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Schuldenstaaten Griechenland und Portugal sind besser als ihr Ruf

Die südlichen Euro-Länder ächzen unter Schulden, Sparanstrengungen und hoher Arbeitslosigkeit. Wichtige volkswirtschaftliche Kennzahlen zeigen: Reformen wirken. Anleger können davon profitieren.

Für Anleihekäufer kommt es jetzt auf das richtige Timing an. Quelle: dapd

Portugal hat genug. Das Land hat in der Schuldenkrise 78 Milliarden Euro aus den Rettungstöpfen von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds erhalten. Diese Kredite laufen am 17. Mai aus. Dann will Portugal ohne Rettungsschirm auskommen und sich über die Kapitalmärkte eigenständig mit frischem Geld versorgen. Selbst auf einen vorsorglich vereinbarten Kreditrahmen will das Land verzichten

Wolfgang Schäuble attestierte der Regierung bereits, die vergangenen drei Jahre gut genutzt und umfangreiche Reformen umgesetzt zu haben. Mit dieser Meinung ist der Bundesfinanzminister nicht allein. Die Krisenländer der Euro-Zone sind nach Meinung vieler Experten auf einem guten Weg, sich wieder aus eigener Kraft finanzieren zu können.

Zur Erinnerung: Nach Ausbruch der Finanzkrise hatten sich die Blicke auf die Anleihenmärkte gerichtet. Die staatlichen Rettungsmaßnahmen für Banken ließen die Verschuldung der Länder in die Höhe schnellen, zugleich rutschten sie in eine tiefe Rezession. Und das wirkte sich auch auf die Zinsen aus.

Bis dahin hatte es kaum Zinsunterschiede für jene Euro-Staaten gegeben, die sich durch die Ausgabe von Staatsanleihen Geld am Kapitalmarkt verschaffen wollten. Doch nun unterschied der Markt plötzlich sehr genau.

Pleitekandidat Griechenland musste für neue Staatsanleihen Zinssätze von mehr als 20 Prozent akzeptieren, auch für Länder wie Irland, Portugal oder Spanien war die Zeit niedriger Zinsen vorbei. Die Europäische Zentralbank (EZB), Internationaler Währungsfonds (IWF) und die Euro-Partnerländer ließen sich mit Rettungsmilliarden in die Pflicht nehmen.

