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Schürfen von Kryptowährungen Grüne Energie für den Stromfresser Bitcoin

Bitcoin-Mine: Wo früher Minerale lagerten, wollen heute IT-Konzerne die Kälte und den günstigen Strom in den Stollen von Lefdal nutzen Quelle: Lefdal Mine

Die Digitalwährung frisst unheimlich viel Strom und belastet so die Umwelt sowie die Bilanz der Geldschürfer. Nun sucht die Branche weltweit nach billiger, sauberer Energie. Wie grüne Energie den Bitcoin befeuern soll.

Als Moritz Jäger die Tür öffnet, schlagen ihm Hitze und Lärm entgegen. Alles bestens also. Mit seinen breiten Schultern passt der 32-Jährige gerade so in das schmale Abteil des grau angepinselten 40-Fuß-Containers, der am Rand eines Industrieparks bei Frankfurt steht. Solange die Lüfter hier drinnen mit 85 Dezibel dröhnen, so lange verdient sein Unternehmen Northern Bitcoin gutes Geld.

Moritz Jäger blickt auf eine Armada von 210 Antminer S9, die in der Mitte des Containers platziert sind. Auf einer Seite saugen sie auf 20 Grad heruntergekühlte Luft an, auf der anderen spucken sie 40 Grad heiße Luft aus. Antminer sind Rechenmaschinen, die Bitcoins schürfen. Und Jäger ist als Technologievorstand von Northern Bitcoin dafür verantwortlich, dass sie rund um die Uhr Geld schöpfen. Er gehört zu denen, die ganz buchstäblich dafür bürgen, dass der Wert der Computerwährung abgesichert ist.

Weltweit dürften gegenwärtig mehr als zwei Millionen weitere Rechner wie der Antminer S9 damit beschäftigt sein, den Bitcoin zu stabilisieren. Ohne sie ließe sich das digitale Geld nicht in Umlauf bringen, könnte es nicht zirkulieren. Denn wenn Nutzer Bitcoins handeln, wird die Transaktion verschlüsselt in einem digitalen Register festgehalten: der Blockchain.

Dafür müssen sich die Kunden auf die Arbeit von Profis verlassen: die Miner. Die Geldschürfer bündeln jede Überweisung mit weiteren Zahlungen, verschlüsseln und speichern sie, so sicher wie unveränderbar, in der Blockchain. Das erfordert enorm viel Rechenaufwand. Und für diesen Aufwand werden die Miner mit Bitcoins belohnt.

Der Bitcoin ist die bekannteste aller Kryptowährungen. Als sie 2009 aus der Taufe gehoben wurde, konnte noch jeder Heimcomputer die Rechenarbeit erledigen. Doch je populärer die Währung wurde und je mehr Geräte ans System angeschlossen wurden, um Bitcoins zu schürfen, desto aufwendiger wurde die Rechenarbeit. Mittlerweile können nur noch Spezialrechner wie der Antminer S9 das Geschäft mit der digitalen Währung aufrechterhalten. (siehe auch Seite 76)

Tausende Euro an Stromkosten

Die weltweit vernetzten Rechner fressen wahnsinnig viel Strom. Analysten von Digiconomist schätzen, dass Nutzer, die sich Bitcoins schicken, so viel Strom verbrauchen wie die Schweiz. Das ist eine Belastung für die Umwelt. Und für die Bilanz der Miner. Denn Strom in Deutschland ist teuer.

Die Rechnung für Northern Bitcoin ist einfach: Die Firma zahlt im Industriepark etwa 15 Cent pro Kilowattstunde, und die Antminer sind so hungrig, dass sie im Jahr knapp 1800 Euro Stromkosten verschlingen. Weil er aber etwa 1000 Dollar in der Anschaffung kostet und am Tag nur ein paar Euro in Bitcoins einspielt, muss der Rechner hierzulande schon ein ganzes Jahr pausenlos laufen, damit sich sein Betrieb für Northern Bitcoin überhaupt rechnet.


Grafik: Wo sich das Schürfen von Bitcoins lohnt

Deshalb steht der Container hier auch nur zu Testzwecken. Drei weitere hat das Unternehmen 24 Autostunden nördlich von Frankfurt untergebracht, im Gebirge eines Fjords in Norwegen, in den Stollen einer ehemaligen Mine. Dort entsteht ein gigantisches Rechenzentrum, das Lefdal Mine Data Center. Die Maschinen profitieren von kühlen Temperaturen – und günstigem Strom. Jede Woche will Northern Bitcoin in dem einstigen Stollen einen weiteren Container aufbauen: Outsourcing in Billigstromländer. Kurzum, Moritz Jäger hat eine Lösung gefunden für eine der drängendsten Sorgen der neuen Industrie: billiger Strom und eine kühle Arbeitsumgebung für teure Hochleistungsrechner.

Bislang konnten Bitcoin-Miner in China besonders günstig digitale Münzen prägen, dank eines staatlich subventionierten Kohlestroms. Doch die chinesische Regierung treibt die Energiefresser nun aus dem Land. Und auch andernorts wächst die Kritik, mit der viele Idealisten in der Szene nicht gut umgehen können. Für sie sind Kryptowährungen nicht bloß eine Geldmaschine, sondern ein Instrument, um die Macht auf den weltweiten Finanzmärkten neu zu verteilen: weg von zentralen Institutionen hin zum freien, souveränen Bürger. Um ihr emanzipatives Projekt nicht klimapolitisch zu gefährden, suchen Firmen wie Northern Bitcoin jetzt nach Alternativen: Bitcoin-Unternehmer fallen in Kanada, Island, Norwegen, Russland und die USA ein. Alle Länder produzieren große Mengen Strom aus Wasserkraft (siehe Grafik). Der ist nicht nur grün. Sondern auch günstig.

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