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SdK-Affäre Die Urteile helfen Anlegern wenig

In München sind zwei weitere Männer zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt worden, weil sie Aktienkurse manipuliert haben. Aber ein Teil der Vorwürfe wurde fallengelassen. Für Ermittler ist es schwierig, Fehltritte an der Börse nachzuweisen. Anleger können nicht auf Richter hoffen – sondern müssen sich so weit es geht selber schützen.

Zwei Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe Markus Straub (2.v.r.). Quelle: dpa

Sein Job war es, Aktionäre zu schützen. Das hat der ehemalige Vizechef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Markus Straub, auch getan, als er Anleger vor einem Kurssturz des Motorenbauers Thielert warnte. Was er nicht sagte, wohl aber hätte besser sagen müssen: Er, Straub, wettete selber auf fallende Kurse, als er Anlegern zum Verkauf der Aktie riet. Von jeder verkauften Aktie konnte Straub also profitieren. Dass er später Recht behielt, das Unternehmen Insolvenz anmeldete, zählt heute nicht mehr. Straub wurde am Dienstag wegen Marktmanipulation zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Außerdem verdonnerte ihn das Landgericht München zu einer Geldstrafe von 36.000 Euro, Wertersatz in Höhe von 60.000 Euro muss er zusätzlich leisten.

Der mitangeklagte Herausgeber von Börsenbriefen und Finanzinvestor, Tobias Bosler, wurde zu drei Jahren Haft, 27.000 Euro Geldstrafe und 100.000 Euro Wertersatz verurteilt. Die beiden Männer standen seit zwei Monaten vor Gericht, weil sie Aktienkurse gezielt beeinflusst haben, um selber daran zu verdienen. Ihre Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Vor Gericht hatten beide Männer aber ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Zweites Verfahren 

Nach 18 Monaten Untersuchungshaft sind beide wieder auf freiem Fuß. Für Straub, so seine Anwältin Simone Kämpfer, sei die Sache damit abgeschlossen. Man habe sich so geeinigt, dass Straub zwei Drittel seiner Strafe abgesessen habe und der Rest zur Bewährung ausgesetzt sei. Ein weiteres Verfahren werde es für ihren Mandanten nicht geben.

Anders könnte die Sache für Bosler aussehen. Er befindet sich zwar auf freiem Fuß, der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben, sagte sein Anwalt Christian Pelz. Allerdings werde die Strafvollstreckungskammer „zu einem späteren Zeitpunkt“ darüber entscheiden, „ob, wann und wie Herr Bosler den verbleibenden Strafrest verbüßen muss“. 

Da Bosler eine sogenannte Halbstrafe bekommen hat, wäre es theoretisch denkbar, dass auch er auf freiem Fuß bleibt. Allerdings haben die Ermittler bereits ein zweites Verfahren angestoßen. Ende Februar durchsuchten die Fahnder 53 Objekte in Deutschland. Ins Visier genommen hatten sie Herausgeber von Börsenbriefen, Anleger, Berater und mindestens eine Bank. Die Operation war international: Außerhalb Deutschlands wurden 33 Objekte durchsucht, unter anderem in Großbritannien. Die Ermittler sicherten Mailverkehr, nahmen Handys, Festplatten und Unterlagen zu Kaufempfehlungen für Aktien mit.

Dieser zweite Fall steht in engem Zusammenhang mit dem Verfahren der Staatsanwaltschaft München, in dem nun die beiden Männer verurteilt worden sind. Bereits zuvor waren in diesem ersten Verfahren rechtskräftige Urteile gegen drei weitere Mitglieder der mutmaßlichen Clique aus Aktionärsvertretern und Finanzautoren ergangen. Die Beschuldigten sollen sich in den meisten Fällen zunächst mit Aktien eingedeckt, dann durch Empfehlungen Kurse in die Höhe getrieben und eigene Papiere überteuert an jene Anleger verkauft haben, bei denen sie zuvor die Werbetrommel gerührt hatten. Vor ihrer Verurteilung sollen sie ausgepackt haben und so eine zweite Ermittlungswelle angestoßen haben.

Größeres Verfahren

Der frühere Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Markus Straub Quelle: dapd

Allerdings sei das neue Ermittlungsverfahren, so die Münchner Staatsanwaltschaft, größer als das erste, und es gebe zudem viel mehr Beschuldigte. Es geht wieder um mögliche Marktmanipulation, Untreue und Betrug. Nach Informationen der WirtschaftsWoche sind mindestens neun Aktien betroffen, darunter Curcas Oil, Bar.Bra Mining, Autev, West Africa Mining und Afrika Gold.

Beim aktuellen Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gibt es offenbar einige Schnittstellen zu Akteuren des ersten Verfahrens. Bosler soll auch eine der im neuen Verfahren untersuchten Aktie mit gepusht haben. Sein Anwalt teilte dazu mit: „Wenn das Urteil rechtskräftig wird, werden alle derzeit noch anhängigen Verfahren gegen Herrn Bosler eingestellt, auch das neue Ermittlungsverfahren, in welchem Herr Bosler ohnehin lediglich eine winzige Nebenrolle gespielt hat.“

Wie viele der Vorwürfe am Ende übrig bleiben, bleibt also abzuwarten. Schon im ersten Verfahren mussten die Ankläger Vorwürfe fallenlassen. So musste sich Straub nicht mehr wegen Insiderhandel vor Gericht verantworten. Für Ermittler ist es eben schwierig, Fehltritte an der Börse nachzuweisen. Gehandelt wird in Sekunden, die akribische Aufarbeitung verdienstvoller Finanzaufseher und Strafverfolger aber dauert Jahre. Zu groß sind die Handelsdatenmengen zu Aktienorders oder Handelspartnern. Kommen Konstrukte im Ausland hinzu, dauert es Jahre, jede Information zu beschaffen.

Das Geld hat ein anderer

Für Anleger bleibt da nur die Erkenntnis, dass ihnen am Ende wohl kaum ein Richter ihr Geld zurückbringt. Wer an der Börse handelt, kann einfache Grundsätze befolgen: Niemand wird einem ungefragt per Postsendung oder Spam-Fax wirklich heiße Aktientipps gratis geben. So sollen in diesen Wochen mal wieder freie Autoren angerufen worden sein: Windige Geschäftemacher suchen Schreiber für Studien. 600 Euro wollen sie zahlen - pro Seite. Die ‚Informationen‘ liefern sie frei Haus. Bei 20 bis 30 Seiten verdient ein freier Autor so schnell fünfstellig. Bezahlt wird oft auch in Aktien des Unternehmens, über das sie schreiben.

Wer sich bei der Geldanlage also nur auf eine Quelle oder einen Berater verlässt, ist verlassen. Das Geld ist halt nie weg, es hat dann am Ende immer nur ein anderer.

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