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Schuldenstaaten Griechenland und Portugal sind besser als ihr Ruf

Die südlichen Euro-Länder ächzen unter Schulden, Sparanstrengungen und hoher Arbeitslosigkeit. Wichtige volkswirtschaftliche Kennzahlen zeigen: Reformen wirken. Anleger können davon profitieren.

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Für Anleihekäufer kommt es jetzt auf das richtige Timing an. Quelle: dapd

Portugal hat genug. Das Land hat in der Schuldenkrise 78 Milliarden Euro aus den Rettungstöpfen von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds erhalten. Diese Kredite laufen am 17. Mai aus. Dann will Portugal ohne Rettungsschirm auskommen und sich über die Kapitalmärkte eigenständig mit frischem Geld versorgen. Selbst auf einen vorsorglich vereinbarten Kreditrahmen will das Land verzichten

Wolfgang Schäuble attestierte der Regierung bereits, die vergangenen drei Jahre gut genutzt und umfangreiche Reformen umgesetzt zu haben. Mit dieser Meinung ist der Bundesfinanzminister nicht allein. Die Krisenländer der Euro-Zone sind nach Meinung vieler Experten auf einem guten Weg, sich wieder aus eigener Kraft finanzieren zu können.

Zur Erinnerung: Nach Ausbruch der Finanzkrise hatten sich die Blicke auf die Anleihenmärkte gerichtet. Die staatlichen Rettungsmaßnahmen für Banken ließen die Verschuldung der Länder in die Höhe schnellen, zugleich rutschten sie in eine tiefe Rezession. Und das wirkte sich auch auf die Zinsen aus.

Bis dahin hatte es kaum Zinsunterschiede für jene Euro-Staaten gegeben, die sich durch die Ausgabe von Staatsanleihen Geld am Kapitalmarkt verschaffen wollten. Doch nun unterschied der Markt plötzlich sehr genau.

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    Pleitekandidat Griechenland musste für neue Staatsanleihen Zinssätze von mehr als 20 Prozent akzeptieren, auch für Länder wie Irland, Portugal oder Spanien war die Zeit niedriger Zinsen vorbei. Die Europäische Zentralbank (EZB), Internationaler Währungsfonds (IWF) und die Euro-Partnerländer ließen sich mit Rettungsmilliarden in die Pflicht nehmen.

