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Interview Fondsmanager erliegen dem Herdentrieb

Auch Fondsmanager können ihre Emotionen nicht einfach ausschalten. Warum ihre Anlageentscheidungen durch Gier und Angst geleitet werden und sie regelmäßig dem Herdentrieb erliegen, erklärt Buchautor Christian Weiß.

Ein Schäfer führt seine Schafe über eine Weide. Herdentrieb ist ein Phänomen, das auch an der Börse oft zu beobachten ist. Quelle: ap

Emotionen bestimmen die Börse. Warum ist es so schwierig, rational zu handeln?

Angst und Gier bestimmen unser Leben, nicht nur das Börsengeschehen. Wenn wir Verluste erleiden, haben wir Angst, dass sie größer werden. Wenn wir Gewinne machen, dann wollen wir mehr. Das liegt in der Natur des Menschen.

Trotzdem heißt es immer wieder, Gefühle hätten an der Börse nichts zu suchen…

…aber ein Mensch tickt nun mal wie ein Mensch. Gefühle gehören dazu. Wenn es um Geld, dann kochen die Emotionen schon mal über.

Gilt das auch für die Profis an der Börse?

Allerdings. Auch Fondsmanager und Vermögensverwalter können ihre Emotionen nicht einfach ausschalten.

Aber sie handeln doch nicht mit eigenem Geld, sollten sie nicht alleine deshalb schon weniger gierig oder ängstlich sein?

Natürlich handeln sie im Auftrag anderer, aber auch sie haben ihre Ziele und Vorgaben, die sie erfüllen müssen.

Und dabei kommen dann die Emotionen ins Spiel?

Davon kann sich niemand freisprechen. Wer beispielsweise eine klare Zielvorgabe hat und eine bestimmte Performance mit einem Portfolio einfahren muss, fängt ja zu Beginn des Jahres quasi mit „Verlusten“ an. Um am Ende des Jahres einen Bonus zu bekommen, müssen also Kursgewinne her. Da werden dann auch die Profis gierig, manchmal sogar ängstlich.

Angst vor Verlusten oder Angst, nicht genug Gewinne einzufahren?

Sowohl als auch. Wenn Konkurrenzprodukte sich gut entwickeln, wächst die Angst, schlechter abzuschneiden. Auch Profis haben nicht immer das beste Timing. Aus Angst, etwas zu verpassen, rennen auch Fondsmanager dem Markt hinterher. Sie kaufen beispielsweise eine Aktie, die bereits sehr gut gelaufen ist, nur weil sie in den Depots der Konkurrenz liegt.


Fondsmanager rennen der Konkurrenz hinterher

Sie rennen also der Konkurrenz hinterher?

So kann man es ausdrücken. Man will die Gewinner im Depot haben, selbst wenn man eigentlich zu spät eingestiegen ist. Etwas verpasst zu haben, möchten sich auch die Profis nicht eingestehen. Besonders extrem ist dieses Phänomen übrigens oft zum Jahresende zu beobachten, wenn die Depots noch einmal „hübsch“ gemacht werden. Verlierer fliegen raus, die Gewinner werden gekauft.

Klingt nach dem viel zitierten Herdentrieb…

Richtig. Fondsmanager wollen wie jeder andere Anleger auch natürlich dabei sein, wenn es an der Börse aufwärts geht. Sie wollen satte Gewinne einfahren. Wenn alle kaufen, kaufen oft auch sie. Das gleiche ist zu beobachten, wenn es abwärts geht. So kommt es dann zu panikartigen Verkäufen. Antizyklisch zu handeln, fällt auch Profis schwer. Deshalb überrascht es nicht, dass wir an der Börse wunderbar bestimmte psychologische Massenphänomene beobachten können. Der Herdentrieb ist eines davon.

Warum ist es so schwierig, antizyklisch zu handeln?

Dazu gehört schon eine Menge Mut. Eine bekannte Börsenweisheit rät zu kaufen, wenn die Kanonen donnern. Aber wer tut das schon? Die eigenen Emotionen auszuschalten und sich dann auch noch antizyklisch zu verhalten, also komplett entgegen der vorherrschenden Marktmeinung, das ist sehr schwierig – auch für Profis.

Manchmal werden die Profis auch zu gierig…

Wohl wahr. Da gab es in der Vergangenheit ja einige prominente Beispiele. Dicke Boni, die Aussicht auf einen Karrieresprung – da werden selbst Profis übermütig, hebeln bankinterne Risikomechanismen aus und umgehen Kontrollen. Wenn man die Möglichkeit hat, bestimmte Hebel umzulegen, ist der Übermut nicht weit.

  

Christian Weiß ist Autor und Head of ­Trading bei FXflat sowie CapTrader. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Andreas hat er das Buch „So optimieren Sie Ihr Trading“ geschrieben.

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