Private Verschuldung Kaufrausch ohne Reue – Deutsche im Kreditwahn

Früher verpönt, heute verbreitet: Ein Leben auf Pump. Deutschland lebt seine neue Konsumfreunde aus, und das oftmals auf Kredit. Kein Problem, sagen die Banken. Riskant, sagen Verbraucherschützer. Wie es um die deutschen Kreditnehmer bestellt ist.

Leere Taschen, aber trotzdem die neuesten Geräte zu Hause. Kaufen auf Raten macht es möglich. Quelle: Marcel Stahn

Den 55-Zoll-3D-Fernseher für 45,79 Euro, das teure Smartphone für 48,90 Euro, den Doppeltür-Kühlschrank mit Eiswürfelmaschine für 84,90 Euro: Für viele klingt das sehr verlockend, auch wenn es sich dabei um die monatlichen Kreditraten handelt, die große Kaufhäuser und Discounter für die schicken Geräte verlangen. Kostet nichts, denkt da der Kunde, denn die Finanzierung gibt es zu 0,0 Prozent Zinsen. Warum dann alles auf einmal zahlen?

Der Konsum auf Pump nimmt in Deutschland immer weiter zu. Einer repräsentativen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vom Oktober 2012 zufolge nutzten von 1656 Befragten 39 Prozent eine Kreditfinanzierung – ein Anstieg um drei Prozentpunkte. Vor allem schnelle Darlehen über den Kreditkartenanbieter sind in der Gunst der Verbraucher gestiegen und nahmen ebenfalls um drei Prozentpunkte zu. Ein Indiz dafür, dass gerade Konsumgüter immer öfter auf Kredit gekauft werden. Die gestiegene Konsumlaune der Deutschen spiegelte sich zuletzt auch in den volkswirtschaftlichen Konjunktur- und Wachstumszahlen wider.

Schufa-Ranking der Bundesländer (Stand: April 2013)

Niedrigst- oder Null-Zinsen

Angesichts der niedrigen Zinsen ist Geld für Auto, Waschmaschine, Urlaub und die neue Einbauküche immer günstiger zu haben – teilweise sogar zum Nulltarif. Ob Möbelhaus, Elektro-Discounter, Baumarkt oder große Versandhändler im Internet: Oft bekommen die Kunden schon für niedrige dreistellige Beträge direkt im Laden ein Finanzierungsangebot mit null Prozent effektiven Jahreszins. Kaum ein Wochenende, ohne dass ein Null-Prozent-Angebot per Werbeprospekt ins Haus flattern würde. "Wir sprechen von Point-of-sale-Finanzierungen", sagt Stephan Moll vom Bankenfachverband, einem Zusammenschluss der spezialisierten Ratenkredit-Anbieter. "Gefühlt haben die zugenommen, weil sie sehr stark beworben und mittlerweile in vielen Branchen angeboten werden. Tatsächlich ist ihr Anteil an den Ratenkreditverträgen insgesamt aber recht konstant."

In der Beliebtheitsskala der Kredite rangiert laut GfK der Dispo-Kredit mit einem Anteil von 16 Prozent an erster Stelle. Aber die Plätze zwei bis vier entfallen auf Ratenkredite: dem Konsumkredit von einer Bank (15 Prozent) folgen der Ratenkredit beim Autohändler (elf Prozent) und der Ratenkredit von Einzel- und Versandhandel (acht Prozent). Inklusive der sonstigen Ratenkreditmodelle liegt der Anteil jener, die einen Ratenkredit zum Abzahlen ihrer Käufe nutzen, somit bei 34 Prozent. Ein Drittel der Bevölkerung nimmt also die Chance wahr, Ausgaben über einen längeren Zeitraum zu verteilen, den Nutzen aber sofort zu realisieren.

Ende März beliefen sich die offenen Forderungen aus Ratenkrediten und damit die Summe all dessen, was Verbraucher noch bis zur Schuldenfreiheit abstottern müssen, auf 146,5 Milliarden Euro. Gegenüber 2012 ist das ein Anstieg von 1,1 Prozent. Laut Moll ist das zwar ein leichter Anstieg, aber "im Rückblick der vergangenen drei Jahre ist das Volumen der Ratenkredite relativ konstant auf hohem Niveau." Bereits in den Jahren 2004 bis 2008 lag das Kreditvolumen bei rund 130 Milliarden Euro.

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