    So kreditwürdig sind die Eurostaaten
    Das Centrum für europäische Politik (CEP) hat die Kreditfähigkeit der Euro-Staaten analysiert. Einen besonders intensiven Blick haben die Wissenschaftler auf Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien geworfen. Das Resultat: die Probleme, die zur Euro-Krise geführt haben, bestehen weiterhin - und haben sich sogar auf weitere Länder ausgeweitet. Quelle: dpa
    Die Kreditfähigkeit von Spanien nimmt erstmals seit Einführung des Euros zu. Die Ampel für Spaniens Kreditwürdigkeit steht auf grün, das CEP vergibt beim Schuldenindex eine Wertung von 2,3. Ein positiver Wert des CEP-Default-Indexes bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsüberschuss bedeutet: Das Land benötigt in der betrachteten Periode keine Auslandskredite, es steigert daher seine Kreditfähigkeit. Diese positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land noch weitere Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen umsetzen muss, um die in den Krisenjahren drastisch angestiegene Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Quelle: dpa
    Auch für Irland steht die Ampel auf grün. Der ehemalige Krisenstaat hat, wie die kontinuierliche Zunahme der Kreditfähigkeit seit 2010 zeigt, die Krise überwunden. Der Schuldenindex beträgt 6,7, ist also deutlich positiv. Aufgabe muss es nun sein, die Investitionen, die auf fast Null gesunken sind, zu steigern, um die Wirtschaft wieder voran zu treiben. Quelle: dpa
    Für Portugal zeigt die Ampel dagegen rotes Licht: Zwar erodiert die portugiesische Kreditfähigkeit noch immer. Der ununterbrochene Anstieg des Schuldenindexes seit 2011 zeigt jedoch, dass Portugal erhebliche Anstrengungen unternommen und Anpassungen bewältigt hat. Derzeit beträgt der Index -2. Unbeschadet dieser positiven Entwicklungen ist es allerdings fraglich, ob Portugal bereits ohne weitere Finanzhilfen auskommen wird, wenn das Anpassungsprogramm Mitte 2014 ausläuft. Quelle: dpa
    Auch Italien gehört zu den Ländern mit einer "verfestigten abnehmenden Kreditfähigkeit", wie es beim CEP heißt. Die seit 2009 zu beobachtende Erosion der Kreditfähigkeit von Italien dauere an. Gegenüber 2012 habe sich der Verfall beschleunigt. Es sei fraglich, ob sich dies auf absehbare Zeit ändere. Denn die hierfür notwendigen Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen seien von der italienischen Regierung bisher nicht ergriffen worden. Quelle: dpa
    Ganz mies ist die Lage in Griechenland: Mit einem Wert von -9,8 hat Griechenland die schlechteste Kreditwürdigkeit aller 31 untersuchten Staaten. Die Kreditfähigkeit des Landes verfällt weiter und zwar deutlich schneller als die aller anderen Euro-Länder. Die Wiedererlangung der griechischen Kreditfähigkeit ist nicht absehbar, die Ampel steht auf dunkelrot. Quelle: dpa
    Eine negative Überraschung kam in diesem Jahr aus dem Norden Europas: Belgien und Finnland weisen im ersten Halbjahr 2013 erstmals eine abnehmende Kreditfähigkeit auf. Da beide Länder noch über Auslandsvermögen verfügen, ist die Schuldentragfähigkeit allerdings noch nicht unmittelbar bedroht, die Ampel zeigt gelb-rot. Der CEP-Default-Index liegt im Falle Belgiens bei -0,5, bei Finnland beträgt er -0,1. Ein negativer Wert kann auf zwei Arten entstehen: 1. Die Nettokapitalimporte übersteigen die kapazitätssteigernden Investitionen. Das Land konsumiert über das im Inland erwirtschafteten Einkommen auch einen Teil des Nettokapitalimports. Die Volkswirtschaft verschuldet sich folglich im Ausland, um Konsumausgaben finanzieren zu können. 2. Kapital verlässt das Land, so dass der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo positiv ist. Gleichzeitig jedoch schrumpft der Kapitalstock. Das Land verarmt. Quelle: dpa

    Weniger Risikoprämien

    Dennoch haben sich die Zinsen für Staatsanleihen der Euro-Länder insgesamt deutlich aufeinander zubewegt, die Zinsunterschiede werden zusehends kleiner – obwohl die Kritik an den hohen Schulden und unzureichenden Sparanstrengungen nicht abreißt. In den ersten Monaten des Jahres gab es bei Staatsanleihen der schuldengeplagten Euro-Staaten einen Kaufrausch. Renditehungrige Investoren setzten auf deren vergleichsweise hohe Zinsen.

    Viele Beobachter glauben: Vor allem das bedingungslose Rettungsversprechen von EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 sorgte für deutliche Entspannung. Am Markt für Staatsanleihen setzte sich die positive Entwicklungstendenz seit Jahresbeginn deutlich fort. Die Risikoaufschläge für Anleihen der Krisenländer sanken bereits spürbar. Vom einstigen Ramschniveau haben sich Staatsanleihen der Peripherieländer inzwischen ebenfalls deutlich entfernt.

    Vor allem portugiesische Staatsanleihen waren im Frühjahr gefragt. Seit Jahresanfang stiegen die Anleihekurse im Schnitt um 14 Prozent, entsprechend sanken die Anleiherenditen. Bei Anleihen Portugals mit zehn Jahren Laufzeit betrug das Kursplus sogar 20 Prozent. Damit sind die Papiere aus Lissabon bislang die Gewinner des Jahres. Aber auch die Kurse der Staatsanleihen aus Spanien, Italien und Irland legten im Schnitt zwischen fünf und sieben Prozent zu.

