Rohstoffexperte Weinberg zum Goldpreis "Verkaufswelle bei Gold ist übertrieben“

Der Chef-Rohstoff-Analyst der Commerzbank sieht Gold in Euro langfristig steigen. Auch eine US-Zinswende ändere daran nichts.

Eugen Weinberg, Rohstoffexperte „Gold entwickelt sich immer weniger wie ein Rohstoff und immer mehr wie ein Investment. Ähnlich wie Öl oder der Euro: Beides ist nicht knapp, ihre Preise können aber gegenüber anderen Anlagen durchaus steigen.“ (30.11.2012) Quelle: Handelsblatt.

Herr Weinberg, wer Gold hält, schaut ängstlich auf die US-Notenbank Fed, weil er höhere Zinsen fürchtet. Treibt die Angst den Goldpreis weiter nach unten?
Die Angst vor der Zinswende hat den Preis bereits gedrückt. Wenn die Fed das tut, was alle erwarten, dann hat das keinen Einfluss mehr auf den Goldpreis. Sollte die Fed dagegen die Zinswende verschieben, wäre das eine Nachricht, die den Goldpreis bewegen würde – und zwar nach oben. Im übrigen war der Beginn eines Zinserhöhungszyklus in der Regel auch der Tiefpunkt für den Goldpreis.

Gold wirft keine Zinsen ab, warum nicht in bald höher verzinste Anleihen investieren?
Zunächst werden die Zinsen nur langsam steigen – und zwar vor allem am kurzen Ende. Die für die Kapitalanlage wichtigeren Anleihen mit längeren Laufzeiten werden anfangs kaum höhere Zinsen abwerfen. Die Angst der Anleger vor der Zinswende ist psychologisch und nicht fundamental begründet.

So werden aus altem Schmuck Gold- und Silberbarren
Alter Schmuck wird in der Gold- und Silberscheideanstalt angeliefert. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Ein Arbeiter der Scheideanstalt schmilzt den alten Schmuck ein. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
So sieht der Metallbarren aus, den der Arbeiter aus der Lieferung eines Altgoldhändlers geschmolzen hat Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Was der Arbeiter im Kleinen mit dem Schmuck macht, passiert im Trommelofen im Großen: Dort werden metallische Abfälle aus der Industrie eingeschmolzen – weniger als ein Prozent davon ist Gold. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Die flüssigen Metalle gießt ein Arbeiter in große Formen. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Volkmar Häuser, Leiter der Edelmetall-Rückgewinnung bei Agosi (Allgemeine Gold- und Silberscheideanstalt) zeigt eine Flasche mit Goldsand. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Hier ist Gold in seinen verschiedenen Stufen des Recycling-Prozesses zu sehen: In der kleinen Flasche links sind braune Flocken. Die entstehen, nachdem Agosi die von Lieferanten angelieferten Metalle einschmilzt und die flüssige Masse in Wasser kippt. Die Metalle flocken zu Cornflakes-ähnlichen braunen Teilchen aus. Aus den Flocken wird Goldsand (zweite Flasche von links). Der entsteht in Reaktoren, in denen die Flocken zu Goldsand verarbeitet werden. Eine Mischung aus Salz- und Salpetersäure – auch Königswasser genannt – ist die einzige Flüssigkeit, die Gold auflösen kann. Der Sand sieht aus wie Currypulver, enthält aber bereits Feingold. Erneut eingeschmolzen und wieder in Wasser gekippt entstehen die goldenen Granalien (dritte Falsche von links), aus denen dann endlich Barren werden (vorne). Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Trotz ihres Optimismus erwarten die meisten Analysten einen schwachen Goldpreis.
Erstmals überhaupt setzen die meisten Hedgefonds auf einen fallenden Goldpreis. In der Vergangenheit war deren Stimmung ein guter Kontra-Indikator. Langfristig bin ich daher optimistisch. Angesichts des kurzfristig negativen Trends scheuen viele Anleger in Gold zu investieren. Für einen nachhaltigen Anstieg von Gold wäre aber eine wachsende Nachfrage nach Gold-ETFs nötig.

Halten Sie die Panik vieler Goldinvestoren also für ungerechtfertigt?
Ja. Die aktuelle Verkaufswelle bei Gold ist übertrieben. Aus Sicht der Euro-Anleger ist der Goldpreis von rund 1000 Euro pro Unze sehr attraktiv. Gold verspricht mehr Stabilität als die Papierwährung Euro. Denn dank der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank dürfte der Euro zu einer schwachen Währung mutieren. Das spricht dafür, Gold zu halten, statt es zu verkaufen. Langfristig wird der Goldpreis, in Euro gerechnet, steigen.

Die Gold-Nachfrage und deren Entwicklung

Russische Minen sollen laut Ratingagentur Fitch die Produktionskosten auf 585 bis 675 Dollar je Tonne Gold gedrückt haben. Demnach könnte Gold sehr viel billiger sein.
Die Produktionskosten sind nicht der entscheidende Faktor für den Preis, denn Gold ist kein Industriemetall, das verbraucht wird. Bei einem Bestand von weltweit etwa 160 000 Tonnen fallen einige Tonnen, die in Russland etwas günstiger produziert werden, nicht ins Gewicht. Auch wie viel die Minen weltweit jährlich produzieren, hat kaum Einfluss auf den Preis. So schwankte die jährliche Produktion in den vergangenen zehn Jahren lediglich zwischen 2300 und 2800 Tonnen pro Jahr, obwohl sich der Preis erst vervielfacht und dann fast halbiert hat.

In China und Indien wächst die Wirtschaft langsamer. Gold könnte darunter leiden.
Der steigende Wohlstand ist wichtig für die Goldnachfrage. Wie viel Schmuck nachgefragt wird, hängt jedoch vor allem vom Goldpreis ab. Ist der Goldpreis niedrig, wird viel gekauft, ist er hoch, knickt die Nachfrage ein. Viel wichtiger ist, wie viel Gold die Zentralbanken der großen Schwellenländer kaufen. China, Russland, Indien und die Türkei haben Jahr für Jahr Hunderte Tonnen gekauft. Sie sehen in Gold ein wichtiges Mittel, ihr Vermögen zu diversifizieren.

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Russland soll so Milliarden versenkt haben.
Das ist Unsinn. Seit 2006 hat Moskaus Notenbank 35 Milliarden Dollar in Gold investiert. Derzeit sind die Bestände 40 Milliarden wert. Mit Euro-Investments hätte die Notenbank viel schlechter abgeschnitten.

Chinesen haben dagegen Gold verkauft.
Richtiger wäre zu sagen, sie haben in den letzten Monaten weniger Gold gekauft, denn sie sind neben den Indern die weltweit größten Goldimporteure. Für die schwächeren Goldkäufe gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben sich andere Anlagen, wie zum Beispiel Aktien, bis zum aktuellen Crash gut entwickelt. Zum anderen wurden auch in China Krisen und Inflationsgefahren weniger stark wahrgenommen. Das kann und wird sich aber ändern. Kurzfristig haben wahrscheinlich auch einige chinesische Hedgefonds mit Leerverkäufen von Gold und anderen Rohstoffen auf einen fallende Preise gesetzt. Ob sie sich bei Gold nicht getäuscht haben, wird sich bereits in den nächsten Wochen zeigen.

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