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Mehr als 2000 Dollar für die Feinunze Der Goldpreis steigt – der Geldwert verfällt

Derzeit kostet die Feinunze Gold (31,1034 Gramm) etwa 2.040 US-Dollar, so viel wie nie zuvor. Quelle: REUTERS

Dass der Goldpreis Rekordhöhen erreicht, hat fundamentale Gründe. Die Politik der Notenbanken spricht dafür, dass der Wert des Edelmetalls auch in Zukunft weiter steigen wird, schreibt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt beim Handelshaus Degussa, in seinem Gastbeitrag.

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Derzeit kostet die Feinunze Gold (31,1034 Gramm) etwa 2040 US-Dollar – so viel wie nie zuvor. Und nicht nur in US-Dollar hat der Goldpreis Rekordhöhen erreicht, sondern auch in allen wichtigen Währungen der Welt. Ökonomisch gesehen lässt sich das auch wie folgt interpretieren: Ein steigender Preis für das gelbe Metall bedeutet nichts anderes, als dass die Kaufkraft der Währungen gegenüber Gold verfällt: Man bekommt immer weniger Gold im Tausch gegen US-Dollar, Euro und Co.

Physisches Gold ist kein Gut wie jedes andere: Es ist das ultimative Zahlungsmittel, das Grundgeld der Zivilisation. Zwar sind heute alle wichtigen Währungen der Welt nicht mehr durch Gold gedeckt, beziehungsweise nicht mehr gegen physisches Gold bei den Zentralbanken eintauschbar. Jedoch hat das Gold – trotz seiner offiziellen Demonetisierung in den 1970er Jahren – nie aufgehört, in den Märkten als Geld beziehungsweise geldähnlich gehandelt zu werden.

Und das aus gutem Grund. Gold hat alle Eigenschaften, die gutes Geld haben muss: Es ist knapp, haltbar, prägbar. Seine Kaufkraft lässt sich – anders als die von US-Dollar, Euro und Co – durch die Geldpolitik der Zentralbanken nicht zerstören. Und nicht zuletzt trägt physisches Gold – im Gegensatz zu Bankguthaben – kein Kredit- beziehungsweise Zahlungsausfallrisiko. Das erklärt auch, warum in Krisenzeiten die Nachfrage nach Gold als sicherer Hafen ansteigt und den Goldpreis in die Höhe treibt.


Der Faktor Zins

Durch die Null- und Niedrigzinspolitik der Zentralbanken hat mittlerweile die Attraktivität des Goldes gegenüber Bargeld und Bankguthaben stark zugenommen. Die jüngsten Marktspekulationen, die US-Zinsen könnten bald auf oder gar unter die Nulllinie fallen, haben daher auch dem Goldpreis einen kräftigen Schub versetzt: Denn ohne positive US-Zinsen – die de facto die Weltleitzinsen sind – droht Chaos: Bewertungschaos auf den globalen Finanzmärkten und damit Chaos in den Volkswirtschaften. Denn wie sollen Anleger und Unternehmer den Gegenwartswert künftig erwarteter Einnahmen aus Finanz- und Realinvestitionen berechnen, wenn es keinen Zins als Diskontierungsfaktor mehr gibt?

Die Risikolage hat Profi-Investoren wie Hedgefonds und Pensionskassen in Gold-Exchange-Traded-Funds (ETFs) gelockt. Schon seit Jahren verzeichnen die Gold-ETFs hohe Zuflüsse. Gegen Ende Juli 2020 beliefen sich weltweit die von ihnen gehaltenen Goldbestände auf 3.751 Tonnen – und waren damit nach denen der US-Zentralbank (sie verfügt über 8.133,5 Tonnen) die Zweitgrößten. Dass der Zustrom in die Gold-ETFs jüngst mächtig an Fahrt aufgenommen hat – seit Jahresanfang waren es etwa 600 Tonnen – liegt insbesondere an der Geldpolitik.

Als Reaktion auf die politisch diktierte Lockdown-Krise haben die großen Zentralbanken der Welt mehr denn je die Geldschleusen geöffnet. Ausgefallene Einkommen und Umsätze finanzieren sie jetzt ungehemmt mit dem Anwerfen der elektronischen Notenpresse: Die Geldbehörden kaufen Schuldpapiere in großem Stil auf und bezahlen sie mit neu geschaffenem Geld. Auf den gewaltigen Einbruch der Produktion folgt also eine nicht minder gewaltige Ausweitung der Geldmenge. Das wird absehbar zu steigender Konsumgüter– oder Vermögenspreisinflation oder einer Kombination aus beidem führen.