    Übertriebenes Misstrauen

    Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
    Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
    Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung "To Vima", es sei natürlich, dass Griechenland nunmehr die Märkte testen wolle. Es sollte den Investoren aber keine zu hohe Rendite zahlen, um seine Schuldenlast nicht weiter zu erhöhen. Die griechische Regierung müsse sich überlegen, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen, sagte Regling dem Blatt. Quelle: AP
    Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. "Wir wollen mehr denn je die Richtung Europas ändern", sagte Renzi. Italien stärke aber seine Position, wenn es seine Finanzen momentan im Zaum halte. Die Äußerungen legen nahe, dass Frankreich in den Bemühungen, mehr Zeit für die Erreichung seiner Haushaltsziele zu erhalten, mit Italiens Unterstützung rechnen kann. Renzi legte Vorschläge für die Finanzierung eines 6,7 Milliarden Euro schweren Steuersenkungsprogramms vor. Ein Großteil solle durch Ausgabenkürzungen im Umfang von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet werden, sagte er vor Journalisten. 2,2 Milliarden Euro würden durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und Bankensteuern gedeckt. Quelle: REUTERS
    Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen", fordert er. Quelle: dpa
    "Keine Nation hat zwischen 2009 und 2013 weniger auf Austerität gesetzt als Deutschland", behauptet Paul Krugman und verweist auf eine Grafik. Das Problem an der Behauptung: Deutschland hat schon Anfang des Jahrtausends mit der Agenda 2010 schmerzhafte Reformen umgesetzt. Dadurch hatte Berlin einen zeitlichen Vorteil und brauchte sich in den Krisenjahren nicht verbiegen. Quelle: REUTERS
    Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der "F.A.Z." hinter das Anleihe-Kaufprogramm und die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Die Debatte um die EZB-Politik werde in Deutschland „zugespitzt und mit scharfem Ton geführt“, bemängelten die drei Wissenschaftler. Dies sei schädlich, "denn einerseits scheint es so, dass die Kritik vielfach von dem Erfahrungsgrund der Bundesbank ausgeht und die Bedingungen der Geldpolitik in einer Währungsunion verkennt, und andererseits ist die europäische Krise noch nicht überwunden.“ Die Klagen der Deutschen über zu niedrige Zinsen watschten sie ab: "Es kann nicht die Aufgabe der EZB sein, die Geldpolitik auf ein einziges Land auszurichten, sondern Geldpolitik muss für die Eurozone als Ganzes umgesetzt werden." Quelle: dapd
    "Der EZB-Rat sollte sich zu umfangreicheren Wertpapierkäufen durchringen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger tags zuvor in einem Interview. Der Ökonom, der die Bundesregierung berät, ist sich sicher: "Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt." Für Bofinger haben die Hüter des Euro um EZB-Präsident Mario Draghi noch Nachholbedarf: "Im Vergleich hat die EZB bislang sehr konservativ agiert." Nicht kleckern, sondern klotzen ist deshalb wegen der mit 0,7 Prozent für den Geschmack vieler Ökonomen zu niedrigen Teuerung auch für Bofinger die Devise: "Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen - meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage." Quelle: dapd

    Für spanische Anleihen verlangte der Markt zum Höhepunkt der Krise noch bis zu sieben Prozentpunkte Risikoaufschlag. Zu Beginn dieses Jahres mussten Anleger für spanische Anleihen dann nur noch einen Aufschlag von 1,8 Prozentpunkte bei fünf Jahren Laufzeit gegenüber Bundesanleihen zahlen. Jetzt, nur wenige Monate später, ist es nur noch ein Prozentpunkt Unterschied. Aus Sicht der Marktteilnehmer haben sich die Risiken in der Euro-Zone also deutlich abgebaut. Durch die Rettungsversprechen der EZB fühlen sich die Investoren sicher.

    Erfolgreiche Reformen

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      Dennoch missachten viele Beobachter die Erfolge der Reformen und Konsolidierungsprogramme - auch wenn sie besonders bei den Euro-Sorgenkindern Griechenland, Portugal, Spanien und Irland Erfolge zeigen. Daniel Hartmann, Senior Analyst beim Anleihemanager Bantleon, hält das anhaltende Misstrauen gegenüber den Peripherie-Staaten für übertrieben. „Die Verbesserung der fundamentalen Faktoren, die auch die geringeren Risikoaufschläge rechtfertigen, wird noch zu wenig berücksichtigt.“ Er sieht in den Staatshaushalten dieser Länder „deutliche Fortschritte“. Das beste Beispiel? Griechenland.

      Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

      2009 hatte das Land noch ein Haushaltsdefizit von fast 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Inzwischen ist es auf nur noch zwei Prozent gesunken, von 36 Milliarden Euro auf nur noch knapp vier Milliarden. „Auch Spanien, Portugal und Irland haben ihr Haushaltsdefizit halbiert“, sagt Hartmann. „Trotz der Rezession.“ Er erwartet in diesem Jahr weitere Verbesserungen. Mehr noch: Die USA oder Japan stünden mit Blick auf ihre Haushaltsdefizite schlechter da als die Sorgenkinder der Euro-Zone.

      Ein weiterer Lichtblick sind die Leistungsbilanzdefizite - also die Differenz zwischen Warenimporte und -exporte. Hier haben die Peripheriestaaten ebenfalls viel erreicht, Hartmann nennt die Entwicklung „eindrucksvoll“.

      In fast allen Peripherieländern sei aus einem Leistungsbilanzdefizit ein leichter Überschuss geworden. In Griechenland sank das Defizit von minus 14,4 auf minus 2,3 Prozent. Die Exporte von Portugal und Spanien stiegen zwischen 2009 und 2013 sogar schneller als in Deutschland.

      Weniger Wettbewerbsnachteile

      Europas Baustellen
      Arbeitslose stehen vor einem Jobcenter in Madrid Schlange Quelle: dpa
      Seit dem 01.01.2014 sind die letzten Jobschranken für Rumänen und Bulgaren gefallen. Quelle: dpa
      Die Flagge der Europäischen Union weht im Wind. Quelle: dpa
      Verhandlungsführer des Transatlantischen Freihandels- und Investitionsabkommens (TTIP) Ignacio Bercero und Dan Mullane. Quelle: REUTERS
      Die große Euro-Skulptur steht in Frankfurt am Main vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Quelle: dpa
      Hetze gegen die EUIm Europa-Parlament machen Antieuropäer wie Marie Le Pen, Chefin der rechtsextremen Front National in Frankreich und Rechtspopulist Geert Wilders von der niederländischen Freiheitspartei PVV Stimmung gegen das sogenannte "Monster Brüssel". Als Bündnispartner ziehen sie gemeinsam in die Europawahl, um ihre Rolle zu stärken. Was derzeit noch eine Randerscheinung ist, könnte mit ihrer europafeindlichen Rhetorik bis Mai 2014 aber schon viele Wähler aus der bürgerlichen Mitte auf ihre Seite gebracht haben, so das Ergebnis einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Centre for European Studies. Die Wirtschafts- und Euro-Krise mache es ihnen leicht, den Hass auf die EU zu schüren. Quelle: AP
      Mitglieder des Europäischen Parlaments während einer Sitzung in Straßburg (Frankreich).i Quelle: dpa

      Ebenfalls positiv: Die Lohnstückkosten der Schuldenländer waren im ersten Jahrzehnt der Währungsunion stark gestiegen, weil sie über ihre Verhältnissen lebten. Damit büßten sie an Wettbewerbsfähigkeit ein. „Seit 2010 gibt es hier eine Trendwende“, sagt Hartmann. Das Ungleichgewicht in der Euro-Zone sei inzwischen deutlich reduziert. „Das haben viele Kritiker den Ländern unterm Rettungsschirm nicht zugetraut.“

      Keine Frage: Kritiker betonen immer wieder, Länder wie Griechenland könnten ihren Schuldenberg niemals abtragen. Doch das schreckt Daniel Hartmann nicht. Er geht davon aus, dass ab 2015 oder 2016 die Gesamtverschuldung im Verhältnis zum BIP in der Euro-Zone nicht mehr steigt.

      Dazu müsste die Konjunktur nicht mal besonders gut laufen. Ein reales Wachstum von ein bis eineinhalb Prozent müsste schon reichen, um mit dem Schuldenabbau zu beginnen.

