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Lohnkürzung, Jobverlagerung, Preissenkung So hart trifft der starke Franken die Schweizer Unternehmen

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Jeder Fünfte Betrieb bedroht

Die ganze Wucht der Franken-Aufwertung bekommt auch der grenznahe Einzelhandel zu spüren. Herbert Bolliger, Chef der Handelskette Migros, prognostiziert einen Umsatzrückgang von fünf Prozent in den betreffenden Filialen, Personalabgänge würden nicht ersetzt. Schon sieben Prozent weniger Besucher seit Mitte Januar verzeichnet das Basler Shoppingcenter Stücki.

Unternehmen, die im Euro-Raum einkaufen, haben begonnen, ihren Währungsgewinn an die Kunden weiterzugeben. „Als erste Maßnahme haben wir die Preise für Brillenfassungen und Sonnenbrillen aus dem Euro-Raum um 20 Prozent gesenkt“, sagt Daniel Mori, Verwaltungsratschef der Optikerkette Visilab, die in der Schweiz 90 Filialen betreibt und fast 900 Mitarbeiter beschäftigt. Gleichzeitig versucht er, den Anteil des Einkaufs in Euro von 50 auf 80 Prozent zu erhöhen. Das sei aber nicht einfach. Etliche europäische Brillenhersteller weigerten sich, Schweizer Abnehmer gegen Euro zu beliefern.

Schweizer Exportschlager, die nun teurer werden
Ovomaltine Quelle: AP
Ricola-Bonbon
Swatch-Uhren Quelle: REUTERS
Uhr
Schweizer Taschenmesser Quelle: AP
Berge Quelle: dpa
Lindt-Schokoladenhasen

Jeder fünfte Industriebetrieb sei existenziell bedroht, heißt es beim Schweizer Industrieverband Swissmem. Der Einkaufsmanagerindex der Credit Suisse ist per Ende Januar so stark gefallen wie seit November 2008 nicht mehr. Nach Berechnungen der Bank stehen Einsparungen im Einkauf von 13 Milliarden Franken Verluste im Verkauf von 31 Milliarden gegenüber. Hinzu kommt, dass Banken wie Credit Suisse, die Zürcher Kantonalbank (ZKB), Lombard Odier und UBS Negativzinsen für Geschäftskunden einführen.

Historischer Fehler

In dieser Situationen nehmen so manche Unternehmen harte Einschnitte in Angriff. Der Baseler Zahnimplantatehersteller Straumann kürzt die Löhne und bezahlt Mitarbeiter aus Deutschland, bei Schweizern Grenzgänger genannt, in Euro. Der Chef einer Genfer Privatbank, deren Kosten größtenteils in der Schweiz anfallen, will sein Backoffice nach Frankreich auslagern. Den Takt gibt Julius Bär vor, die größte Schweizer Privatbank. Das Institut will in diesem Jahr 100 Millionen Franken sparen, 200 Stellen werden gestrichen, möglich sind zudem Verlagerungen von Jobs ins Ausland.

Diesen Weg will auch der Mischkonzern Wicor in Rapperswil einschlagen. „Wir exportieren 95 Prozent unserer in der Schweiz hergestellten Produkte“, sagt Chefin Franziska Tschudi Sauber. „Die Aufhebung des Mindestkurses heißt vor allem eines: Wir halten an unserer Strategie fest, weiter aus der Schweiz hinaus zu verlagern. Das hatten wir schon früher geplant und kommuniziert, werden es jetzt aber konsequent umsetzen.“ Kurzfristig versucht Wicor, günstiger einzukaufen, und stellt bestehende Lieferanten infrage.

Entsprechend laut hallt die Kritik der Schweizer Wirtschaft an der Entscheidung der Notenbank, den Wechselkurs bei 1,20 Franken pro Euro aufzugeben. Aber auch die Arbeitnehmervertreter beklagen die Entwicklung. „Die Nationalbank hat sich leider über weite Strecken zulasten unserer Volkswirtschaft in die Rolle einer Beobachterin zurückgezogen“, sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizer Gewerkschaftsbundes. „Sie hat ihren Auftrag, die Wahrung der Preisstabilität, verletzt und muss jetzt dringend neue Maßnahmen ergreifen und ihre Verantwortung wahrnehmen.“

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Auch Visilab-Gründer Mori verlangt von der Schweizer Notenbank eine Umkehr: Sie müsse ihre Geldpolitik massiv lockern, so wie es die Notenbanken Großbritanniens, der USA und zuletzt der EU vorgemacht hätten. „Die Aufhebung des Mindestkurses“, sagt Mori, „war ein historischer Fehler.“

Belebung des Geschäfts

Zumindest als Konsumenten sehen viele Schweizer das anders. Denn sie können billiger verreisen und einkaufen. Handelsketten von Coop bis Manor überbieten sich mit Preissenkungen, weil sie weniger für Importe bezahlen. Das Zürcher Weinhaus Selection Schwander, das zu über 90 Prozent im Euro-Raum einkauft, gewährt bis Ende Februar zehn Prozent Rabatt auf Neuimporte. „Mit den teilweise reduzierten Preisen stellen wir eine deutliche Belebung des Geschäfts fest“, sagt Philipp Schwander, Firmeninhaber und Schweizer Master of Wine.

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