Intelligent investieren

Aktien müssen liquide sein - ein unnützes Dogma

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Bei liquiden Aktien ist Skepsis angebracht

In wettbewerblichen Märkten muss jedes Unternehmen seinen Erfolg tagtäglich neu verdienen. Die Herausforderungen sind vielfältig: Neue Konkurrenten treten in den Markt ein. Technologische Neuerungen können die Geschäftsmodelle obsolet machen. Selbst die Marktposition der erfolgreichsten Unternehmen ist nicht in Stein gemeißelt. Die Liquidität einer Aktie mag etwas über den vergangenen und den erwarteten Erfolg der Firma aussagen, aber nicht notwendigerweise etwas über ihren tatsächlichen Zukunftserfolg.

Es gibt sogar einen Grund, warum der umsichtige Investor die hohe Liquidität einer Aktie skeptisch sehen sollte. Sie bedeutet nämlich nichts anderes, als dass eine Aktie häufig ge- und verkauft wird: Eine hohe Liquidität besagt, dass die Eigentümer des Unternehmens ständig wechseln. Das wirft die Frage auf, ob die Eigner ihrer wichtigen Aufgabe nachkommen, das Unternehmensmanagement wirksam zu kontrollieren: Schließlich gibt es Zielkonflikte zwischen den Interessen des Managements und denen der Aktionäre.

Das Management hat beispielsweise ein Interesse an großen Dienstwagen, prächtigen Bürogebäuden und hohen Boni. Das verursacht Kosten, die dem Ziel des Aktionärs zuwiderlaufen, der an einer hohen Rendite auf sein eingesetztes Kapital interessiert ist. Eine verantwortungsvolle Aktionärsbasis, die am Langfristerfolg der Firma interessiert ist, muss daher die Anreize für das Management in einer Weise setzen, die den Zielen aller „Stakeholder“ der Firma dient. Wie soll und kann das funktionieren, wenn die Eigentümer dauernd andere sind?

Der umsichtige Investor sollte daher stets genau prüfen, ob bei einer liquiden Aktie – also bei ständig wechselnder Eigentümerstruktur – eine effektive Kontrolle des Unternehmensmanagements gegeben ist. Ohne solch eine wirksame Überwachung besteht die Gefahr, dass die Aktionärsinteressen zu kurz kommen, und die Rendite, die der Aktionär auf sein eingesetztes Kapital erzielt, hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Eine hohe Liquidität kann also auch nachteilig für den Aktionär sein!

Für den Investitionserfolg ist es letztlich entscheidend, dass das Unternehmen, in das man investiert, über ein „großartiges Geschäftsmodell“ verfügt: dass es das Potenzial hat, für lange Zeit eine hohe Rendite (eine „Überrendite“) auf das Eigenkapital zu erzielen. Wer in solche Unternehmen investiert, hat gute Gründe, langfristig investiert zu bleiben, durch das Auf und Ab des Börsengeschehens hindurch. Für ihn spielt die Liquidität der Aktie im Grunde keine Relevanz.

Gefahren durch Indexfonds

Wer so denkt und investieren kann, dem eröffnen sich Möglichkeiten, die viele Investoren sich entgegen lassen – viele auch aufgrund regulatorischer Zwänge: Der Trend, in Indexfonds zu investieren (in Form von sogenannten Exchange Traded Funds und Produkten (ETFs und ETPs)), ist auf dem Vormarsch. Investiert wird dabei insbesondere in liquide Aktien: Was hier vor allem zählt, ist Liquidität – denn viele Index-Investoren verfolgen eine kurzfristige Rein-Raus-Strategie. Weniger liquide Titel bleiben tendenziell außen vor.

Was die Käufe und Verkäufe der Indexfonds auslösen, sind vornehmlich die Erwartungen, die die Index-Investoren mit Blick auf den Gesamtmarkt oder Branchen insgesamt haben. Eine Analyse einzelner Unternehmen und ihrer Erfolgspotenziale erfolgt dabei meist nicht. Man denkt über den „Gesamtmarkt“ nach, nicht über „Einzelunternehmen“. Dass es in einem von Index-Fonds getriebenen Markt immer wieder zu Fehlbewertungen kommt und sich attraktive Gelegenheiten auftun, großartige Unternehmen zu günstigen Preise zu kaufen, liegt auf der Hand.

Großartige Unternehmen zu einem günstigen Preise zu kaufen und mit unternehmerischer Gesinnung langfristig investiert zu bleiben, ist der Weg, der zur hohen Investitionsrenditen führt. Mit Blick auf den sirenenartigen Lockgesang, der die aktivistische Finanzmarkbranche wie im Sturm vereinnahmt hat, drängt sich beim Wort „Liquidität“ ein Gedanke auf, der da lautet: weniger ist manchmal mehr.

Übrigens: Die lockrufenden Sirenen scheiterten an Odysseus, stürzten sich daraufhin ins Meer und starben. Der Sirenengesang verstummte – und vielen blieb ein bitteres Los erspart.

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