Selbstversuch mit Musterdepot Wie Fincraft mir den japanischen Aktienmarkt schmackhaft machte

Quelle: Privat

Mit einem Musterdepot können Börseneinsteiger üben und ohne Risiko die Aufs und Abs des Marktes durchspielen. Unsere Autorin hat sich von Fincraft eines zusammenstellen lassen. Ergebnis: auf jeden Fall kein Standarddepot.

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Viele junge Anleger haben noch nie eine Bankfiliale von innen gesehen. Statt sich von provisionsorientierten Beratern Aktien oder Fonds aufschwatzen zu lassen, informieren sie sich lieber in Onlineforen oder per YouTube, wie sie ihr Geld anlegen – auch wenn dort viele unseriöse Tipps zirkulieren. Diese Beratungslücke will das Bad Homburger Start-up Fincraft schließen. „Junge und durchaus auch erfahrene Anleger machen an der Börse bisher zu häufig Verluste“, sagt Vorstand Marcus Weinrich.

Tatsächlich hat eine DIW-Studie im Auftrag des Neobrokers Trade Republic ergeben, dass immerhin fast vierzig Prozent der Nutzer eines Smartphone-Brokers in den ersten Monaten ihres Investments keine positive Rendite erzielen – und das, obwohl die Umfrage 2021 erstellt wurde, also noch zu Börsen-Boomzeiten. Mehr Beratung, so Weinrich, könne hier Abhilfe schaffen. Fincraft, so die Einschätzung des Vorstands, schließe hier eine Marktlücke.

Anhand von Musterdepots können Anleger im Browser oder per App Investments simulieren und Strategien testen. Im Unterschied zu anderen Musterdepots legen sich die Nutzer nicht ausschließlich nach eigenem Gusto Wertpapiere ins Depot. Fincraft liefert eine Einschätzung dazu, welcher Anlegertyp man ist, und bietet dann die passende Depotzusammenstellung.


von Philipp Frohn, Julia Groth, Niklas Hoyer, Saskia Littmann


Noch ist das Angebot kostenlos. Künftig will Fincraft mehrere Abomodelle gegen ein monatliches Entgelt anbieten. Gegenüber der Standardversion bieten diese dann zusätzliche Funktionen.
Kann mir Fincraft Denkanstöße für meine Geldanlage geben? Ich probiere es aus. Zunächst will das Programm herausfinden, welcher „Archetyp“ ich in Sachen Geld bin. Wie viel Risiko gehe ich ein, welchen Zweck verfolge ich mit meinem Investment? Ich wähle den Mittelweg: Ein bisschen Risiko darf schon sein, es müssen nicht nur breit gestreute Indexfonds (ETFs) ins Depot. Auch etwas Vorwissen bringe ich mit. Fincraft stuft mich deshalb als „Vermittler“ ein: Mir dient die Börse als ein Werkzeug, langfristig Vermögen aufzubauen. Alternativ hätte ich zum Beispiel „Rockstar“ werden können, sprühend vor mutigen Investmentideen. Oder „Verteidiger“, wenn Sicherheit für mich oberste Priorität hätte. Ich beschließe, dass der „Vermittler“ vorerst gut passt.

Keine 08/15-Aktien

Ich starte mit fiktiv investierten 10.000 Euro. Als nächstes sagt mir das Programm, wie ich diese aufteilen könnte. Immerhin 51 Prozent des Geldes sollen in einzelnen Aktien landen, der Rest in Aktien- und Anleihe-ETFs. Für ein moderates Risikoprofil finde ich die Aktienquote recht sportlich. Aber gut, ich lasse mir ein Musterdepot von Fincraft zusammenstellen. Überraschung: Statt Standardwerten wie Apple, Siemens und Microsoft landen diverse Exoten in meinem fiktiven Depot. Zum Beispiel der japanische Elektronikkonzern Taiyo Yuden. Das Unternehmen stellt unter anderem CD-Rohlinge her. Außerdem finde ich Aktien des norwegischen Mischkonzerns Orkla und des deutschen Werkzeugherstellers Einhell. Zusätzlich finden sich in meinem „Vermittler“-Depot unter anderem ein ETF für Schwellenländer-Aktien, einer für Hochzinsanleihen aus Schwellenländern und zwei MSCI Multifaktor-ETFs, für die Welt und Europa. Eine bunte Mischung, die ich mir selber ziemlich sicher so nicht zusammengestellt hatte.


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Ein Anruf bei Fincraft-Vorstand Weinrich. Er erklärt mir, man habe ein Scoring-Modell entwickelt, das das Risiko- und Renditepotenzial von Wertpapieren bewerte und sie den unterschiedlichen Anlegertypen zuteile. Das ergibt eben, dass Aktien wie Tesla oder Coca-Cola nicht zu meinem Vermittler-Profil passen.

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Wie dem auch sei: Es ist keine ideale Zeit, um ein Portfolio zu testen – zumindest nicht, wenn es am Anfang gern ein Erfolgserlebnis geben darf. Meine Aktien werden von der aktuellen Marktschwäche voll erwischt. Mein Portfolio liegt nach einer Woche mehr als zwei Prozent im Minus; der Dax hat in der gleichen Zeit deutlich weniger verloren.

Gut, dass Fincraft das sogenannte „Backtesting“ anbietet, einen Blick in die Vergangenheit. So sehe ich, dass ich mit meiner Taiyo-Yuden-Aktie 85 Prozent im Plus liegen würde, wenn ich sie vor drei Jahren gekauft hätte. Mit dem gesamten Depot wären es rund 44 Prozent gewesen. Scheint also doch nicht so schlecht zu sein, die Auswahl. Nutzer lernen durch das Rückblick-Feature, dass es sich an der Börse lohnt, geduldig zu sein. Ich beschließe deshalb, meine Depotwerte weiter im Auge zu behalten – vielleicht kann ich bald günstig investieren. Wenigstens als Ideengeber ist Fincraft beim Musterdepot also unschlagbar. Niemals sonst wäre mein Blick so schnell auf den japanischen Aktienmarkt gelenkt worden.

Apropos günstig investieren: Bald will Fincraft nachrüsten, und zusammen mit der Baader Bank ein eigenes Depot anbieten. Dort könnte ich meine Taiyo-Yuden-Aktie und den Rest des Portfolios dann direkt einbuchen. Spätestens bis Ende des Jahres will Fincraft das anbieten. Bucht ein Nutzer seine Aktien aus dem Fincraft-Depot in das reale Pendant bei der Baader Bank, fließt dafür eine Provision an das Fintech. Dies, erklärt Weinrich, sei neben den verschiedenen Abo-Modellen Teil des Geschäftsmodells. Zudem verhandelt das Bad Homburger Unternehmen mit möglichen Partnern über sogenannte White-Label-Angebote, bei denen andere Unternehmen die Plattform und die Technik hinter Fincraft für ihre eigenen Services nutzen könnten.

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Mein Fazit: Fincraft ist ein gutes Tool, um ohne Risiko die Börse kennenzulernen und Anlagestrategien zu vergleichen, auch wenn die Aktienauswahl etwas ausgefallen wirkt. Im Unterschied zu anderen Musterdepot-Anbietern schlägt Fincraft Strategien und konkrete Wertpapiere vor.


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