So kreditwürdig sind die Eurostaaten
Das Centrum für europäische Politik (CEP) hat die Kreditfähigkeit der Euro-Staaten analysiert. Einen besonders intensiven Blick haben die Wissenschaftler auf Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien geworfen. Das Resultat: die Probleme, die zur Euro-Krise geführt haben, bestehen weiterhin - und haben sich sogar auf weitere Länder ausgeweitet. Quelle: dpa
Die Kreditfähigkeit von Spanien nimmt erstmals seit Einführung des Euros zu. Die Ampel für Spaniens Kreditwürdigkeit steht auf grün, das CEP vergibt beim Schuldenindex eine Wertung von 2,3. Ein positiver Wert des CEP-Default-Indexes bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsüberschuss bedeutet: Das Land benötigt in der betrachteten Periode keine Auslandskredite, es steigert daher seine Kreditfähigkeit. Diese positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land noch weitere Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen umsetzen muss, um die in den Krisenjahren drastisch angestiegene Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Quelle: dpa
Auch für Irland steht die Ampel auf grün. Der ehemalige Krisenstaat hat, wie die kontinuierliche Zunahme der Kreditfähigkeit seit 2010 zeigt, die Krise überwunden. Der Schuldenindex beträgt 6,7, ist also deutlich positiv. Aufgabe muss es nun sein, die Investitionen, die auf fast Null gesunken sind, zu steigern, um die Wirtschaft wieder voran zu treiben. Quelle: dpa
Für Portugal zeigt die Ampel dagegen rotes Licht: Zwar erodiert die portugiesische Kreditfähigkeit noch immer. Der ununterbrochene Anstieg des Schuldenindexes seit 2011 zeigt jedoch, dass Portugal erhebliche Anstrengungen unternommen und Anpassungen bewältigt hat. Derzeit beträgt der Index -2. Unbeschadet dieser positiven Entwicklungen ist es allerdings fraglich, ob Portugal bereits ohne weitere Finanzhilfen auskommen wird, wenn das Anpassungsprogramm Mitte 2014 ausläuft. Quelle: dpa
Auch Italien gehört zu den Ländern mit einer "verfestigten abnehmenden Kreditfähigkeit", wie es beim CEP heißt. Die seit 2009 zu beobachtende Erosion der Kreditfähigkeit von Italien dauere an. Gegenüber 2012 habe sich der Verfall beschleunigt. Es sei fraglich, ob sich dies auf absehbare Zeit ändere. Denn die hierfür notwendigen Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen seien von der italienischen Regierung bisher nicht ergriffen worden. Quelle: dpa
Ganz mies ist die Lage in Griechenland: Mit einem Wert von -9,8 hat Griechenland die schlechteste Kreditwürdigkeit aller 31 untersuchten Staaten. Die Kreditfähigkeit des Landes verfällt weiter und zwar deutlich schneller als die aller anderen Euro-Länder. Die Wiedererlangung der griechischen Kreditfähigkeit ist nicht absehbar, die Ampel steht auf dunkelrot. Quelle: dpa
Eine negative Überraschung kam in diesem Jahr aus dem Norden Europas: Belgien und Finnland weisen im ersten Halbjahr 2013 erstmals eine abnehmende Kreditfähigkeit auf. Da beide Länder noch über Auslandsvermögen verfügen, ist die Schuldentragfähigkeit allerdings noch nicht unmittelbar bedroht, die Ampel zeigt gelb-rot. Der CEP-Default-Index liegt im Falle Belgiens bei -0,5, bei Finnland beträgt er -0,1. Ein negativer Wert kann auf zwei Arten entstehen: 1. Die Nettokapitalimporte übersteigen die kapazitätssteigernden Investitionen. Das Land konsumiert über das im Inland erwirtschafteten Einkommen auch einen Teil des Nettokapitalimports. Die Volkswirtschaft verschuldet sich folglich im Ausland, um Konsumausgaben finanzieren zu können. 2. Kapital verlässt das Land, so dass der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo positiv ist. Gleichzeitig jedoch schrumpft der Kapitalstock. Das Land verarmt. Quelle: dpa

Weniger Risikoprämien

Dennoch haben sich die Zinsen für Staatsanleihen der Euro-Länder insgesamt deutlich aufeinander zubewegt, die Zinsunterschiede werden zusehends kleiner – obwohl die Kritik an den hohen Schulden und unzureichenden Sparanstrengungen nicht abreißt. In den ersten Monaten des Jahres gab es bei Staatsanleihen der schuldengeplagten Euro-Staaten einen Kaufrausch. Renditehungrige Investoren setzten auf deren vergleichsweise hohe Zinsen.

Viele Beobachter glauben: Vor allem das bedingungslose Rettungsversprechen von EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 sorgte für deutliche Entspannung. Am Markt für Staatsanleihen setzte sich die positive Entwicklungstendenz seit Jahresbeginn deutlich fort. Die Risikoaufschläge für Anleihen der Krisenländer sanken bereits spürbar. Vom einstigen Ramschniveau haben sich Staatsanleihen der Peripherieländer inzwischen ebenfalls deutlich entfernt.

Vor allem portugiesische Staatsanleihen waren im Frühjahr gefragt. Seit Jahresanfang stiegen die Anleihekurse im Schnitt um 14 Prozent, entsprechend sanken die Anleiherenditen. Bei Anleihen Portugals mit zehn Jahren Laufzeit betrug das Kursplus sogar 20 Prozent. Damit sind die Papiere aus Lissabon bislang die Gewinner des Jahres. Aber auch die Kurse der Staatsanleihen aus Spanien, Italien und Irland legten im Schnitt zwischen fünf und sieben Prozent zu.

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