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Schreckgespenst US-Notenbank Fed-Protokoll scheucht die Börsen auf

Ein Ex-Zentralbanker entschuldigt sich für die expansive Geldpolitik der Federal Reserve. Dreht die US-Notenbank tatsächlich am Rad und reduziert die Anleihekäufe bald? Zweifel sind angebracht.

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Ein Händler beobachtet die Kurse an der NYSE. Die Börsen reagierten mit deutlichen Abschlägen nach der Veröffentlichung des neuesten Fed-Protokolls. Quelle: AP

Wieder einmal reagieren die Finanzmärkte wie aufgeschreckte Hühner, wenn der Fuchs um den Stall schleicht. Nach der Veröffentlichung des letzten Sitzungsprotokolls der Notenbank Fed (von Ende Oktober) reagierten die Börsen am Mittwoch sofort mit Abschlägen. Der Dow Jones Industrial verlor 0,41 Prozent auf 15.900,82 Punkte. Der S&P-500-Index büßte 0,36 Prozent ein und schloss bei 1781,37 Punkten. Der Nasdaq-100-Index gab um 0,32 Prozent auf 3367,17 Punkte nach.

In dem Papier der obersten Zentralbanker aus Washington hieß es, eine Drosselung der milliardenschweren Anleihekäufe könnte in den kommenden Monaten möglich sein. Der geldpolitische Ausschuss erwarte eine Verbesserung des Arbeitsmarktes, der eine Verminderung der Anleihekäufe in den kommenden Monaten rechtfertige. Sofort machten Spekulationen an der Wall Street die Runde, schon im Dezember könnte die Fed aufs Bremspedal treten. Die nächste Sitzung des Offenmarktausschusses findet kurz vor Weihnachten am 17. und 18. Dezember statt.

Die US-Konjunktur hängt weiter an der Nadel der Fed

Dass Ben Bernanke noch kurz vor seinem Abgang als Fed-Chef Ende Januar 2014 tatsächlich den kränkelnden Patienten US-Konjunktur für geheilt erklärt oder zumindest wieder für stabil genug hält, um zukünftig mit einer kleineren Dosis Geldspritze auszukommen, ist höchst unwahrscheinlich. Die Notenbank kauft derzeit Anleihen im Wert von 85 Milliarden US-Dollar im Monat. Im Dezember vergangenen Jahres hat die Notenbank ihr drittes Anleihekaufprogramm (QE3) beschlossen.

Zwar habe die Wirtschaft bereits bemerkenswerte Fortschritte gemacht. “Aber wir sind noch längst nicht da, wo wir sein wollen“, sagte Bernanke. Solange die US-Arbeitslosenquote über 6,5 Prozent liege, sei der faktische Nullzins angemessen. Derzeit liegt die Arbeitslosenquote bei 7,3 Prozent. Damit ist klar: es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis die Fed ihrer ultralockeren Geldpolitik ein Ende setzt.

Wirtschaft wächst zu wenig und nicht schnell genug

Janet Yellen - die erste Frau an der Spitze der Fed
Janet Yellen galt als Favoritin für den Posten an der Spitze der US-Notenbank, seitdem der frühere Finanzminister Lawrence Summers Mitte September erklärt hatte, er stehe für das Amt des Fed-Vorsitzenden nicht zur Verfügung. Die 67-jährige Yellen gilt als enge Vertraute Ben Bernankes. Seit 2012 ist sie stellvertretende Vorsitzende der Fed. Quelle: AP
Hinsichtlich der Finanzkrise hat Janet Yellen eine weißere Weste als Summers. „Vielmehr noch hat Yellen frühzeitig die großen Gefahren der Finanzkrise erkannt und mit als erste davor gewarnt“, sagt Fed-Beobachter Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Quelle: AP
Seit den 70er Jahren arbeitete die Ökonomin immer wieder für die Fed in Washington, war später auch Chefin der Notenbank in San Francisco. Zwischendurch beriet sie den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Quelle: REUTERS
Yellen ist eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin - ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Denn die Fed hat anders als etwa die EZB nicht nur den Auftrag, für stabile Preise zu sorgen, sondern auch für Vollbeschäftigung. Und sie koppelt ihre Zinspolitik an die Arbeitslosenquote, die mit über sieben Prozent zwar langsam fällt, aber noch immer auf einem für amerikanische Verhältnisse hohen Niveau liegt... Quelle: REUTERS
Die Fed versucht, die Lage mit massiven Konjunkturhilfen zu verbessern. Die Maßnahmen - etwa milliardenschwere Anleihe-Käufe - haben aber Nebenwirkungen für die Wirtschaft und sind daher umstritten. Die frühere Berkeley-Professorin Yellen betont, im Zweifelsfall eine höhere Inflation für eine niedrigere Arbeitslosenquote in Kauf zu nehmen. Quelle: AP
Yellen ist in der fast 100-jährigen Geschichte der Zentralbank die erste Frau an der Spitze. Sie steht für eine Fortsetzung der ultra-lockeren Geldpolitik Bernankes. Mit ihr dürfte die Fed Experten zufolge noch länger auf Konjunkturhilfen setzen und eine Zinserhöhung auf die lange Bank schieben. Quelle: dpa
Yellen gilt als konsens-orientiert, loyal und uneitel. Stets hat sie in ihrer langjährigen Laufbahn in der Fed alle Beschlüsse der Führung mitgetragen und sich nicht ins Rampenlicht gedrängt. Quelle: REUTERS

Noch während die Veröffentlichung des Fed-Protokolls am Mittwoch die Börsen erschreckte, kamen auch aus den Räumen der New Yorker Fed sehr viel vorsichtigere Töne. William Dudley, Präsident der New Yorker Fed, und immerhin Vize-Präsident des Offenmarktausschusses, sagte, eine schnelleres Wachstum sei notwendig, damit sich der Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern könne. Erst dann sei es möglich, den Fed-Stimulus zu reduzieren.

„Eine schnelle und größerer Verbesserung der Konjunktur haben wir bisher aber nicht gesehen“, so Dudley. Im kommenden Jahr rechnet der 60-jährige Zentralbanker weiterhin nur mit einem moderaten Wachstum zwischen 2,5 und drei Prozent in 2014.

Sorry, Amerika – dumm gelaufen

Die unterschiedlichen Botschaften aus dem Innern der Federal Reserve werden also noch einige Zeit so weitergehen. Kurios ist, dass sich mittlerweile reuevolle Ex-Zentralbanker beim amerikanischen Volk für die expansive Geldpolitik der Institution entschuldigen.

Geldanlage



Andrew Huszar, der von 2009 bis 2010 bei der Zentralbank für das Anleihenkaufprogramm zuständig war, gestand in einer Kolumne des Wall Street Journal, das Fed-Programm (Quantiative Easing), sei der größte Bailout der Banken in der Geschichte der USA. Die Wirtschaft hätte das Programm nicht gestärkt. „I am sorry, America“, entschuldigte sich Huszar. Die Konsequenz sei, dass nun ein Kartell von wenigen Banken den Großteil der Vermögenswerte in den USA kontrollierten.

Diese Ansicht können Bernanke und schon gar nicht seine Nachfolgerin Janet Yellin teilen. Bernanke, so heißt es in Zentralbankkreisen, werde eine Zügelung der lockeren Geldpolitik seiner designierten Nachfolgerin Janet Yellen überlassen. Die hatte schon angekündigt, die Förderung einer besonders „robusten Erholung“ sei der sicherste Weg, um zu einer normaleren Geldpolitik zurückzukehren.

Soll heißen: Erst einmal geht alles weiter, wie bisher.

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