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Online-Portale werben um Sparer Die Sehnsucht nach Zinsen

Die Dauer-Niedrigzinsen bringen deutsche Sparer zum Verzweifeln. Um sie buhlen Online-Portale mit attraktiven Zinsen für Tages- und Festgeld etwa in Italien oder Portugal. Doch das hat Tücken.

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Eine urdeutsche Tugend macht den Bundesbürgern längst keine Freude mehr: Lernten einst Generationen, dass sich stetes Sparen eines Tages auszahlt, werfen Bankeinlagen heute kaum noch Zinsen ab. Nach Abzug der Inflation verlieren Verbraucher oft sogar Geld. Die jahrelangen Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank lassen nicht wenige frustriert und ohnmächtig zurück.

Online-Plattformen, die mit attraktiven Zinsen für Tages- und Festgeld bei ausländischen Banken werben, scheinen da verlockend. Die Zinsportale ziehen zunehmend Sparer an - auch, weil viele Deutsche riskantere Anlagealternativen wie Aktien scheuen.

Die Berliner Firma Raisin etwa, die hierzulande die Plattform Weltsparen betreibt, hat nach eigenen Angaben mehr als zehn Milliarden Euro Einlagen an Partnerbanken in Europa vermittelt. Seit Dezember 2017 habe sich das Volumen von seinerzeit rund vier Milliarden mehr als verdoppelt.

Raisin bietet Tages- und Festgeld von 62 Partnerbanken aus Italien, Portugal, Zypern oder Estland. So gibt es bis zu 0,7 Prozent für Tagesgeld per annum und 1,85 Prozent für Festgeld über fünf Jahre - nicht üppig, aber mehr, als die meisten Anleger bei ihrer Hausbank bekommen. „Wir wollen unnötige Grenzen für profitables Sparen durchbrechen“, sagt Mitgründer Tamaz Georgadze.

Der Vorteil der Portale: Kunden sehen auf einen Blick die besten Zins-Konditionen in Europa und müssen kein extra Konto bei einer ausländischen Bank eröffnen. Auch große Investoren springen auf den Trend auf. Jüngst steckte eine Gruppe von Geldgebern um den US-Zahldienst Paypal 100 Millionen Euro in Raisin. Das Start-up will nun weiter im Ausland expandieren und sein Angebot ausbauen.

„Das Vermitteln von Tages- und Festgeld über nationale Grenzen ist eine deutsche Erfindung“, sagt der Berater Peter Barkow. Zwar seien die Marktanteile der Zinsportale gering angesichts von 2,3 Billionen Euro Tages- und Festgelder sowie Spareinlagen in Deutschland und 6,3 Billionen in Europa. Doch sie wüchsen schnell und der Markt sei groß.

Auch der Konkurrent Deposit Solutions hat sich mit den Portalen Zinspilot und Savedo breit gemacht. 175.000 Kunden hätten über die Plattformen mehr als zwölf Milliarden Euro angelegt, sagt Chef Tim Sievers. Ende 2017 seien es noch vier Milliarden Euro gewesen. Die Firma ist in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und seit neustem auch in der Schweiz aktiv. „Weitere Märkte werden dieses Jahr folgen“, sagt Sievers. Im Schnitt legten Sparer 30.000 bis 40.000 Euro erstmalig an und bauten sich dann ein Portfolio auf.

Deposit Solutions arbeitet ferner mit Banken zusammen. Die Deutsche Bank hat das Angebot der Hamburger in ihre Dienste für Privatkunden integriert. Über den „Zinsmarkt“ können Sparer höher verzinste Tages- oder Festgelder suchen. Banken riskieren zwar, dass Kunden Geld bei anderen Häusern anlegen, behalten aber die wichtige Kundenbeziehung.

Doch wie sicher sind Spareinlagen, wenn etwa eine Bank in Italien in Schieflage gerät? Die Zinsportale verweisen auf die Einlagensicherung in der EU, die 100.000 Euro je Sparer und Bank gesetzlich schützt.

Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, ist skeptisch. Komme eine Bank in Schwierigkeiten und reichten die Mittel der Einlagensicherung nicht aus, müsse sich zeigen, ob es genug politischen Willen gebe, um im Notfall mit Steuergeld einzuspringen. „Es bleibt ein Restrisiko“. Auch gibt es noch keine EU-weite Einlagensicherung, sondern nur nationale Töpfe. Gegen ein einheitliches System wehren sich besonders deutsche Banken, die fürchten, Ausfälle in anderen Ländern finanzieren zu müssen.

Den Ernstfall erlebten Sparer bei Deposit Solutions, als die EZB der estnischen Versobank die Lizenz wegen Geldwäschevorwürfen entzog und die Abwicklung anordnete. Anleger, die über das Portal Savedo Geld bei der Bank investiert hatten, bangten um ihre Ersparnisse, bekamen aber letztlich schnell ihr Geld plus Zinsen zurück. Firmenchef Sievers sieht das als Beleg, dass der Schutz funktioniert.

Auch in der Euro-Schuldenkrise kamen Sparer in die Bredouille. Als Zypern 2013 in finanzielle Not geriet, wurden zeitweise Zwangsabgaben für Kleinsparer diskutiert. Auch wenn am Ende lediglich große Vermögen belastet wurden: Ausschließen lässt sich so etwas nicht.

Nauhauser empfiehlt Sparern, Tages- oder Festgeld lieber bei Banken in Deutschland anzulegen und etwa Neukundenangebote zu nutzen. „Damit halten Anleger das politische Risiko der Einlagensicherung klein.“ Hierzulande könnten im Ernstfall Verluste bei Sparern aufgefangen werden, nicht zuletzt dank der guten Bonität der Bundesrepublik. Zudem gibt es zusätzliche Einlagensicherungen von Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsinstituten in Deutschland.

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