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P&R-Pleite „Die Quote für Anleger kann sehr dünn werden“

Containerterminal Quelle: imago images

Noch diese Woche sollen die Insolvenzverfahren des Containervermittlers P&R beginnen. Im Doppelinterview erklären Anlegerberater Kai-Wilfrid Schröder und Rechtsanwalt Klaus Seimetz, was geprellte Anleger beachten müssen.

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Ende Juli sollen die Insolvenzverfahren für die deutsche Unternehmensgruppe P&R beginnen. Worauf müssen sich Anleger jetzt einstellen?
Seimetz: Zuerst müssen die Anleger ihre Forderungen bei Beginn des Insolvenzverfahrens ordnungsgemäß anmelden. Offenbar will der Insolvenzverwalter diese Ansprüche ohnehin vorformulieren, womit die normalen Container-Zeichner dann nur das Formular ausfüllen und abschicken müssen. Damit wird die Forderung zur Insolvenzmasse angemeldet.

Das hört sich einfach an. Braucht man dann überhaupt noch einen Anwalt?
Seimetz: Wenn der Insolvenzverwalter die Formulare tatsächlich so anbietet, wie in der Presse berichtet wird, dann kommen Anleger eigentlich auch ohne Anwalt aus. Ein Anwalt wird dann vonnöten sein, wenn Anleger sich auf das Eigentum ihrer Container berufen und diese aussondern lassen wollen. Das bedarf dann einer eigenen Anmeldung, die ein Anwalt tätigen muss.

Anleger sind Eigentümer der Container geworden, die sie dann an P&R zurückvermietet haben und die Miete als Rendite eingenommen haben. Wie sinnvoll ist denn eine Aussonderung eines Containers, der irgendwo auf den Weltmeeren herumschippert – so er denn überhaupt existiert?
Seimetz: Für den privaten Eigentümer von ein paar Containern, die nun rund um den Globus verstreut sind, ist dieser Weg sicher nicht sinnvoll. Es wird alleine schon die Frage schwer zu beantworten sein, wie er an die Container herankommen soll.  Ganz abgesehen von der Frage, was man denn mit den Containern anfangen will. Sinnvoll ist das nur, wenn jemand die Kontakte hat und die Container sinnvoll einsetzen kann.

Zu den Personen

Herr Schröder, Sie haben als Anlegerberater schon zahlreiche Insolvenzen aus der Nähe beobachtet. Welche besonderen Probleme stellen sich Anlegern bei P&R in den Weg?
Schröder: Der Anleger muss sich darauf verlassen können, dass Anlagevermögen, Mietverträge und dergleichen tatsächlich vorhanden sind, und er nicht in Luftnummern investiert. Nur dann können im Insolvenzfall insolvenzrechtliche Sicherungen überhaupt greifen. Damit lassen sich die jeweiligen Container schwer – wenn überhaupt – dem jeweiligen Anleger zuordnen. Zumal in diesem Fall möglicherweise etwa eine Million Container nur auf dem Papier existiert haben könnten. Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Tatsache, dass die werttragenden Mietverträge mit den Reedereien von der P&R Gesellschaft in der Schweiz eingegangen wurden.

P&R bestand aus mehreren Gesellschaften in Deutschland, dazu einer noch bestehenden in der Schweiz. Macht diese Konstruktion das Insolvenzverfahren schwieriger?
Seimetz: Für Anleger nicht unbedingt. Sie müssen nur aufpassen, ihre Forderung bei der richtigen Gesellschaft einzureichen. Das ist immer die, mit der der Vertrag geschlossen wurde. Aus Sicht der Insolvenzverwalter wird es durch dieses Firmengeflecht sicherlich schwieriger. Denn es bestehen auch noch interne Forderungen zwischen den Gesellschaften, die etwa noch Klageverfahren unter den einzelnen P&R-Gesellschaften auslösen können.

2016 ging der Containervermittler Magellan pleite, der ein ähnliches Geschäftsmodell wie P&R verfolgte. Kann der damalige Insolvenzfall als Blaupause für die nun startenden Verfahren betrachtet werden?
Seimetz: Da gibt es eindeutig Parallelen, etwa die Zuordenbarkeit der Container zu den Anlegern. Das hatte ja auch Magellan versprochen. Tatsächlich ließ sich diese Zuordenbarkeit bei Magellan nicht belegen. Hinzu kommt, dass die verbliebenen Container ja letztlich in großen Tranchen verkauft werden sollen, um noch Vermögensmasse beizuziehen. Unterschiedlich ist, dass P&R eben aus mehreren Gesellschaften bestand und es daher verschiedene Vertragspartner für die Anleger gibt.

Wo ist noch Geld zu holen?

