Robert Shiller "Zu 70 Prozent erleben wir bald einen Crash"

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Shiller hält die Zeit reif für eine Anhebung der Zinsen. Und er sieht die Vorboten einer neuen Krise. Sein Ausblick für die Börsen: düster.

Robert Shiller Quelle: Christopher Beauchamp für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Shiller, Sie haben die Dotcom-Blase und die US-Finanzkrise vorhergesagt. Wieso haben Sie uns dieses Mal nicht vor den Börsenturbulenzen gewarnt?

Robert Shiller: Um den Ruf zu verlieren, ein Crash-Prophet zu sein! Im Ernst: Ich bin kein negativer Mensch, der das Ende der Welt herbeiredet. Ich schaue auf Zahlen und Fakten, und versuche, einen breiten Überblick über Märkte und Nachrichten, die Märkte bewegen, zu gewinnen. Daraus leite ich dann mögliche Folgen ab. Das mache ich nach wie vor – und ich warne seit Jahresbeginn, dass viele Aktien und Indizes überteuert sind.

Zur Person

Also hat Sie das hektische Hin und Her an den Börsen seit Mitte August nicht überrascht?

Einen Crash kann man nie auf den Tag genau bestimmen. Warnzeichen dafür, dass sich Blasen gebildet haben könnten, gab es aber zuhauf. Das gilt vor allem für China und für die USA. Ich persönlich habe mein Portfolio im Frühsommer ein bisschen aufgeräumt: Aktien, die über sechs Jahre gestiegen sind, habe ich verkauft. Aber wenn es Sie beruhigt: Ich bin noch immer mit einem Teil meines Geldes im Markt und habe Verluste erlitten.

Warum haben so viele Investoren den richtigen Absprung verpasst?

Weil sie gierig sind. Die rasanten Kursanstiege über mehrere Jahre haben viele Anleger vergessen lassen, dass es auch Risiken gibt. Hinzu kommt: Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft, konkret vor der Automatisierung und Digitalisierung. Sie fürchten um ihre Jobs, sie fragen sich: Was werde ich in 15 oder 20 Jahren machen? Diese Unsicherheit zieht sich durch fast alle Branchen. Und das drängt die Leute in Markt und treibt die Kurse. Es ist paradox: Die Menschen suchen Sicherheit in nicht-risikolosen Investments.

Müssten Banken und Broker die Menschen mehr vor sich selbst schützen?

Wer an den Börsen investiert, der muss sich schon zum gewissen Grad um sich selbst kümmern. Eine gewisse Kenntnis über Finanzprodukte, Chancen und Risiken darf man schon voraussetzen. Und wer bei seinem Anlageberater nachfragt, bekommt sicher auch mahnende Worte zu hören; zu groß ist die Furcht der Banken, nachträglich belangt zu werden. Was wir aber sicher nicht brauchen, sind Broker und Börsenpropheten, die massenmedial Pseudo-Weisheiten verbreiten und durch die Welt rufen: Anleger dürfen nicht verkaufen! Panik ist kein guter Ratgeber! Bleiben Sie im Markt!

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Abseits der zweifelhaften Parolen und Börsenweisheiten gab und gibt es handfeste Gründe im Markt zu bleiben: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) vieler Unternehmen ist deutlich geringer als etwa vor dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000.

Das stimmt. Aber es ist auf einem überdurchschnittlichen und – wie ich finde – ungesundem Niveau. Schauen Sie auf das Shiller-KGV; ein inflationsbereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis und daher aussagekräftiger als das übliche KGV. Dessen durchschnittlicher Wert der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen zwischen 1881 und 2015 liegt bei 17; im Juli erreichten die S&P-500-Aktien einen Mittelwert von 27. Es stimmt: Vor dem Platzen der Internetblase hatten wir ein Shiller-KGV von 44. Dennoch: Über 27 lag der Wert erst wenige Male. Unter anderem 1929, 2000 und 2007. Anschließend sind die Märkte kollabiert.

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