollektive Gedächtnis. Ihre Analysen und Geschichten mischen sich mit dem Erzählten der eigenen Großeltern von einem Leben, in dem sie mittendrin wieder bei null angefangen haben. Vom Absturz des Geldes, der wie ein „Wettersturz der Werte“ über sie gefegt ist, wie der Schriftsteller Stefan Zweig es beschreibt; ein Trauma der Deutschen. Und ein Trauma macht empfindlich. Nur so ist zu erklären, dass eine vergleichsweise geringe Zahl in diesen Tagen schon so große Sorgen auslöst. Auf 1,9 Prozent ist die Inflationsrate in diesem Januar gestiegen. Nach Jahren, in denen die Preissteigerung in Deutschland nicht wirklich messbar war, ist die Zahl groß genug, um Erinnerungen zu wecken.

Deutsches Trauma - die Hyperinflation von 1923
Ein Mann vor Geldbündeln Quelle: AKG
Derzeit liegt die Inflationsrate unter der EZB-Zielmarke von zwei Prozent, eine Hyperinflation rückt damit in weite Ferne. Aber die massive Geldmengenausweitung der Europäischen Zentralbank schürt die Sorgen vor einer deutlichen Abwertung des Euro - und damit realen Wertverlusten für Sparer und Anleger. Quelle: zwehren - Fotolia
Heute kurios - damals die harte Realität: Inflationsbriefmarken zu 2 Millionen Mark das Stück. Quelle: pit24
Spielende Kinder: Nach der Hyperinflation war die damalige Reichsmark nicht mehr als Altpapier - und damit auch Spielzeug für Kinder. Quelle: dpa
Geldscheine wurden damals für alles mögliche benutzt, nur bezahlen ging damit nicht mehr. Die Kinder gingen kreativ mit den Geldbündeln um, und bauten Skulpturen aus Geldscheinen. Quelle: dpa
Die Geldscheine wurden in dicken Bündeln gelagert. Quelle: dpa
Kinder und ein Geldturm Quelle: dpa

Vor allem, weil sich aus ihr eine ausgerechnet für die inflationssensiblen Deutschen gefährliche Rechnung ergibt: Sollten die Marktauguren recht behalten mit ihrer für Deutschland erwarteten Inflation von im Durchschnitt 1,3 bis 1,5 Prozent, dann wird 2017 das Jahr, in dem eine neue Zeitrechnung beginnt. Niemals in ihrer Generation haben Anleger mit heimischen Spar- und Zinsanlagen so viel verloren wie jetzt. Denn der entscheidende Faktor, auf den Anleger schauen sollten, ist der Realzins. Der berechnet sich aus dem Zins, den eine Anlage abwirft, abzüglich der Inflation.

Die gruselige Rechnung lautet: Sollte die Preissteigerung 2017 tatsächlich bei 1,5 Prozent landen, dann wirft ein Sparbuch derzeit – bei einem Zinsniveau von kaum spürbar über null Prozent – real rund minus 1,4 Prozent ab, selbst eine zehnjährige Bundesanleihe kommt auf minus 1,1 Prozent. Ganz schlimm sieht es bei Papieren mit kürzeren Laufzeiten aus. Sie kosten Geld, anstatt welches einzubringen. Die Inflation, sie wäre dann zwar historisch nicht besonders hoch, aber hoch genug, um im Zusammenspiel mit den geldpolitisch gewollten niedrigen Zinsen an das Vermögensverlust-durch-Geldentwertungs-Trauma der Deutschen zu erinnern.

Wenn man Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), in diesen Tagen so zuhört, dann bekommt man den Eindruck: alles nicht so dramatisch. Um den Unmut der Deutschen über die niedrigen Zinsen und die anziehende Inflation zu besänftigen, riet er bei der jüngsten Sitzung des Rates der EZB, sich in Geduld zu üben. „Die niedrigen Zinsen sind jetzt notwendig, um die Zinsen in der Zukunft wieder höher zu bringen“, erklärte Doktor Draghi mit medizinisch-dialektischem Ansatz seine Therapie. Immerhin profitierten die deutschen Sparer „wie alle anderen auch“ von der anziehenden Konjunktur. Sie sei nicht zuletzt das Ergebnis der Niedrigzinspolitik der Euro-Hüter. Sein Werk also. Dank der Minizinsen seien 4,5 Millionen neue Jobs in der Euro-Zone entstanden, lobte sich der EZB-Chef.

