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Intelligent investieren
Quelle: imago images

Risiko verstanden, Risiko gebannt

Thorsten Polleit
Thorsten Polleit Chefvolkswirt der Degussa

Für den langfristig orientierten Investor ist die Volatilität das falsche Risikomaß. Er sollte sich vielmehr strikt an das „Preis versus Wert“-Prinzip halten.

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„Der beste Hellseher ist der, der gut raten kann“, so der griechische Tragödiendichter Euripides (480 – 407 v. Chr.). Und obwohl die Zukunft für uns handelnde Menschen unbekannt ist – wie Euripides‘ Worte es uns antragen –, so müssen wir uns doch ständig an ihr auszurichten: Schließlich ist menschliches Handeln immer und überall zukunftsgerichtet. Vor allem auch an der Börse, an der sich die Kurse aufgrund eines nicht endenden Mühens bilden, Zukunftsszenarien aus Sicht der Gegenwart einzuschätzen.   

Einige Investoren rechnen derzeit damit, dass die Schwankungsanfälligkeit der Finanzmarktpreise künftig zunimmt. Für diese These gibt es in der Tat eine Reihe von Indizien. Zum Beispiel haben viele Banken in den letzten Jahren ihre Handelsaktivitäten zurückgefahren. Das hat die Liquidität in einigen Märkten bereits ausgedünnt; in angespannten Marktphasen könnte sie dann besonders stark zurückgehen. Die Folge: Die Höhe der Kursausschläge in den Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkten nimmt zu.

Zudem sind immer mehr professionelle Investoren der Regulation unterworfen worden und damit angehalten, ihre Risiken anhand des Risikomaßes „Wert im Risiko“ (englisch: „Value at Risk“) zu steuern. Letzteres ermittelt sich auf Basis von vergangenen Kursschwankungen. Im Ergebnis kann das zu einem prozyklischen Investorenverhalten führen: Fallen die Börsenkurse, steigt das Risikomaß an. Investoren müssen daraufhin verkaufen, um Risiken zu begrenzen. Kursschwankungen würden so zusätzlich verstärkt.

Auch die fulminant wachsenden Beträge, die seit 2009 über Exchange Traded Funds (ETFs) in den Aktienmarkt investiert werden, könnten die Preisbildung an den Börsen strukturell beeinflusst haben. Mittels ETFs investiert der Anleger einfach und kostengünstig in Indizes, in Themen („Dividendentitel“), Branchen („Biotechnologie“) oder Regionen („Asien“). Das mag zwar in ruhigen Phasen die Marktliquidität erhöhen. Was aber mit den Kursen passiert, wenn der Marktstress einmal stark ansteigen sollte, darüber gibt es bislang kaum Erfahrung.

Das echte Investitionsrisiko

Ob es künftig tatsächlich zu erhöhten Kursschwankungen kommen wird, ist das eine. Das andere ist, dass der Investor über sein „echtes“ Risiko Bescheid wissen sollte. Heutzutage bemessen viele Investoren das Risiko in Form von Kursschwankungen („Volatilität“). Nehmen die Kursschwankungen zu, steigt das Risiko und umgekehrt. Doch was ist von dieser Praxis zu halten? Zwei grundsätzliche Bedenken sind vorzubringen. Erstens: Nur dann, wenn die Märkte „effizient“ sind, kann Volatilität als sinnvolles Risikomaß angesehen werden.

In effizienten Märkten – so die moderne Finanzmarkttheorie – spiegeln nämlich die Kursveränderungen die Wertveränderungen der Aktie richtig und umfassend wider. Dass aber in der realen Welt die Märkte in diesem Sinne stets effizient sind, darf bezweifelt werden. Denn oft genug stecken hinter dem Auf und Ab der Kurse Faktoren, die mit dem Wert der Aktie (also der Summe der abdiskontierten künftigen Gewinne) gar nichts zu tun haben – wie beispielsweise Gier- und Panikschübe der Investoren.

Fallen aber Preis und Wert auseinander, ist die Volatilität kein sinnvolles Risikomaß. Das soll dieses Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir an, Ihre Analyse zeigt, die Aktie XY ist 100 Euro wert. Der Kurs beträgt aber nur 80 Euro. Deshalb investieren sie – und haben eine Renditeerwartung von 25 Prozent (also [100/80-1]*100). Nehmen wir an, nach dem Kauf fällt der Kurs der Aktie auf 50 Euro – nicht weil der Unternehmenswert gesunken wäre, sondern weil die Investoren verschreckt sind aufgrund irgendeiner politischen Nachricht.

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