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Moderne Zahlsysteme Wie bargeldlos ist unsere Zukunft?

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Ohne Bargeld weniger Bestechung und Hinterziehung

Kartenlesegerät Quelle: dpa

Ganz offensiv, zumindest verbal, wird Bargeld in Italien der Kampf angesagt. „Der Kampf gegen das Bargeld ist ein wahrer Kampf der Zivilisation“ – der Spruch von Giovanni Sabatini, Generaldirektor der Bankenvereinigung ABI, ist heute schon legendär. Dafür erntete er zwar reichlich Spott. „Sabatini erzählt Quatsch, weil er verbergen will, dass die Banken an allen Zahlungen mitverdienen, nur eben am Bargeld nicht“, ätzte Komiker Beppe Grillo, ein überzeugter Bargeld-Anhänger.

Aber: Bestechung und Hinterziehung sind vor allem mit Bargeld möglich. Der deutsche Staat würde jährlich 35 Milliarden Euro mehr einnehmen, wenn nach Abschaffung des Bargelds die Schattenwirtschaft eingedämmt würde. Das schätzen Forscher der Steinbeis-Hochschule. Ein Bargeldverbot würde Schwarzarbeit erschweren, aber auch Drogenhandel, Prostitution und illegales Glücksspiel.

Aber auch ohne Bargeld lassen sich illegale Geschäfte finanzieren – etwa mit der Digitalwährung Bitcoins. Jeder, der über rechenstarke Computer verfügt, kann Bitcoins kreieren. Mittlerweile ein aufwendiger und sehr teurer Prozess – für die Geldschöpfer ein Fulltime-Job. Bitcoins waren anfangs Zahlungsmittel für Drogen und Waffen. Heute werden sie längst auch regulär genutzt, in den USA verkaufte ein Autohaus sogar ein Tesla-Elektroauto gegen Bitcoins.

Bislang wissen weder Staaten noch Notenbanken, wie sie mit der digitalen Währung umgehen sollen. Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele etwa hält Bitcoins für hochspekulative Finanzinstrumente, auf keinen Fall für Zahlungsmittel.

Alex Werkman, IT-Berater aus Köln, lässt sich seinen Enthusiasmus nicht nehmen: „Wenn man sich ansieht, was die EZB mit dem Euro macht, wäre doch eine Ausweichwährung nicht schlecht“ – etwa bei Inflation. Werkmans Frau betreibt eine Kindertagesstätte – und er hat für diese ein System eingeführt, das es Eltern erlaubt, mit Bitcoins zu zahlen. Zahlungen sind kostenfrei, Nutzer müssten nur etwas Wartezeit in Kauf nehmen. Zehn Minuten dauert eine selbst durchgeführte Bezahlaktion, schätzt Werkman. Nur wer professionelle Anbieter wie Bitpay nutzt, zahlt Gebühren für Bitcoin-Transaktionen. Dafür wandelt Bitpay Coins auch in Euro um.

Alles ziemlich zukunftsträchtig – nur ist die Nachfrage vonseiten der Tagesstätten-Eltern leider null. „Kann ja noch kommen“, sagt Werkman , „ich wollte eben mal etwas anderes ausprobieren.“ Dass ihm seine im Wert stark gestiegenen Coins verloren gehen, fürchtet er nicht. „Ich habe sie mehrfach auf Festplatten gespeichert.“ So umgeht er Probleme, wie sie Tausende Anleger mit der Bitcoin-Börse Mt.Gox hatten, die in der Insolvenz vermutlich mehrere Hundert Millionen Euro Kundengeld vernichtet hat.

In Arbeit
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Resigniert setze ich mich am Abend in den ICE. Zum Abschluss will ich es aber noch mal wissen: Ein Ticket für die Fahrt mit der Frankfurter U-Bahn muss ich doch auch ohne Bargeld bekommen können, am besten als Code auf mein Handy. Dafür lade ich mir die App des Verkehrsverbunds Rhein-Main herunter. In den Nutzungsbedingungen steht, dass ich damit den Zugriff auf meinen Telefonstatus und die Telefon-ID zulasse. Eigentlich bin ich damit nicht einverstanden, aber es hilft ja nichts. Einmal installiert, wähle ich über die App eine Verbindung und tippe auf „Ticket kaufen“ – 2,60 Euro. Nun bietet die App mir an, mich als Nutzer zu registrieren. Das ist mir zu aufwendig, ich lehne ab. Ich kann ja auch über die Mobilfunkrechnung bezahlen. Also tippe ich meine Handynummer ein, packe eine E-Mail-Adresse dazu und erstelle ein Passwort. Im nächsten Schritt erwarte ich dann mein Ticket. Von wegen! Ich bekomme den Hinweis, dass für die Abrechnung über mein Handy eine zusätzliche Gebühr anfällt. Wie hoch die ist, zeigt die App mir freundlicherweise nicht an. Und mir fehlt die Zeit, die Geschäftsbedingungen durchzulesen, meine Bahn fährt ein. Lust auf seitenweise Kleingedrucktes habe ich schon gar nicht. Also eile ich zum nächsten Ticketautomaten und beende mein bargeldloses Wochenende, wie es angefangen hat: indem ich Münzen aus dem Portemonnaie krame.

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