Was ist gegen solch wirtschaftliche Wunderheilmittel schon das bisschen Inflation?

Und tatsächlich erwartet die Mehrheit der Ökonomen zumindest kurzfristig ja auch, dass sich die Inflation in Deutschland und der Euro-Zone im Verlauf dieses Jahres wieder zurückbildet. Uwe Siegmund etwa, Leiter Strategie und Grundsatz der R+V Versicherung, erster Stratege für die Anlage von über 90 Milliarden Euro Kundenvermögen, sagt: „Die aktuelle Inflation hierzulande wird nicht von Dauer sein. Es ist vorgezeichnet, dass die Raten im Jahresverlauf wieder runter gehen werden.“ Und Alexander Posthoff, Senior Portfoliomanager der Bantleon Bank im Schweizerischen Zug, sagt: „Wir erwarten dieses Jahr eine moderate Inflation und einen leichten Zinsanstieg in Euro-Land, mehr aber nicht.“

Alles nicht so schlimm also? Das kommt drauf an, wie langfristig man denkt und eben wie man sein Geld angelegt hat.

Der Realzinsverlust ärgert Anleger

Zwar beruht der jüngste Preisschub vor allem auf einem statistischen Sondereffekt: Anfang vergangenen Jahres war der Ölpreis auf unglaublich niedrige 28,50 Dollar je Fass gesunken. Mittlerweile hat er sich wieder auf 55 Dollar erhöht, also fast verdoppelt. Und die Energiepreise machen eben einen gewichtigen Anteil des Warenkorbs aus, mit dem Ökonomen die Inflation berechnen. Deswegen treibt ein starker Anstieg der Energiepreise die Inflationsrate. In den nächsten Monaten dürfte dieser Effekt wieder auslaufen – vorausgesetzt, die Ölpreise setzen nicht zu einem Höhenflug an.

Das Inflationsgespenst werde daher ebenso schnell wieder in der Besenkammer der ausgedienten Klischees verschwinden, wie es auf der Bildfläche erschienen ist, argumentieren viele Ökonomen und wohl auch Europas oberster Währungshüter. Und diese Annahme ist für den Euro-Raum als Ganzes auch womöglich gar nicht so verkehrt. Vor allem für die Länder im Süden der Euro-Zone mag sie stimmen. Denn dort sind die Arbeitslosenquoten ein Graus, zweistellig allesamt. Die hohe Arbeitslosigkeit drückt auf die Löhne. Die Gefahr, dass der Anstieg der Verbraucherpreise in eine Lohn-Preis-Spirale mündet, ist daher gering.

Anders sieht es aber eben in Deutschland aus: Schon kurzfristig ärgert hier der Realzinsverlust Anleger, und mittel- bis langfristig sprechen viele Indikatoren dann eben doch für ein Anziehen der Inflation: Experten rechnen für dieses Jahr mit einem Wachstum der Wirtschaft zwischen 1,5 und 2,0 Prozent. Die Unternehmen arbeiten am Anschlag. Viele suchen händeringend nach Fachkräften. „Früher hätte eine solche Situation zu kräftigen Lohn- und Preissteigerungen geführt“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Wie die Deutschen ihr Geld anlegen
Aktien Quelle: Fotolia
Bargeld und Bankeinlagen Quelle: Fotolia
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Gold Quelle: Fotolia
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Lebensversicherungen Quelle: dpa
Sparbuch Quelle: Fotolia

Diesmal aber scheint es zwar zunächst kurzfristig noch anders zu sein. Von einer Lohnsause wie in den Siebzigerjahren oder nach der Wiedervereinigung ist bisher nichts zu sehen. Im Schnitt legten die Tariflöhne im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent zu. Krämer führt dies auf den preisdämpfenden Effekt der Globalisierung zurück. Das Drohpotenzial der Unternehmen, bei allzu starken Lohnerhöhungen die Produktion in Billiglohnländer zu verlagern, schwebe noch immer über den Tarifverhandlungen vieler Branchen und halte die Gewerkschaften in Schach.

Die Frage ist nur: Wie lange noch? „Der Druck der Globalisierung auf die Löhne und Preise wird geringer“, sagt Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Maschinen und Menschen, die sie bedienen sollen, nach China zu verlagern, sei nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren. Die jüngsten Tendenzen zu mehr Protektionismus und nationaler Abschottung erschwerten das Outsourcing zusätzlich. Das könne die Lohnabschlüsse hierzulande in den nächsten Jahren deutlich nach oben treiben, rechnet Mayer vor. Löhne hoch, Preise hoch. Das ist der Boden, auf dem Inflation gedeiht.

