WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Post aus Harvard

Finanzielle Blasen vernichten unser Geld

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Zinsen sind derzeit unhaltbar niedrig, und das bedeutet Blasenbildung bei den Preisen für Staatsanleihen und andere Anlagen. Wenn die Zinsen wieder steigen, werden die Blasen platzen, und alle Besitzer erleiden Verluste.

Wo Deutsche investieren – und wovor sie sich fürchten
Die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone und die Probleme rund um Griechenland haben bei den deutschen Sparern ihre Spuren hinterlassen. Bei der Geldanlage sind die Deutschen heute deutlich vorsichtiger gestimmt, als zu Beginn der Finanzkrise. Das ist das Ergebnis des fünften Schroders Investmentbarometers. Auf den folgenden Seiten zeigen wir, wo die Deutschen ihr Geld heute investieren - und wovor sie sich fürchten. Quelle: Schroders Investment Management GmbH Quelle: REUTERS
EuropaDie Untergangspropheten für den Euro haben ganze Arbeit geleistet. Mittlerweile sehen 40 Prozent der deutschen Anleger Europa als die Region mit dem höchsten Risiko. Damit liegt der europäische Staatenverbund vor allen übrigen Regionen und Ländern. Die gestiegene Risikoaversion macht sich auch bei der Geldanlage der Deutschen bemerkbar. Im Vergleich zum Vorjahr wurden Investitionen in Europa um 15 Prozent zurückgefahren. Als sicher sehen die Deutschen im Moment nur ihr eigenes Heimatland. Gerade einmal 3 Prozent der deutschen Sparer würden ihr Geld nicht in der Bundesrepublik investieren. Quelle: dapd
ImmobilienImmobilien gelten momentan als einer der sichersten Anlagen. In den europäischen Metropolen überteigt die Nachfrage oftmals das Angebot. Dadurch klettern die Preise seit Jahren auf immer neue Rekordwerte. Auch für viele deutsche Anleger sind trotz der Krise Immobilien der Fels in der Brandung. 32 Prozent halten europäische Immobilien für besonders sicher. Quelle: dpa
AktienmärkteDas ständige Auf und Ab an den europäischen Aktienmärkten hielt viele deutsche Anleger in den letzten Jahren von einem Investment ab. Gerade einmal jeder fünfte Kleinanleger investierte sein Erspartes in Aktien. Trotzdem werden europäische Aktien von 21 Prozent der Befragten als sicher eingestuft. Quelle: dapd
DeutschlandDie Vorliebe für Deutschland als Anlageregion ist mit der Sorge um die Euro-Zone gestiegen. Mittlerweile investieren mehr als 80 Prozent der Befragten den größten Teil ihres Geldes in der Bundesrepublik. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von neun Prozent. Dagegen sehen die Deutschen internationale Anlagen als zu risikoreich. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der Befragten gab an, keine Inventionen im Ausland tätigen zu wollen. Das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Quelle: dpa
AsienDie asiatischen Länder mussten sich im letzten Jahr mit einem geringeren Wachstum zufrieden geben. Trotzdem sehen 46 Prozent der deutschen Anleger die Region als Wachstumsmarkt von morgen an. Das heißt aber nicht, dass sie dort auch tatsächlich investieren. Der Anteil der Anleger, die in der Region (ohne China und Japan) investiert sind, schrumpfte von fünf auf ein Prozent. Quelle: dapd
ChinaKnapp 20 Prozent der deutschen Privatanleger halten eine Investition in China für sinnvoll. Die Zahl der in China investierten Anleger halbierte sich dennoch im vergangenen Jahr von vier auf zwei Prozent. Quelle: AP

Langfristige Zinsen sind derzeit unhaltbar niedrig, und das bedeutet Blasenbildung bei den Preisen für Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Wenn die Zinsen wieder steigen – und das werden sie auf jeden Fall! – werden die Blasen platzen, die Wertpapierpreise sinken, und alle Besitzer dieser Papiere erleiden Verluste. Soweit Banken und andere hoch verschuldete Akteure der Finanzwirtschaft zu den Besitzern zählen, kann das Platzen der Blasen zu Insolvenzen und zum Zusammenbruch des Finanzmarktes führen.

Der heute sehr niedrige Zinssatz langfristiger amerikanischer Staatsanleihen ist ein eindeutiges Beispiel für die derzeit falschen Preise für Anlagen auf dem Finanzmarkt. Für einen Treasury Bond über zehn Jahr gibt es derzeit weniger als zwei Prozent Zinsen. Angesichts einer Inflationsrate von zwei Prozent bedeutet das einen negativen Realzins. Die Rechnung wird bestätigt durch den gegenwärtigen Zinssatz von minus 0,6 Prozent für die so genannten TIPS (Treasury Inflated Protected Securities), bei denen sich nominale Zinszahlung und Rückzahlung des Kapitals mit der Geldentwertung verändern.

In der Vergangenheit betrug die – wohlgemerkt: reale – Verzinsung zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen mehr als zwei Prozent. Dem entsprechend liegt die heutige Realverzinsung um die zwei Prozentpunkte unter dem historischen Durchschnitt. Diese Zinssätze galten allerdings in vergangenen Zeiten, als Haushaltsdefizite und die Verschuldung der US-Regierung viel niedriger als heute waren. Wir haben aber Haushaltsdefizite, die auf fünf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) am Ende des kommenden Jahrzehnts geschätzt werden, und ein Verhältnis der Staatsschuld zum BIP, das sich in den vergangenen fünf Jahren ungefähr verdoppelt hat und weiter wächst. Unter diesen Umständen sollte eigentlich die Realverzinsung von Staatsanleihen deutlich höher sein als in der Vergangenheit.

Der Grund für die heutigen unhaltbar niedrigen langfristigen Zinsen ist aber kein Geheimnis. Die Politik der „langfristigen Wertpapierkäufe“ durch die Federal Reserve, auch als „quantitative easing“ bezeichnet, hat die langfristigen Zinsen mit Absicht unten gehalten. Die Fed kauft Monat für Monat Anleihen und langfristige hypothekengesicherte Wertpapiere für 85 Milliarden Dollar. Im Jahr ergibt das eine Billion und 20 Milliarden Dollar. Da dieser Riesenbetrag höher ist als das Haushaltsdefizit, ist der Staat nicht mehr auf private Käufer für neu emittierte Anleihen angewiesen.

Wie die Fed angedeutet hat, wird sie irgendwann ihre Politik des Kaufs langfristiger Wertpapiere aufgeben und damit den Anstieg der Zinsen in einen normaleren Bereich ermöglichen. Offen bleibt dabei, wann und wie stark die Zinsen steigen sollten. Trotzdem projiziert die Haushaltsbehörde des Kongresses in Washington (CBO) bereits einen Anstieg der nominalen Verzinsung zehnjähriger Staatsanleihen auf mehr als fünf Prozent bis 2019 und für die fünf darauf folgenden Jahre.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%