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        Hartmann ist für die Euro-Länder moderat optimistisch. Er rechnet für das zweite Halbjahr 2014 insgesamt mit einer Verlangsamung der globalen Konjunktur, der sich auch die Euro-Staaten nicht entziehen können. „Ab 2015 oder 2016 können sich die Peripherieländer weiter aus dem Sumpf befreien. Dann sollte die Arbeitslosigkeit allmählich zurückgehen, und auch bei der Gesamtverschuldung sollte der Höhepunkt erreicht sein.“

        Hilfreiches Kaufprogramm

        Auf dem Anleihenmarkt dürften die Zinsunterschiede zwischen Peripherie- und Kernländern der Euro-Zone weiter zurückgehen. Dann könnte es zu einer längeren Seitwärtsbewegung auf niedrigem Niveau kommen.

        Falls die Europäischen Zentralbank Anleihen kauft, rechnet Hartmann mit einer weiteren Angleichung der Refinanzierungsbedingungen für die Staaten im Euro-Raum. Und davon können auch Anleger profitieren.

        Das Timing entscheidet

        Wer wettbewerbsfähig ist und wer nicht
        Platz 57: BulgarienBulgarien wird zurecht als das Armenhaus Europas bezeichnet. Unter 60 Ländern, die die Schweizer Wirtschaftshochschule IMD (International Institute for Management Development) nach ihren wirtschaftlichen Stärken und Schwächen miteinander verglichen hat, landet Bulgarien auf Platz 57 (Platz 54 im Jahr 2012). Damit ist Bulgarien das wirtschaftlich schwächste Land der Europäischen Union. Noch schlechter stehen nur noch Kroatien (Platz 58), das am 1. Juli der EU beitreten wird, Argentinien (Platz 59) und Venezuela (Platz 60) da. Wirklich gut schneidet Bulgarien nur beim Preisniveau ab, da belegt es im internationalen Vergleich Platz vier. In Disziplinen wie Beschäftigungsrate, Arbeitsmarkt, Bildung, Infrastruktur, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Gesundheit und Investments schafft es das osteuropäische Land nicht einmal unter die Top 30. Quelle: dpa
        Platz 55: RumänienIm gleichen Atemzug mit Bulgarien wird stets Rumänien genannt. Das Land liegt im internationalen Vergleich auf Rang 55, im Vorjahr schaffte es Rumänien noch auf Platz 53 von 60 im World Competitiveness-Ranking. Von 21,35 Millionen Einwohnern haben 10,15 Millionen einen Job, die Arbeitslosenquote beträgt 6,8 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Rumäniens liegt bei 169,4 Milliarden Euro - im internationalen Vergleich macht das Platz 48 von 60. Beim BIP pro Kopf schafft es das Land mit 16.062 Euro auf Rang 46. Wirklich glänzen kann auch Rumänien nur beim Preisniveau, da landet es auf Platz neun von 60. Die zweitbeste Wertung bekommt das osteuropäische Land für seine Beschäftigungsquote: Hier liegt es im internationalen Vergleich auf Rang 33. Fragt man Unternehmen, was sie am meisten am Wirtschaftsstandort Rumänien schätzen, nennen 78,7 Prozent die offene und freundliche Art der Menschen. Eine kompetente Regierung lobten dagegen nur 11,5 Prozent und ein wirksames Rechtssystem attestierte dem Land niemand. Dafür lobten immerhin 52,5 Prozent der Befragten die Dynamik der Wirtschaft. Quelle: dpa
        Platz 54: GriechenlandAuch Griechenland gehört weiterhin zu den Sorgenkindern Europas, konnte sich aber binnen eines Jahres von Rang 58 auf 54 verbessern. Griechenland muss auch 2013 weiterhin daran arbeiten, seinen aufgeblasenen Verwaltungsapparat zu verkleinern und den Finanzsektor wieder auf die Beine zu bringen. Auch in puncto Korruptionsbekämpfung und Steuersystem hat das Land noch einiges an Arbeit vor sich. Dementsprechend rangiert Griechenland, gerade was die Gesamtsituation der heimischen Wirtschaft angeht, auf Platz 60 von 60 Staaten. Auch beim BIP-Wachstum und der Kreditwürdigkeit gibt es nur Platz 60. Allerdings hat sich in Griechenland seit dem letzten Ranking auch einiges verbessert: So konnte das Land sein Image, die Anpassungsfähigkeit der Regierungspolitik und die Staatfinanzen verbessern sowie die Bürokratie verringern. Unternehmen schätzen an Griechenland besonders die gut ausgebildeten Arbeitskräfte sowie das allgemein hohe Bildungsniveau. Quelle: dpa