Dazu kommt, dass die Zeiten, in denen China billige Waren exportierte und den Zentralbanken der Industrieländer so die Inflationsbekämpfung erleichterte, zu Ende gehen. So kletterten die Produzentenpreise in China zuletzt mit Raten von über fünf Prozent. Bis vor wenigen Monaten waren sie noch gesunken. Die Politik der chinesischen Regierung, die den Wechselkurs der Landeswährung Renmimbi um jeden Preise oben halten will, verhindert zudem, dass China die Welt mit billigeren Produkten überschwemmt.

Die größten Inflationstreiber aber sind Doktor Draghi selber und seine Politik des scheinbar unendlich günstigen Geldes, die offenbar so lange anhält, bis neben der Wirtschaft Deutschlands auch jene der Südländer im Euro wieder besser laufen. Zuletzt kostete die Gemeinschaftswährung nur noch rund 1,08 Dollar. Zum Vergleich: Vor dem Ausbruch der Euro-Krise lag der Wechselkurs noch bei knapp 1,50 Dollar. „Wertet der Euro weiter ab, verschafft die EZB den Gewerkschaften und Unternehmen in Deutschland freie Bahn, um Löhne und Preise kräftig zu erhöhen“, sagt Mayer. Denn wenn die Währung billig ist, sind die Unternehmen auch dann noch international wettbewerbsfähig, wenn sie zu Hause hohe Löhne zahlen.

Je weicher die EZB den Euro also spült, desto geringer wird der Druck auf die Unternehmen, mit Produktionsverlagerungen ins Ausland auf überzogene Lohnabschlüsse zu reagieren.

Mayer fürchtet, dass Deutschland eine Entwicklung droht wie Italien in den Siebziger- und Achtzigerjahren unter der damaligen Geldpolitik der Banca d’Italia. In den Siebzigerjahren nutzten die Gewerkschaften in dem Mittelmeerland die lockere Geldpolitik, um überzogene Lohnforderungen durchzusetzen. Die Unternehmen erhöhten daraufhin die Preise für ihre Produkte, die Inflation schoss in die Höhe. In der Folge wertete die Landeswährung kräftig ab. Das wiederum verteuerte die Importe und führte zu weiteren kräftigen Lohnsteigerungen. Das Ergebnis war eine Spirale aus Abwertung und Inflation. Unter den realwirtschaftlichen Folgen leidet das Land noch heute.

Um das Abdriften in eine italienische Währungsunion zu verhindern, müsste die EZB das Zinsniveau wieder anheben. Doch damit rechnet niemand. Denn die Länder der Euro-Zone ächzen unter einem gigantischen Schuldenberg.

Stoppte die EZB den Ankauf von Staatsanleihen und erhöhte die Leitzinsen, trieben die steigenden Zinsausgaben die Regierungen in den Staatsbankrott. Das wäre das sichere Ende der Währungsunion. „Die EZB hat sich in eine Sackgasse manövriert und ist zum Diener der Finanzminister geworden“, urteilt Mayer. Aus Rücksicht auf die desaströse Lage der Staatsfinanzen werde es die EZB nicht wagen, kraftvoll auf die Bremse zu treten – selbst dann nicht, wenn die Inflation ins Laufen kommt.

Wohl fühlt sich keiner mehr in diesem Szenario - außer den Geldpolitikern

Die Folgen werden vor allem die Deutschen spüren. Denn um das Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent im Durchschnitt des Euro-Raums zu erreichen, muss angesichts der niedrigen Werte in den südlichen Euro-Ländern vor allem in Deutschland die Inflation steigen. Die Preisentwicklung hierzulande trägt etwa ein Drittel zur Preisentwicklung der gesamten Währungsunion bei. Kommen die übrigen Länder wegen der anhaltenden flauen Konjunktur nicht über Inflationsraten von einem Prozent hinaus, müsste der Preisauftrieb hierzulande rechnerisch auf rund vier Prozent steigen, um im Euro-Land-Schnitt zwei Prozent zu erreichen. Die zwei Prozent hat sich die EZB vorgenommen, um einen sicheren Abstand zur Null-Prozent-Marke zu erhalten, unterhalb derer die von ihr gefürchtete Deflation beginnt.

