Negative Zinsen Wie das Zins-Chaos unser Leben beeinflusst

Bis vor kurzem war ein Negativzins undenkbar, aber jetzt kostet Geld nichts mehr, und die Welt spielt verrückt. Eine Expedition zu den Schauplätzen der Zinskrise und zu den Menschen, deren Leben sie verändert.

Grafik Kursabfall Zinsen

Ob er’s wirklich gesagt hat oder nicht, spielt keine Rolle. Wladimir Iljitsch Lenin hätte es sagen können, das reicht: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muss man ihr Geldwesen verwüsten.“ Walter Eucken, ein Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, hat den Gründer der Sowjetunion 1955 so zitiert, in warnender Absicht, versteht sich. Kein Wettbewerb ohne Geldwertstabilität... Kein funktionierendes Preissystem ohne Verzicht auf Kreditexpansionen... Kein zivilrechtlich eingerichteter Staat ohne den „Primat der Währungspolitik“... – für Lenin und Eucken war der Preis des Geldes (der Zins) in der Marktwirtschaft der Preis aller Preise: Von seiner Gesundheit hängt nicht nur die Gesundheit der Wirtschaftsordnung, sondern auch die auf Eigentum, Wettbewerb und Leistung beruhende Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft ab. Mit dieser Freiheit ist es gründlich dahin.

Kein Preis in den sogenannten Marktgesellschaften des Westens wird so gnadenlos heruntermanipuliert wie der Preis des Geldes. Das Zinsniveau sinkt seit vier Jahrzehnten parallel zum Anstieg der Staatsschulden und zum Ausbau der Kreditwirtschaft an rettungslos deroutierten Finanzmärkten, bis zum Nullpunkt und darüber hinaus. Man will mit billigem Geld das Rad der Wirtschaft und des Wachstums in Schwung halten, heißt es, und nennt Krisenintervention, was in Wahrheit Konkursverschleppung ist. Man vergiftet den Markt und beraubt die Freiheit ihrer wichtigsten Ressource: teures, wertgeschätztes Geld.

So legen die Deutschen ihre Ersparnisse an

Tatsächlich ist die bürgerliche Welt durch die niedrigen Zinsen völlig aus den Fugen geraten. Eigentum ist heute ein anderes Wort für glückendes Schuldenmanagement. Und Leistung wird heute eher auf dem Kapital- denn auf dem Arbeitsmarkt belohnt. Wer hat, dem wird gegeben – das ist die postbürgerliche Losung in der Welt des Niedrigzinses. Sie kennt viele Verlierer: Sparer, Angestellte, die Lohnabhängigen. Sie kennt wenige Gewinner mit einem Luxusproblem: Reiche im Anlagenotstand. Und sie schreibt kuriose Geschichten. Zum Beispiel diese:


Station 1: Frankfurt am Main

Tammo Diemer lacht über sich selbst, als er die Geschichte erzählt: Neulich, da war er sicher, hatte er eine falsche Zahl im Bericht seines Mitarbeiters gefunden. Er wies den Nachlässigen auf den Fauxpas hin. Doch der klärte seinen Chef auf. „Die Kennziffer ist korrekt, wir haben negative Zinsen“, erinnerte er Diemer. Der schüttelte den Kopf. „Ich ertappe mich immer mal wieder dabei, dass mich Sachverhalte irritieren, die auf den negativen Zinsen beruhen“, sagt er. Schließlich ist der 46-Jährige, der für das Bundesfinanzministerium das nötige Geld am Kapitalmarkt leiht, in einer Welt mit Zinsen aufgewachsen, vor denen ein Plus stand. Negative Renditen – das war der schwarze Schwan, eine Unmöglichkeit. Es war.

Es gab Zeiten, da lechzte der Haushalt in Berlin nach immer neuen Milliarden; die Finanzagentur besorgte sie, indem sie Investoren mit den nötigen Renditen lockte. Sie stellte Zinszahlungen in Aussicht, um Geld zu bekommen. Und heute? Da ist Diemer einer der wenigen, der Geld mit dem Schuldenmachen verdient. Geld für Deutschland.

Investoren bezahlen den Bund mittlerweile dafür, dass sie ihm Bares leihen dürfen. Rekord: Bis zu einer Laufzeit von neun Jahren akzeptierten Anleger an der Börse, dass sie für ihr Geld nicht mehr, sondern weniger zurückerhalten. Früher war das Wahnsinn. Heute ist das solides Vermögensmanagement.

Und das liegt, wie so vieles in diesen Tagen, auch an der Europäischen Zentralbank (EZB). Als die zu Beginn des Jahres ankündigte, von März an Anleihen von Regierungen und anderen öffentlichen Schuldnern aus der Euro-Zone zu kaufen, zog das Phänomen Negativzins erstmals breitere Kreise. Die EZB belastet Bankeinlagen mit Strafzinsen, die Banken geben sie, jedenfalls bei Millioneneinlagen großer Kunden, an diese weiter. Im Zweifel steuert die EZB, wie unlängst geschehen, auch verbal den Zins nach unten. Vor allem aber pumpt sie im Schnitt 60 Milliarden Euro in die Finanzmärkte – Monat für Monat. So will sie die Zinsen unten halten.

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