        Platz 46: PortugalBinnen eines Jahres ging es für Portugal im IMD-Ranking von Platz 41 runter auf 46. Jetzt soll die rezessionsgeplagte Konjunktur mit Steueranreizen aufgepeppelt werden. Bei Firmeninvestitionen von bis zu fünf Millionen Euro seien Steuererleichterungen von 20 Prozent möglich, sagte Finanzminister Vitor Gaspar. Die Investitionen in Portugal sind zwar binnen eines Jahres von 10,20 Milliarden Dollar auf 13,79 Milliarden gestiegen, das Bruttoinlandsprodukt schrumpft dennoch weiter. 2012 betrug der Rückgang noch 1,6 Prozent, 2013 waren es schon -3,2 Prozent. Dafür steht Portugal sowohl bei der technischen als auch der wissenschaftlichen Infrastruktur recht gut da. 71,9 Prozent der ausländischen Unternehmer nennen die portugiesische Infrastruktur den attraktivsten Grund, in das Land zu investieren. Weltspitze ist Portugal bei dem Verhältnis Schüler pro Lehrer und den Einwanderungsgesetzen. Auch bei den Ingenieuren belegt Portugal im Ranking Platz vier. Nur Arbeit gibt es für die Fachkräfte kaum, am wenigsten für junge Menschen (Platz 59 bei Jugendarbeitslosigkeit). Auch die Forschung und Förderung von Wissenschaft und Technik, Fortbildungen, Erwachsenenbildung, Börsengänge und der Export gehören zu Portugals Schwächen. Quelle: dpa
        Platz 45: SpanienSpanien ist binnen eines Jahres von Platz 39 auf 45 abgestiegen. Im Jahr 2007 stand das Land noch auf Platz 26 der stärksten Volkswirtschaften. Ein deutsche Hilfsprogramm im Volumen von bis zu einer Milliarde Euro soll die angeschlagene spanische Wirtschaft wieder auf die Beine bringen. Derzeit kämpft Spanien besonders mit seiner hohen Arbeitslosenquote (Platz 60 von 60), den Staatsfinanzen (Platz 59) und seinen Verwaltungsverfahren (Platz 56). Auch bei der Langzeitarbeitslosigkeit, Kapitalkosten, Sprachkenntnissen, dem Bankensektor und der Förderung von jungen Unternehmen steht Spanien mehr als schlecht da. Allerdings ist auch auf der iberischen Halbinsel nicht alles schlecht. So ist beispielsweise der Warenexport Spaniens binnen eines Jahres um 1,7 Prozentpunkte gestiegen. Insgesamt schafft es Spanien in neun Wirtschaftsdisziplinen unter die weltweiten Top Ten: Bei den Zinssätzen belegt Spanien unter 60 Ländern Platz drei, bei der Wechselkursstabilität und den Unternehmenszusammenschlüssen und -übernahmen jeweils Platz sechs, beim Export von Dienstleistungen Platz acht. Sowohl bei den Direktinvestments in die Aktien heimischer Unternehmen als auch der durchschnittlichen Lebenserwartung und grünen Technologien schafft es Spanien auf Platz neun und bei der Bilanzsumme des Bankensektors sowie der Arbeitsproduktivität Platz zehn. Quelle: dapd
        Platz 28: FrankreichFrankreich dagegen, das ebenfalls wirtschaftlich zu kämpfen hat, konnte sich um einen Platz verbessern. Von Rang 29 ging es hoch auf 28. Trotzdem muss Frankreich seinen Arbeitsmarkt reformieren, wenn es die Erwerbsquote steigern möchte. Weitere Probleme der Grande Nation sind der stetig zunehmende Brain Drain, also das Abwandern von Fachkräften, das stagnierende Wirtschaftswachstum, die geringe Zahl der Beschäftigten, Arbeitsbedingungen und Wochenarbeitsstunden sowie die Haltung gegenüber der Globalisierung. Zu Frankreichs wirtschaftlichen Stärken gehören dagegen die Vertriebsinfrastruktur (Platz eins von 60), die Energieinfrastruktur und die Gesundheitsausgaben (jeweils Platz zwei) sowie die Direktinvestments in Aktien heimischer Unternehmen, der Export von Dienstleistungen, Investments in ausländische Aktien, die Gesundheitsinfrastruktur und die Zahl der Breitbandnutzer (jeweils Platz vier von 60). Insgesamt schaffte es Frankreich in 40 Kategorien 20 mal unter die Top Ten der Welt. Quelle: dpa
        Platz 17: IrlandIrland, dass sonst gerne in einem Atemzug mit Italien und Spanien genannt wird, überholt sogar Frankreich, was die wirtschaftliche stärke angeht. Binnen eines Jahres konnte sich die grüne Insel im IMD World Competitiveness-Ranking um drei Plätze verbessern. Das liegt besonders an den gestiegenen Investments, dem herrschenden Zinssatz, dem Wirtschaftswachstum und der Wechselkursstabilität. Auch bei grünen Technologien hat sich Irland laut der Studie seit 2012 verbessert. Zu den besonderen Stärken des rund 4,6 Millionen Einwohner starken Landes gehören Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Unternehmen sowie deren Haltung gegenüber der Globalisierung, die Telefontarife, Belohnungen und Anreize für Investoren, dementsprechend auch die Anzahl an ausländischen Investoren und die Vergabe öffentlicher Aufträge (jeweils Platz eins von 60.) Schlecht steht es allerdings auch in Irland um die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit, sowie das BIP pro Kopf bestellt. Quelle: dpa