Wohl fühlt sich mit diesem Szenario außer den Geldpolitikern niemand mehr. Zumal sich schon zum Jahresende 2016 die gefühlte Inflation der deutschen Verbraucher gegenüber November fast verachtfacht hatte auf 2,3 Prozent – der höchste Wert seit Juli 2013, wie Berechnungen der Bank UniCredit ergeben haben. Fatal könnte sie werden, diese Mischung aus gefühlter und echter Inflation, für Menschen wie eben Uwe Siegmund, jenen Chefstrategen der R+V mit den 90 Milliarden Euro im Nacken. Denn der 52-Jährige wird durch strikte Regeln eingehegt. Siegmund kann das viele Geld der versicherten Kunden nicht einfach dort anlegen, wo er es gerne hätte.

Die einschlägigen Vorschriften der Branche führen dazu, dass die R+V wie alle Versicherer vor allem in Anlagen investiert, die Zinsen bringen sollen: Anleihen oder Darlehen also. So um die vier Fünftel des Geldes, das die Kunden abliefern, macht das bei der R+V aus. 70 Milliarden Euro hängen also allein bei der R+V daran, dass die Inflation möglichst nicht über den durch die sichere Anlageform vorbestimmten (und derzeit eben niedrigen) Zins steigt.

Damit sitzt Siegmund ohne eigenes Verschulden in einer Falle, in die sich auch die meisten deutschen Anleger begeben haben, diese wiederum aber aus freien Stücken: 2100 Milliarden Euro haben sie dort geparkt, wo der negative Realzins am stärksten durchschlägt: auf Spar-, Tagesgeld- und Girokonten. Rund 40 Prozent des angelegten Bruttovermögens über zuletzt knapp 5500 Milliarden Euro verliert also mit Sicherheit an Wert. Gemessen am Nettovermögen, sind es sogar knapp 60 Prozent der aktuell angelegten Gelder der Deutschen.

Und Hoffnung auf Besserung kommt für Zinsanleger selbst von höchster Stelle nicht: „Angesichts der aktuellen Inflationsdaten werden wir aber wohl bis auf Weiteres mit dem niedrigen Zinsniveau leben müssen“, sagte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret vergangene Woche.

Das deutsche Gemüt, es vollführt eine Art doppelten Salto mit Bauchlandung. Erster Salto: Die Angst vor der Geldentwertung, von der die Großeltern erzählt haben, führt zu einer Abscheu gegen alles, was nur entfernt nach Spekulation aussehen könnte. Aktien zählen dazu, da die Theorie besagt, dass der Totalverlust nicht ausgeschlossen ist, wenn die Aktiengesellschaft pleitegeht. Zweiter Salto: Also lieber das Geld Geld sein lassen. Dann ist es immer da, wenn man es braucht. Und dann die Bauchlandung: In Zeiten ohne Zins, aber mit Inflation verschimmelt Geld förmlich. Dass Aktien über einen längeren Zeitraum einen ordentlichen Ertrag versprechen, spielt in den Köpfen der deutschen Anleger eine untergeordnete Rolle. Nur gut zehn Prozent stecken private Investoren hierzulande in Unternehmensanteile, obwohl die über längere Zeiträume sechs bis acht Prozent Ertrag versprechen.

Was also tun, um dieser unangenehmen Situation zu entkommen?

Investoren sollten Ruhe bewahren

Fondsmanager Posthoff, der Mann von Bantleon aus der Schweiz, liegt schon auf der Lauer, und zwar bei Aktien. Er hält in seinem Mischfonds Bantleon Family & Friends 30 Prozent Unternehmensanteile. „Unsere Maximalquote beträgt da 40 Prozent. Bei einer Korrektur an der Börse könnten wir uns vorstellen, entsprechend aufzustocken“, sagt Posthoff. Dazu fährt er einen Mix aus etwas Gold, Rohstoffen, Liquidität und einem breit gestreuten Anleiheportfolio. „Auch Privatanleger sollten sich nicht nur auf eine Anlage konzentrieren, sondern möglichst über die wichtigsten Investmentklassen streuen“, sagt Posthoff.

