Leben mit Aktien: Milliardenmarkt Abnehmspritze: Was Aktionäre jetzt wissen müssen
Neue Studienergebnisse räumen Bedenken gegenüber der Abnehmspritze aus.
Foto: ImagoEine neue Studie zeigt: Die Abnehmspritze Wegovy von Novo Nordisk senkt das Risiko von Schlaganfällen und Herzinfarkten bei übergewichtigen Menschen. In einer klinischen Studie mit rund 17.600 Erwachsenen über 45 Jahren, die übergewichtig oder fettleibig sind und an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden, reduzierte das Mittel das Risiko eines schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignisses um 20 Prozent.
Die Halbjahreszahlen von Novo Nordisk bescheinigen den Dänen ein solides Wachstum. Das Management passte die Prognose erneut nach oben an: Ziel ist ein Wachstum des Betriebsergebnisses von 31 bis 37 Prozent, wobei der Umsatz um 28 bis 34 Prozent steigen soll. Damit wurde das bisherige Ziel einer Gewinnsteigerung von 24 bis 30 Prozent angehoben.
Am Markt kommen die Nachrichten gut an: Die Aktie legte daraufhin 15 Prozent zu. Mit einer Marktkapitalisierung von 372 Milliarden Euro ist Novo Nordisk als zweitwertvollstes Unternehmen Europas ziemlich nah an LVMH herangerückt. Der französische Luxusgüterriese wird mit 410 Milliarden bewertet. Auf Platz drei liegt Nestlé mit 288 Milliarden Euro Marktwert. Für den Konkurrenten Eli Lilly, dessen Präparat noch wirksamer sein soll, ging es an der Börse ähnlich stark nach oben.
Warum die Studienergebnisse für Kursfantasien sorgen
Die Studie ist wichtig, weil sie den medizinischen Nutzen der Semaglutide herausstellt. Damit kontert sie die Diskussion um mögliche Schilddrüsenkrebsrisiken – und ein Stückweit auch Bedenken, dass Wegovy zum Lifestyle-Medikament werden könnte. Ein klarer medizinischer Nutzen ist wichtig, damit die Kosten für die Therapie langfristig von den Krankenkassen übernommen werden. Das ist die Voraussetzung für den massenbreiten Einsatz.
Analysten preisen dieses Szenario in ihre Wachstumsprognosen bereits ein. Auch die Aktienkurse spiegeln diese Erwartung wider. Bloß: Auf Basis der aktuellen Konsensschätzungen wird Novo Nordisk zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 35 und Eli Lilly mit einem KGV von 50 gehandelt. Das ist nur dann angemessen, wenn das Wachstum in den kommenden drei bis fünf Jahren stärker ausfällt als erwartet. Zugleich dürfte die Konkurrenz schärfer werden: Boehringer, Sanofi und Astra Zeneca haben ähnliche Präparate in der Pipeline.
Die Forschungspipeline von Novo Nordisk enthält Weiterentwicklungen und Ableitungen des Wirkstoffs. Von dieser Seite sind positive Überraschungen denkbar, etwa mit Blick auf die Behandlung der nichtalkoholischen Fettleber. Gleichzeitig ist die Fallhöhe immens. Das erinnert an das Jahr 2016: Damals waren die Wachstumserwartungen übertrieben und konnten kurzfristig nicht gehalten werden. Binnen weniger Monate ging es dann 40 Prozent nach unten. Dieses Risiko steht auch jetzt im Raum, zumal Novo Nordisk in der Lage sein muss, die Nachfrage auch zu bedienen.
Aktionäre müssen ihre Anteile deshalb nicht direkt verkaufen und die jüngsten Kursgewinne mitnehmen. Aber sie sollten sich des Rückschlagpotenzials bewusst sein. Wer schon länger investiert ist (allein seit 2020 hat sich die Aktie mehr als verdreifacht), kann darüber nachdenken, zumindest den Einsatz herauszuholen – also etwa ein Viertel bis ein Drittel der Position zu Geld zu machen.
