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Kunstmarkt Der Schatz der Kunsteditionen

Von Joseph Beuys bis Gerhard Richter, von Sigmar Polke bis Andy Warhol: Originale bedeutender Künstler werden für Millionen gehandelt, ihre Editionen kosten oft nur einen Bruchteil – und haben selbst Potenzial für Wertsteigerungen.

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Die Haare sind akkurat hochgesteckt, unter dem rot-weiß geblümten Kapuzenpulli lugt ein Oberteil in Altrosa hervor, der Kopf ist von der Kamera abgewandt: „Betty“ gehört zu den bekanntesten Motiven aus dem Werk Gerhard Richters. Gemalt hat er es 1988 nach der Vorlage eines von ihm 1978 geknipsten Fotos seiner damals zehn Jahre alten Tochter.

Das Original gehört dem Saint Louis Art Museum in Missouri. Auch im Düsseldorfer Museum K20 konnten Besucher das Motiv gerade in Augenschein nehmen – allerdings nicht das Unikat in Öl, sondern „Nr. IV/V a.p.“, aufgezogen „auf leichtem Karton mit farblosem Nitrolack auf weißer Kunststoffplatte“. Also der 29. von 30 Abzügen einer Edition, die Richter 1991 produzieren ließ – nach Vorlage eines Fotos, das er von seinem Ölbild geschossen hatte. Der Offsetdruck ist nun Teil der Sammlung des Wella-Erben Thomas Olbricht, der 162 der 163 Editionsmotive zusammengetragen hat, die Richter seit 1965 in Auftrag gegeben hat – „und die ich nie und nimmer gegen ein Original Richters eintauschen würde“.

Geldanlage



„Ich sah – und sehe immer noch – Editionen als einen willkommenen Ausgleich für die Produktionen von Gemälden, die Unikate sind“, beschreibt Richter 1998 in einem Brief an das New Yorker Museum of Modern Art seine Beweggründe, Werke in größerer Auflage zu produzieren – so wie den Offsetdruck von „Betty“. „Es ist eine großartige Möglichkeit, meine Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln.“

Denn gute Kunst ist schön, aber auch teuer. Ob Richter, Warhol oder Beuys – Originalwerke dieser Kunstikonen des 20. und 21. Jahrhunderts werden längst für Millionen Euro gehandelt. Selbst für Unikate weniger etablierter Künstler werden schnell hohe fünf- und sechsstellige Beträge aufgerufen. Wer Arbeiten dieser Künstler nicht nur im Museum betrachten, sondern zu Hause um sich haben, dafür aber nur moderate Summen ausgeben möchte, ohne auf Poster oder Kaffeetassen aus dem Museumsshop zurückgreifen zu müssen, für den können Editionen eine attraktive Alternative sein.

Seit den Sechzigerjahren greifen Künstler auf die Möglichkeit zurück, ihre Arbeit vom Diktat des Unikats zu befreien und in Auflagen ab 20 Stück bis hin zu unlimitierten Ausgaben zu produzieren. Die Ursprungsidee: Jeder Arbeiter sollte sich Kunst leisten können.

Entheroisierung der Künstler

„Uns ging es um die Demokratisierung des Kunstmarkts und die Entheroisierung des Künstlergenies“, erinnert sich Klaus Staeck, heute Präsident der Berliner Akademie der Künste und mit seiner 1965 gegründeten Edition Staeck einer der Urväter der Auflagenkunst. „Auch Kunstinteressierte mit kleinem Geldbeutel sollten hochwertige Arbeiten bekannter und unbekannter Künstler zu überschaubaren Preisen erwerben können. Über die Jahrzehnte haben Produktion und Vertrieb dieser Multiples eine nie erwartete Bedeutung innerhalb des Kunstgeschehens gewonnen.“

Auch etablierte Künstler warten immer wieder mit bezahlbaren Auflagenarbeiten auf. Einerseits. Andererseits hat auch der Markt für Editionen eine unerwartete Dynamik entwickelt: Der berühmte Schlitten von Joseph Beuys, 1969 50 Mal produziert, kostete damals 300 Mark. 2010 ging ein Exemplar für 366.000 Euro an einen Sammler.

Aber auch Künstler, die nicht ständig im Rampenlicht stehen, setzen auf den Charme der Edition. „Die Idee ist bis heute aktuell“, sagt Staeck. „Auch als originelles Gastgeschenk für wenig Geld.“

Etwa eine Arbeit des arrivierten Media-Künstlers Rudolf Bonvie aus dem Portfolio seiner Galeristin Priska Pasquer, die sonst Raritäten russischer Avantgardisten aus den Zwanzigerjahren oder japanischer Fotografen für mehrere Zehntausend Euro anbietet. Bonvies Motiv, zwei sich berührende Hände, wurde im Internet zum viralen Hit, Pasquer holte es als Edition ins analoge Leben. „Damit“, sagt die Galeristin, „erschließen wir uns junge Zielgruppen.“

Im Editionenwerk Gerhard Richters sind solche Schnäppchen nicht mehr möglich: „Die Leute haben sich darum fast geprügelt“, erinnert sich ein K20-Mitarbeiter an die Ausgabe einer Richter-Edition des Museums anlässlich einer großen Retrospektive des Kunststars 2005. Der Preis: 3000 Euro. Ein komplettes Set der 16-teiligen Aluminium-Edition Cage Grid wurde Mitte Februar für knapp 700 00 Euro versteigert. Der Offsetdruck von „Betty“ – 1991 mit 7000 Pfund vergleichsweise erschwinglich – erzielte 2010 bei Sotheby’s umgerechnet 283.000 Euro. Und selbst für eine von Richter signierte Betty-Postkarte musste man 2011 beim Pariser Auktionshaus Piasa 500 Euro berappen.

Wem auch das noch zu teuer ist, kann sich in den Kölner Dom setzen und dort das von Richter gestaltete Kirchenfenster betrachten – der Eintritt ist frei.

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