Reinhard Sprenger "Sicherheit ist naturgemäß eine Illusion"

Der Psychologe und Unternehmensberater Reinhard Sprenger zu den tief verwurzelten Krisenerfahrungen der Deutschen und ihren Auswirkungen auf das Anlageverhalten.

Reinhard Sprenger Quelle: Sabine Felber

WirtschaftsWoche: Herr Sprenger, aus welchen Erfahrungen speist sich das Vorgehen der Deutschen in Sachen Geld?

Sprenger: Aus den Erlebnissen der beiden Weltkriege, die bis in die Gegenwart weitergereicht werden. Sie verbauen uns wie ein monolithischer Block den Weg zu einem freien, risikoaffinen Leben.

Mit welchen Folgen?

Der psycho-historische Tiefenstrom unserer Gesellschaft ist das Thema Sicherheit. Nicht nur bei den direkten Nachkriegsgenerationen. Schauen Sie auf die Generation Y, die Jungen also. Die wollen am liebsten einen sicheren Job beim Staat oder bei Unternehmen mit impliziter Staatsgarantie. Bloß nichts riskieren lautet das Motto, stattdessen streben sie nach Stabilität, Berechenbarkeit und Prognosesicherheit. Man will schon ein wenig gewinnen, aber vor allem nichts verlieren. Die anthropologisch gut erklärbare Verlustaversion des Menschen wird durch unsere nationale Identität verstärkt. In der Regel werden deshalb Risiken überbewertet und Chancen unterschätzt...

Die beliebtesten Geldanlagen der Deutschen
Platz 6: Unternehmensanleihen6000 von 100.000 Euro würden die Deutschen noch in Unternehmensanleihen stecken, also 6 Prozent. Für die meisten Bundesbürger kommt ein solches Investment nicht infrage: 67 Prozent würden nicht ihr Geld nicht in Firmenanleihen anlegen. Quelle: imago
Mehr als die Hälfte der Befragten können sich die Anlage in Staatsanleihen nicht vorstellen: 60 Prozent lehnen dies laut Umfrage ab. Quelle: dpa
5. Platz: StaatsanleihenZu hohes Risiko: Nur 9 Prozent von 100.000 Euro würden die Deutschen in Staatsanleihen anlegen. Quelle: dpa
Knapp zwei Drittel der Deutschen lehnt dankend ab: 63 Prozent würden kein Geld in Fonds anlegen. Quelle: dpa
Platz 4: FondsFonds als Anlage erwägen nur wenige Deutsche: 10 Prozent von 100.000 Euro würden die Befragten in Fonds stecken. Quelle: dpa
Vielen Bundesbürgern sind Aktien aber zu risikoreich: 48 Prozent der Deutschen schließen die Wertpapiere als Anlage aus. Quelle: dpa
3. Platz: AktienFür Aktien haben viele Deutsche nichts übrig: 14 Prozent von 100.000 Euro würden die Befragten in Wertpapiere investieren. Quelle: dpa

...und das Geld gebunkert.

Genau. Die historische Last erklärt, dass sich hierzulande kaum jemand als finanziell spielfreudig, möglichkeitsbewusst und wagemutig ins Gedächtnis gräbt. Was im Übrigen auch noch auf länger zurück liegenden historischen Erfahrungen sattelt.

Welchen?

Die neuere deutsche Geschichte beginnt mit Napoleon. Wie Butter schnitt er durch die zersplitterten deutschen Länder. Das hat drei Konsequenzen: Alles Westliche, die Ideen von 1789, kamen militärisch aggressiv zu uns und blieben uns im Grunde immer suspekt. Zum anderen mutierte die deutsche Freiheitsidee zu einer defensiven Befreiungsidee, die vorrangig die nationale Souveränität wiedererlangen wollte. Und drittens wurde der Zusammenhalt, das Wir, das Kollektive zur dominierenden Mentalität. Das führte zu einer nationalen Identität mit ausgeprägt antiwestlichem und antimodernen Affekt.

Die sich wie ausdrückt?

Zum Beispiel ist der Markt bei uns in Wahrheit negativ besetzt. Wir pflegen latent antikapitalistische Reflexe in unserer nationalen Selbstdefinition. Wir wollen keinen Wettbewerb, wir nehmen ihn allenfalls hin. Wir sind elitefeindlich, erniedrigungsfiskalisch, wollen keine großen Unterschiede zwischen arm und reich, wie sie der Kapitalismus nun mal auch hervorbringt. In unserem Herzen sind wir alle Sozialdemokraten.

Das muss nicht schlecht sein.

Nun ja, jede Gestaltungsmöglichkeit, etwa was das Finanzielle angeht, wird in einer Richtlinie erstickt, jedes Risiko in einer Versorgungskasse ertränkt. Der Deutsche ist im gerne versichert, sogar überversichert, gegen Blitz, Hagel, Wasser, Tod und Leben. Vor allem gegen Leben.

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