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Negativer Realzins Realzins tief im Minus, Sparer verlieren über 100 Milliarden Euro

Schleichende Kaufkraftverluste bei den Ersparnissen: Die Inflation frisst die mickrigen Zinsen auf Spareinlagen auf. Quelle: imago images

Die Anlagezinsen sind seit rund einem Jahrzehnt im Keller. Die Folgen für deutsche Sparer: Nach Abzug der Inflation haben sie allein im ersten Quartal 2019 rund sieben Milliarden Euro verloren. 2018 war noch schlimmer.

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Die Prognosen waren schon schlimm, nun erweist sich die Realität als noch schlimmer. Seit im Zuge der globalen Finanzkrise die Notenbanken die Märkte nach 2008 mit Geld zu fluten begannen, indem sie die Leitzinsen in Richtung der Nulllinie drückten, warnten etliche Experten vor realen Vermögensverlusten. Die entstehen, wenn Sparer und Anleger in verzinsten Geldanlagen auch noch die Inflation von ihren schmalen nominellen Zinsgewinnen abziehen. 2013 prognostizierte die Deka den deutschen Sparern in Summe reale Vermögensverluste von zehn Milliarden Euro pro Jahr. Das Problem: Die Deutschen horten ihre Ersparnisse nach wie vor gerne vor allem auf Giro-, Tagesgeld- und Festgeldkonten sowie Sparbüchern. Und diese bringen nahezu keinen Zinsen mehr.

Nun fällt eine Zwischenbilanz der Comdirect in Zusammenarbeit mit Barkow Consulting noch deprimierender aus: Seit Ende 2010, also nach etwas mehr als neun Jahren, haben die Ersparnisse deutscher Sparer schon 111 Milliarden Euro an Kaufkraft eingebüßt. Anders ausgedrückt: Laut Kontoauszug haben sie ihre Ersparnisse zwar noch, aber die Inflation hat dafür gesorgt, dass sie sich im Wert von 111 Milliarden Euro weniger davon kaufen können. Nach der Dekabank-Prognose hätte dieser Wert nun bei rund 95 Milliarden Euro liegen sollen. „Mittlerweile dauerhaft niedrige Zinsen unterhalb der Inflation führen weiter zu einem schleichenden Wertverlust der Ersparnisse“, sagt Arno Walter, Vorstandsvorsitzender von Comdirect – und empfiehlt ein Ausweichen auf Wertpapiere.

Rekordhohe KaufkraftverlusteEntwicklung der Realzinsen (in Prozent) Quelle: Comdirect, Barkow Consulting

Realzinsverluste auf Rekordniveau

Wer glaubt, die Situation sei heute weniger dramatisch als auf den Höhepunkt der Finanzkrise, der irrt. Im vierten Quartal 2018 war der Realzins sogar auf einen neuen Tiefpunkt bei minus 1,8 Prozent gesunken. Die Comdirect weist allein für das erste Quartal 2019 einen Realzins von minus 1,2 Prozent aus. Dabei stand einer durchschnittlichen Verzinsung der Geldanlagen mit 0,17 Prozent eine Inflationsrate von 1,38 Prozent gegenüber. Das entspricht einem Vermögensverlust von sieben Milliarden Euro oder umgerechnet 84 Euro für jeden einzelnen deutschen Bürger allein im ersten Quartal 2019.

Die Zahlen verdeutlichen, wie die Niedrigzinspolitik der Notenbanken – und hier insbesondere der Europäischen Zentralbank – schleichende Vermögensverluste bei privaten Sparern verursacht. Unberücksichtigt blieben dabei die Bargeldbestände, die ohnehin immer der Inflation ausgesetzt sind, sowie die verzinsten Anlagen wie Lebens- und Rentenversicherungen oder in Unternehmens- und Staatsanleihen investierten Summen. Wer Kapital in diesen Anlageformen bindet, erleidet zwar in der Regel noch keine realen Verluste, muss sich aber zumeist mit so mickrigen Renditen zufriedengeben, dass Altersvorsorge und Vermögensaufbau nur noch quälend langsam voranschreiten.

Paradoxerweise legen jedoch gerade die von Kaufkraftverlusten betroffenen Sparformen weiter zu. Rund 2,3 Billionen Euro liegen derzeit auf Tagesgeld-, Festgeld- und Girokonten sowie Sparbüchern, das sind 5,1 Prozent mehr als vor einem Jahr. Und es erstaunt umso mehr, weil das Jahr 2018 laut Comdirect zu den höchsten Realzinsverlusten seit zehn Jahren geführt hat. 2018 erreichte der Realzinsverlust für die Sparer mit 34,6 Milliarden Euro einen neuen Negativrekord.

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