Gegen wen können Anleger von P&R nun ihre Ansprüche richten? Anders formuliert: Wo ist noch Geld zu holen?
Seimetz: Potentielle Haftungsgegner sind sicher die Berater und Vermittler, die eingeschaltet waren. Wir haben auch Fälle, in denen die Verträge von Banken vermittelt wurden. Gerade bei Banken ist die Chance, noch Geld zu holen, relativ groß. Bei Vermittlern wird es davon abhängen, wie gut deren Geschäfte waren und wie viele Anleger sich nun an ihnen schadlos halten wollen. Mögliche Haftungsgegner sind auch die Wirtschaftsprüfer, weil die offenbar nicht gemerkt haben, dass zwei Drittel der Container offenbar gar nicht vorhanden sind. Haften könnten ehemalige Geschäftsführer der Gesellschaften. Sie mussten eigentlich wissen, dass nicht alle Container vorhanden waren, die verkauft wurden.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger noch etwas von ihrem Geld sehen? Und wieviel ist wahrscheinlich?
Seimetz: Das ist eine Frage, die wohl noch nicht einmal der Insolvenzverwalter beantworten kann. Wenn die Angaben des Insolvenzverwalters zutreffen, dass zwei Drittel der verkauften Container nicht existent sind, reduziert das die Quote schon einmal auf maximal 30 bis 40 Prozent. Hinzu kommt, dass die liquiden Mittel der Gesellschaften gegen null tendieren und dass noch Rechtsstreitigkeiten mit ausländischen Unternehmen anstehen. Auch die Frage ob von den Anlegern die zu unrecht an sie ausgezahlten Mieten aus gar nicht existenten Containern zurückverlangt werden können, ist noch nicht geklärt. Angesichts dieser Probleme kann es sehr dünn werden mit der Quote. Wenn man 15 bis 20 Prozent bekommt, kann man schon fast zufrieden sein. Aber für eine endgültige Einschätzung sind die Informationen vom Insolvenzverwalter noch zu dünn.

Müssen sich Anleger vorwerfen, die Warnzeichen bei P&R übersehen zu haben? Wie auffällig waren sie?
Schröder: Es gab bei P&R Strukturen, die schon frühzeitig hellhörig machten. So saß etwa die zentrale Gesellschaft in dem Unternehmensverbund in der Schweiz. Das erschwerte die Transparenz der Gruppe natürlich erheblich. In der Schweiz dürfen Jahresabschlüsse nur mit „berechtigtem Interesse“ von den Anlegern und mit Genehmigung des Verwaltungsrates - vergleichbar mit einer Geschäftsführung in Deutschland - eingesehen werden. Durch diese Strukturen blieben die Probleme bei P&R lange intransparent. Als die Schweizer Gesellschaft 2017 erstmals in einem Verkaufsprospekt von P&R auftauchte und die Verschachtelung klar wurde, läuteten die Warnglocken allerdings schon sehr stark. P&R veröffentlichte 2017 fünf Verkaufsprospekte und wies in diesen Prospekten vorläufige Zwischenbilanzen für das Geschäftsjahr 2017 aus. Diesen Bilanzen konnte bereits entnommen werden, dass die Investorengelder von P&R offensichtlich nicht für den Kauf von Containern verwendet, sondern an Konzerngesellschaften verliehen wurden. Spätestens hier hätte ein Anleger hellhörig werden können.

Nach der Pleite von Magellan und P&R sind die Containeranbieter Solvium Capital, Buss Capital und Boxdirect weiter im Markt. Welche Erfahrungen aus der die P&R-Pleite können auf die Investments in diesen Unternehmen übertragen werden?
Schröder: All diese Investments in Container - und darauf weisen die Anbieter auch in ihren Prospekten hin - enthalten erhebliche unternehmerische Risiken. Der Kauf eines Containers ist ganz sicher nicht mit einem Sparbuch vergleichbar. Dass gerade der Containermarkt riskant ist, zeigt sich immer wieder. Erst letztes Jahr ist zum Beispiel eine große Reederei Pleite gegangen, die Container von einem dieser Anbieter angemietet hatte. Und dann bekommt der Vermieter eben keine Miete. Zudem werden die Container auf US-Dollar-Basis an die Reedereien vermietet, während der Anleger bei der Vermögensanlage in Euro investiert.  Letztlich tragen die Anleger damit das komplette Währungsrisiko, da einige Anbieter sich vorbehalten, weniger Miete an die Anleger auszuzahlen, wenn deren Bonität nicht ausreicht. Bei einem Anbieter von Container Direktinvestments ist der hohe Verlust im Jahr 2017 allein durch den Verfall der Wechselkurse US-Dollars zu Euro begründet worden. Aus unserer Sicht sind die unternehmerischen Risiken bei dieser Geldanlage im Vergleich zur angebotenen Rendite viel zu hoch.

Was sollten die Anleger aus der P&R Pleite für zukünftige Geldanlagen lernen?
Schröder: Die Anleger sollten aus der P&R Pleite lernen, dass sie sich aktiv – und sogar proaktiv - um ihre Vermögensanlagen kümmern sollten. Wie schon gesagt, handelt es sich bei einem Containerinvestment nicht um ein Sparbuch, das man sich beruhigt unter das Kopfkissen legen kann. Die Anleger sollten sich intensiv mit den Emittenten in regelmäßigen Abständen über die wirtschaftliche Entwicklung austauschen. Sie sollten vollkommen transparente Informationen einfordern, um einzuschätzen zu können, ob ihre Geldanlage noch sicher ist. Die Anbieter von Vermögensanlagen im Grauen Kapitalmarkt versuchen dagegen, sich immer noch so intransparent wie möglich darzustellen und den wahren wirtschaftlichen Erfolg des Geschäftsmodells zu verschleiern. Wenn die Anleger diese Informationen nicht freiwillig von den Emittenten zur Verfügung bestellt bekommen, dann können sie sich professionelle Hilfe suchen, bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Meldung einreichen oder sich bei den Verbraucherzentralen melden.

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