Max Otte "Unser Geld könnte sich in Luft auflösen"

Der Börsenprofessor und Fondsmanager Max Otte über das Anlagejahr 2015, die Probleme des Rohstoffsektors, amerikanische Industriepolitik, die wachsenden Absturzgefahren und die Chancen an der Börse für 2016. Ein Interview.

Max Otte über Geldanlage 2016. Quelle: Andreas Toller für WirtschaftsWoche

Herr Otte, wie fällt Ihre Bilanz für das Anlagejahr 2015 aus?

Es war kein einfaches Jahr für Anleger. Man merkt, dass sich alles für das Endspiel um die Vermögenswerte der Welt positioniert hat. Die Besitzer von Geldforderungen müssen verlieren, während die Besitzer von guten Sachwerten – dazu gehören auch Aktien von Unternehmen mit guten Geschäftsmodellen – eine gute Chance haben, ihr Vermögen über dieses Endspiel zu retten.

Zur Person

Die klassischen Qualitätstitel sind entsprechend weiter gelaufen. Außerdem war es ein Rekordjahr im Hinblick auf Übernahmen und Fusionen. Bei Rohstofftiteln, Industrie und Goldminen ging es aber weiter bergab. Die Korrektur im Spätsommer hat uns heftiger erwischt als erwartet. Wir mussten Verkäufe mit Verlust hinnehmen, um die Risikostruktur unserer Fonds zu verbessern. 

Vor einem Jahr hatten Sie noch Rohstofftitel und Energiekonzerne im Portfolio. Haben Sie die noch?

Wir sind größtenteils ausgestiegen, vor allem Rohstofftitel haben wir mit Verlust verkauft. Wir haben nur noch eine Minenaktie im Portfolio, eine Gold- und Kupfermine.

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Die klassischen Versorger hatten wir schon länger nicht mehr. Der Absturz dieser Energiekonzerne ist für mich auch eine Facette des Endspiels – ganze Branchen werden durcheinandergebracht, Geschäftsmodelle zerstört. In diesem Fall durch eine unglaublich dumme deutsche Politik, die sich instrumentalisieren lässt. Immer mehr setzt sich die Machtwirtschaft anstelle der Marktwirtschaft durch.

Nennen Sie ein Beispiel dafür.

Der VW-Skandal verdeutlicht das Problem. Die USA haben unglaublich niedrige Grenzwerte für Feinstaubemissionen verhängt, 32 Milligramm pro Kilometer. In der EU sind diese Grenzwerte viel höher – bei 86 Milligramm. Nun fragt man sich, warum die USA solch niedrige Grenzwerte verhängen, wo sie doch sonst nicht so zimperlich in Umweltfragen sind. Zudem dürften die amerikanischen Dieseltrucks weiter als Dreckschleudern rumfahren. Aus Sicht von Hans-Werner Sinn, der ich mich anschließe, ist das amerikanische Industriepolitik zu Lasten der deutschen Autokonzerne. Die US-Konzerne haben nämlich keine Diesel-PKW.

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Kehren wir zu den Aktien zurück. War der Kurssturz vom Sommer tatsächlich nur eine Korrektur oder ein Vorbote dessen, was uns bald erwartet?

Fest steht, dass die globalen Schulden noch einmal in der Größenordnung eines Welt-Bruttoinlandsproduktes gestiegen sind. Das kann nicht ewig so weitergehen. In den USA wurde das billige Geld lange für Aktienrückkäufe der Unternehmen auf Kredit genutzt. Zunächst ist das für Aktionäre gut. Das Vermögen auf dem Papier ist deshalb kräftig in die Höhe geklettert. Aber Private-Equity-Firmen kaufen mit dem billigen Geld den halben deutschen und europäischen Mittelstand auf und hinterlassen große Verwüstungen. Komisch, dass niemand mehr von „Heuschrecken“ spricht, wie es der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering 2005 tat. Irgendwann müssen die Schulden jedenfalls reorganisiert oder erlassen werden. Die Wachstumsschwäche Chinas tat vor diesem Hintergrund ihr Übriges. Hinzu kommen die Krisen rund um Europa, die uns demoralisieren und zeigen, wie handlungsunfähig wir sind.

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Inwiefern sind die USA im Vorteil?

In den USA ruft die Rekordverschuldung nur ein müdes Achselzucken hervor, Schulden sieht man dort nicht als Problem. Außerdem wurde der Bankensektor nach Ausbruch der Finanzkrise in den Staaten radikal ausgemistet und die Notenbank Fed hat die Rolle der Bad Bank übernommen. Sie stützt den Dollar, stützt damit die Aktienmärkte und stellt den Unternehmen das Kapital zur Verfügung, um sich europäische Unternehmen zu kaufen und hiesige Märkte einzuverleiben.

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