        Für Anleger liegt es nahe, jetzt noch die letzten Staatsanleihen von Portugal, Spanien und Irland zu kaufen - zumindest solange es noch spürbare Zinsunterschiede gibt. Nur bei Griechenland rät Hartmann zur Vorsicht, weil noch nicht alle Fragen zum Schuldenschnitt beantwortet seien. Generell sei jetzt aber der allerletzte Zeitpunkt, um solch ein Investment einzugehen. Denn sollten 2015 die Zinsen wieder ansteigen, wird der gesamte Rentenmarkt unter Kursverlusten leiden.

        „Für Anleger ist das Timing entscheidend. Wer jetzt eine spanische Fünf-Jahres-Anleihe erwirbt und diese bis zur Endfälligkeit hält, begnügt sich mit einer Rendite von 1,65 Prozent. Im kommenden Jahr könnte er jedoch unter Umständen für ein identisches Papier schon zwei oder mehr Prozent bekommen“, meint Hartmann.

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          Langfristiger Schuldenberg

          Die gesunkenen Zinsaufschläge erhöhen für die Euro-Peripherie die Chance, ihre Schulden auch zurückzahlen zu können – zumal die EZB immer wieder betont, die Zinsen für längere Zeit auf historisch niedrigem Niveau zu belassen.

          Auf der anderen Seite wird es aber noch lange dauern, bis die Länder ihre Gesamtverschuldung gesenkt haben. Griechenland etwa hat nach der erfolgreichen Platzierung einer Staatsanleihe bereits eine Laufzeitverlängerung seiner Kredite von auf 50 Jahre sowie eine Festschreibung des Zinssatzes erbeten. Und hier geht es um Kredite in Höhe von 186,5 Milliarden Euro.

          Geldanlage



          Zieht die Konjunktur an, könnte sich die Regierung in Athen durch Laufzeitverlängerung und Festzins neue Spielräume für Reform- und Konjunkturprogramme verschaffen. Denn dadurch würde verhindert, dass steigende Zinsen die geretteten Staaten in ein paar Jahren erneut an den Rand der Zahlungsunfähigkeit treiben.

          Für Euphorie bleibt angesichts solcher Risiken wenig Platz - für vorsichtigen Optimismus aber schon.

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