Ein Tipp für alle, die in mehreren Tranchen zu unterschiedlichen Preisen gekauft haben: Es gilt das FiFo-Prinzip. Das Akronym steht für „First in, First out“. Das heißt: Es werden zuerst die ältesten Stücke als Verkauf abgerechnet, bei denen tendenziell die höchsten Gewinne aufgelaufen sind – und mithin auch die höchsten Steuern anfallen!
Gut, wer ein Zweitdepot bei derselben Bank hat: Dorthin kann man die Stücke, die nicht verkauft werden sollen, umbuchen. Auch dabei gilt nämlich das FiFo-Prinzip. Im Ursprungsdepot bleiben die zuletzt gekauften Stücke. Die können dann verkauft werden – mit geringerem Gewinn und niedrigerer Steuerlast.
Die wichtigsten Pharmaaktien im Vergleich
Novo Nordisk und Eli Lilly sind Leuchttürme des Pharma-Business und auch deshalb so begehrt bei Investoren. Sie ragen heraus aus einer Branche, die insgesamt ein Zukunftsproblem hat. Nicht umsonst hat Eli Lilly nun auch bei der Marktkapitalisierung Johnson & Johnson als Spitzenreiter der Branche abgelöst. In den nächsten Jahren laufen bei Big Pharma viele Patente aus, es wird also günstigere Nachahmer (Generika) geben. Zugleich wird die Entwicklung neuer Wirkstoffe immer teurer. Um die Pipelines zu füllen, müssen die großen Pharmakonzerne viel Geld in Übernahmen stecken, vor allem im Biotech-Bereich – mit ungewissem Ausgang.
Entsprechend groß ist die Skepsis der Investoren, erkennbar an vergleichsweise niedrigen KGVs: AbbVie 14, Roche 14, Novartis 15, Sanofi 12, Bristol Myers Squibb 8, Glaxo Smithkline 9. Pfizer nach dem Ende des Corona-Booms nur 11. Und selbst Amgen, der Großvater der Biotech-Branche, hat nur ein KGV von 15.
Eine Einzelwert-Auswahl ist im Pharma-Sektor sehr schwierig. Wer gerne mal gegen den Strom schwimmt und außerdem hohe Dividendenrenditen mag, kann trotzdem Positionen aufbauen. Alternativ lässt sich auch via ETF investieren. Wichtig ist dabei, genau hinzuschauen. Der MSCI World Healthcare etwa ist kein Pharma-Index, sondern enthält auch Gesundheitsdienstleister wie United Health und Laborausrüster wie Thermo Fisher. Echte Pharma-Werte machen nur 42 Prozent des Gesamtindex aus.
Und es gibt weitere Tücken. So wird ein iShares-ETF auf den globalen Gesundheitssektor in vielen Systemen nach wie vor als „iShares MSCI World Health Care Sector UCITS ETF” gelistet. Er bildet aber seit März vergangenen Jahres den MSCI World Health Care Sector ESG ab, also einen Index, der Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt. Und der sieht anders aus als das Original. So kommt Johnson & Johnson darin nur auf 1,5 Prozent. Im „Non-ESG”-Index sind es 6 Prozent). Merck & Co. kommt auf 0,9 Prozent (sonst 3,7) und AbbVie auf 0,9 Prozent (sonst 3,6 Prozent). Im Gegenzug sind etwa Novo Nordisk, Danaher und Astra Zeneca im ESG-Index deutlich höher gewichtet. Was besser ist, muss sich zeigen. Fakt ist, dass der ESG-Index sich vom Grundsatz des passiven Investierens recht weit entfernt.
Jetzt reinhören: Im Podcast sprechen Horst von Buttlar und Christian W. Röhl über Adidas, Abnehmspritzen und Autos. Aber auch China und das Gespenst der Deflation sind in dieser Folge Thema. Zum Podcast