Offene Rechnungen

In den USA wächst die nachfragewirksame Geldmenge M1 mit knapp 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr, im Euroraum nimmt sie um knapp 13 Prozent zu – während die Volkswirtschaften um 9,5 Prozent beziehungsweise 15 Prozent eingebrochen sind. Die „Überschussliquidität“ drängt in die Vermögensmärkte, treibt dort die Aktienkurse auf neue Höchststände. Sie wird über kurz oder lang wohl auch in die Immobilienmärkte gelangen und dort für weiter steigende Hauspreise und Mieten sorgen.

Die Zentralbanken verfolgen eine offene Inflationspolitik – auch wenn sie dies offiziell nicht zugeben. Sie sprechen vielmehr von „Anleihekäufen“, „Kreditmarktstützungen“ und „Liquiditätshilfen“. Hinter diesen Euphemismen verbirgt sich aber nichts anderes als geldentwertende Maßnahmen. Die Zeche hat die breite Bevölkerung zu zahlen. Ihre Ersparnisse werden durch die Kombination von Nullzinsen und Geldentwertung zerstört, während sich die überschuldeten Staaten und privilegierte Sonderinteressengruppen durch negative Realzinsen sanieren.

Das Institute of International Finance (IIF) schätzt, dass die weltweite Verschuldung Ende 2019 bereits bei 255 Billionen US-Dollar und damit bei 322 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts lag. Durch die Lockdown-Krise wird die Schuldenquote auf 342 Prozent steigen. Wie so häufig in der leidvollen Währungsgeschichte ist absehbar, was passiert, wenn die Kreditpyramide einzustürzen droht: Offene Rechnungen werden mit neu geschaffenem Geld bezahlt, und das setzt die Kaufkraft des Geldes herab.

Die Zentralbanken hoffen, die von ihnen in Gang gesetzte Geldentwertung kontrollieren zu können. Doch was, wenn ihnen das nicht gelingt, wenn die Inflation aus dem Ruder läuft? Dass sich eine Inflationsdynamik aufbaut, der die Zentralbanken nicht mehr Herr werden, ist das Tail Risk, die dunkle Gefahr, die mit der ungebremsten Geldmengenausweitung einhergeht. Im Extremfall kann sie die Kaufkraft des ungedeckten Papiergeldes auf Null fallen lassen. Gold kann das nicht widerfahren, weil es stets eine Nachfrage nach dem Edelmetall auch für nicht-monetäre Zwecke gibt.

Eine Frage des Preises

Immer mehr Anleger scheinen dies zu erkennen. Weil die offiziellen Währungen kein Wertspeicher mehr sind, sehen sich die Sparer nach Alternativen um und stoßen dabei auch auf Gold. Das Edelmetall ist eines der ganz wenigen verbliebenen liquiden Mittel, die die Möglichkeit in Aussicht stellen, der staatlich betriebenen globalen Geldentwertung zu entkommen. In Zeiten der finanziellen Repression ist Gold als eine Art Versicherung zu interpretieren: als ein risikosenkendes und gleichzeitig ertragssteigerndes Element im Anlageportfolio.



In den vergangenen 20 Jahren betrug der Goldpreisanstieg im Durchschnitt gut 10 Prozent pro Jahr, in den letzten zehn Jahren waren es 6 Prozent – nach Steuern wohlgemerkt. Das gelbe Metall hat also nicht nur seine Versicherungsfunktion erfüllt, es hat auch eine Wertentwicklung gezeigt, mit der keine der offiziellen Währungen mithalten konnte. Doch die beste Versicherung taugt bekanntlich nichts, wenn sie teuer eingekauft wird. Die Frage ist daher: Lohnt sich der Goldkauf noch?

Setzt man den Goldpreis in Beziehung zu makroökonomischen Größen wie zum Beispiel der Geldmenge, den Zinsen und den Kreditmarktprämien, so zeigt sich, dass ein Goldpreis von etwa 2.000 bis 2.200 Dollar je Unze keine Übertreibung darstellt. Stellt man zudem in Rechnung, dass die Politik der Niedrig- beziehungsweise Nullzinsen fortgeführt und die Geldmengenvermehrung nicht abgebremst wird, gibt es gute Gründe zur Annahme, dass das Gold in den kommenden Jahren weiter an Attraktiviät gewinnt - und dadurch sein Wert gegenüber den Papierwährungen steigt.

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