Ohnehin sind Angst, vor Inflation etwa, oder gar Panik, vor Protektionismus und dem Aufstieg der Populisten, bei der Geldanlage schlechte Ratgeber. Je länger der Anlagehorizont, desto mehr Ruhe sollten Investoren bewahren. Eine simple Mischdepotstrategie, von der WirtschaftsWoche mehrfach vorgestellt (etwa in Ausgabe 3/2012), funktioniert da prächtig. Für alle Startjahre seit 2000 brachte sie zwischen fünf Prozent Rendite (im schlechtesten Fall, Depotstart im Jahr 2015) und gut acht Prozent (im besten Fall, Depotstart 2009). 2016 hätten Anleger mit der Strategie 7,3 Prozent gewonnen, im jungen Jahr 2017 auch immerhin schon 0,4 Prozent. Hinter der Mischdepotstrategie steckt ein Mix aus je 30 Prozent Aktien und Anleihen, 25 Prozent Gold und 15 Prozent Tagesgeld. Dabei gilt fast die Devise: Kaufen und liegen lassen.

Nur einmal im Jahr müssen sich Anleger kümmern und die Anteile der einzelnen Anlageklassen wieder auf das Ausgangsniveau zurückbringen, also je nach Entwicklung einzelne Anlagen aufstocken oder zurückfahren. Diese jährliche Überprüfung führt dazu, dass im Mischdepot keine zu starken Über- oder Untergewichtungen entstehen. Wer jederzeit aktiv sein Depot managt, der sollte bei Anleihen derzeit zum Euro Fremdwährungen beimischen, die einen höheren Zins bieten, aber kein massives Risiko in sich bergen; heißt, Schwellenländerwährungen wie etwa die türkische Lira sind da tabu. Anleihen in Dollar, die Norwegische und die Schwedische Krone bieten sich dagegen an.

Dollar-Papiere etwa wie von T-Mobile USA, der US-Tochter der Deutschen Telekom, versprechen jährliche Renditen von immerhin bis zu knapp sechs Prozent.

Auf der Aktienseite lohnen sich Dickschiffe aus dem Dax, deren Bewertungen bei Weitem nicht so hochgejazzt sind wie diejenigen vieler US-Unternehmen und diejenigen zahlreicher Nebenwerte. Siemens und SAP etwa glänzten mit ihren bereits vorgelegten Jahreszahlen 2016 und ihren Ausblicken für die Zukunft, bei Münchener Rück oder Daimler winken im Frühjahr Dividendenrenditen von knapp fünf Prozent; Beiersdorf bringt Stabilität ins Depot, weil das Papier sehr schwankungsarm ist, und mit Infineon spekulieren Anleger auf eine anhaltend gute Konjunktur für den Spezialchiphersteller. Insgesamt sollten Aktien weltweit profitieren, solange der Realzins nur unmerklich über null Prozent liegt, wie in den USA etwa, oder eben deutlich unter der Nulllinie wie es in Deutschland weiter zu erwarten ist.

Naturgemäß ist es besser, in einem Crash zu kaufen, dann, wenn die Börse am Boden liegt. Aktuell sind die Börsen, für sich betrachtet, eher teuer. Doch im Vergleich zu Zinsanlagen, die zwar Sicherheit versprechen, aber bestenfalls vor sich hinmodern, muss der Aktienmarkt das Beste noch nicht hinter sich haben. Dafür spricht ironischerweise eben der Mangel an verzinslichen Alternativen, den es hierzulande so seit drei Generationen nicht mehr gab. Ganz zweifellos sollte nicht jeder Euro in Aktien gehen. Aber ein Drittel ihrer liquiden Anlagen sollten Anleger dort halten. Geht es deutlich runter, sollte bis zu dieser Quote wieder aufgestockt werden. Denn eine historische Erfahrung ist auch: Die Zeiten hoher Inflation sind deutlich seltener als Börsenhaussen.

Zu einem ausgewogenen Portfolio dazu gehören traditionell Tagesgeld und Gold (Digitalpasskunden klicken hier). Zumal das Edelmetall mit hoher Sicherheit zulegen sollte, wenn sie denn mal kommt, die große Inflation.

Wer sich dagegen vom Sparbuch nicht verabschieden möchte, sollte einen Blick in die Erzählungen der Väter werfen. Ebenda findet sich bei Stefan Zweig jener Satz, der dem Verlust des Materiellen noch etwas Positives abgewinnt: „Denn eben durch das Unerwartete, dass das einstmals Stabilste, das Geld, täglich an Wert verlor, schätzten die Menschen die wirklichen Werte des Lebens: Arbeit, Liebe, Freundschaft, Kunst und Natur.“

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