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Silicon Valley „Die Tech-Branche schlägt sich besser als erwartet“

Digitales Investment: Eine Hand füllt Münzen in ein Tech-Sparschwein Quelle: imago images

Immer mehr Unternehmen drängen an die Börse, vor allem in den USA. Ein erfahrener Wagnisfinanzierer erklärt, warum – und was Corona weniger verheerend als die Dotcom-Blase oder die Finanzkrise macht.

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Anurag Chandra ist Partner beim US-Wagniskapitalunternehmen Fort Ross Ventures. Er ist seit über zwanzig Jahren in der Tech-Branche aktiv, als Unternehmer wie auch Finanzierer, mit rund zwei Milliarden Dollar an investiertem Kapital. Chandra sitzt in mehreren Aufsichtsräten von Start-ups und ist Treuhänder der Pensionskasse der städtischen Angestellten der Silicon-Valley-Metropole San Jose.

WirtschaftsWoche: Mr. Chandra, Sie haben in Ihren über zwanzig Jahren als Unternehmer und Wagnisfinanzierer im Silicon Valley schon so manche Krise mitgemacht. Rein aus Investorensicht: ist Covid-19 bislang die schlimmste?
Anurag Chandra: Verglichen mit dem Platzen der Dotcom-Blase 2000 und der Finanzkrise von 2008 ist sie weniger schlimm. Ich vergleiche das gern mit einem Bild eines Hauses. Ende der Neunzigerjahre wuchs der Wert des Hauses ständig, es wurde deswegen immer mehr investiert. Quasi über Nacht war das Haus, das angeblich gerade noch zehn Millionen Dollar wert war, nur noch auf eine Million Dollar geschätzt. Investoren mussten entweder alles schnell verkaufen und Verluste verschmerzen, oder auf bessere Zeiten warten, was viele auch getan haben. Allerdings dauerte es zwei Jahre, um wieder auf den Stand von 2000 zu kommen.

Und wie erging es „dem Haus“ in der Finanzkrise von 2008?
Mit der Krise der Bankenbranche, dem Lebensblut wirtschaftlicher Aktivität, wurde quasi das Fundament erschüttert. Die Zentralbanken mussten sich bemühen, dass die fünf Etagen des Hauses nicht einstürzten. Unternehmen, ihre Kunden und Investoren, alle mussten leiden. Eine Ausnahme waren Start-ups, die gerade Kapital in einer frühen Runde eingesammelt hatten. Sie konnten in Ruhe ihr Produkt entwickeln und langsamer vorgehen. Weil die Chance, dass ein Wettbewerber in der Situation frisches Geld bekommen würde, gering war.

Und mit Covid-19?
Das Haus steht, das Fundament ist okay. Aber in einigen Zimmern tobt Feuer, beispielsweise in der Reisebranche. Die Aufgabe ist, das Übergreifen auf andere Räume zu vermeiden. Daran arbeiten die Zentralbanken mit Hochdruck.

In welchem dieser Zimmer möchte man sich derzeit als Investor aufhalten?
Die Tech-Branche schlägt sich besser als erwartet. Es ist eine verwirrende Situation momentan. Die USA stehen vor einer zweiten Coronawelle, aber die Aktienmärkte boomen. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass man momentan nur mit Aktien richtig Geld machen kann. Von Managern von institutionellen Fonds höre ich, dass ihre Investoren den Bargeldanteil erhöht haben, aber nicht dramatisch, von zehn auf vielleicht 20 Prozent. Von dem Rest geht viel in Aktien.

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    Ist das der Grund, warum die Tech-Börsengänge momentan anziehen?
    Ja. Sandy Robertson, einer der Gründer des Vermögensverwalters Robertson Stephens in San Francisco, pflegte zu sagen, dass gute Unternehmen in jeder Situation an die Börse gehen können. Das stimmt. Allerdings trifft das derzeit auch auf weniger gute Unternehmen zu. Ich will keine Namen nennen, aber einige der jüngsten IPOs waren durchschnittliche Unternehmen. In spätestens zwei Jahren wird man das auch sehen. Es gibt eine Menge Anreize, in Tech-Aktien zu investieren. Man will in Aktien, die in der Lage sind, Wachstum zu generieren. Tech kann das.

    Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Kunden der Tech-Unternehmen zwar deren Produkte und Dienstleistungen benötigen, sie sich diese derzeit aber nicht leisten können?
    Das habe ich vor drei Monaten auch gedacht. Wir haben unsere Portfolio-Unternehmen aufgefordert, die nötigen Anpassungen zu machen und Ausgaben zu senken, um die sogenannte burn rate herunterzubringen. Darunter war auch ein Unternehmen aus der Reisebranche. Das hat seine Pläne nach unten korrigiert, aber seitdem die dort gesetzten Ziele stetig überboten. Es gibt also mehr ökonomische Aktivität als wir vorhergesehen haben, selbst in problematischen Sektoren. Die Unternehmen, die derzeit an die Börse gehen, können die nötigen Wachstumsraten vorweisen. Selbst wenn sie im zweiten Halbjahr etwas stolpern sollten, haben sie zumindest eine gute Kriegskasse. Ich denke, das ist auch einer der Gründe fürs derzeitige Anziehen der Börsengänge.

    Die Meinung, ob Unternehmen beim Börsengang profitabel sein müssen, schwankt. Wie ist momentan das Urteil?
    Wachstum spielt die größte Rolle. In meinen zwanzig Jahren in der Branche wurde eigentlich alles toleriert, was innerhalb von zwei Jahren Profit versprach. Es gibt Untersuchungen von Goldman Sachs, die bis in die frühen Achtzigerjahre die Marktbedingungen analysiert haben. Ein Resultat war, dass die Wachstumsraten am wichtigsten dafür waren, wie sich eine Aktie entwickelte.

    Wie sieht es während der Covid-19-Pandemie bei Käufen, Übernahmen und Fusionen aus?
    Da tut sich sehr viel. Vor allem weil viele börsennotierte Unternehmen ihre hohe Bewertung nutzen, um auf Einkaufstour zu gehen, um Lücken zu füllen. Wie beispielsweise bei den Lieferdiensten die Übernahme von Grubhub. Microsoft hat gerade das israelische Cybersecurity-Unternehmen CyberX gekauft, Mastercard den Finanzdaten-Dienstleister Finicity. Dazu kommen die superniedrigen Zinsen und der gegenwärtige Trend, über Mantelgesellschaften Kapital einzusammeln und für eine oder mehrere Übernahmen zu verwenden. Wir werden besonders in Europa sehen, dass Finanzbeteiligungsunternehmen dort interessante Unternehmen aufkaufen werden.

    Sind die Bewertungen für Silicon-Valley-Start-ups, wie im März von Gründern befürchtet, gesunken? Anders gefragt: Können Sie als Wagnisfinanzierer günstiger investieren?
    Wir sehen alles quer durch die Bank. Wir hatten einige Start-ups, die gleich zu Gesprächsbeginn angeboten haben, sich mit einer Runde ohne höhere Bewertung zufrieden zu geben. Und andere, die sich vor Angeboten nicht retten konnten. Ein Unternehmen etwa, welches das Arbeiten aus der Ferne ermöglicht. Vor Covid-19 war es für sie schwer, auch weil das Produkt komplex war. Nun gibt es jede Menge Interesse. Vor allem sind aber auch Start-ups dabei, bei denen ganz klar ist, dass sie zwar wegen Corona Probleme haben, diese also nicht selbst verschuldet sind. Das Produkt ist weiterhin gut, ebenso das Team. Die sind interessant für Investoren, wenn man darauf setzt, dass diese nach Covid-19 wieder prosperieren werden.

    Welchen Einfluss hat die anstehende US-Präsidentschaftswahl auf die Aktienmärkte?
    Die ist bereits eingepreist. Wäre die Wahl heute, würde anhand der Wettbörsen wohl Joe Biden eindeutig gewinnen. Die große Frage ist, wie sich das auf die China-Politik auswirkt. Aber es sind noch vier Monate hin und in der Politik ist das eine Ewigkeit, da kann noch viel passieren. Aber es herrscht wohl Einigkeit, dass die Zentralbanken die Zinsen unabhängig vom Ausgang niedrig halten werden. Weil sie entschieden haben, dass die Inflation entweder nie passieren wird oder erst dann, wenn die Verantwortlichen längst tot sind.

    Werden die Rufe nach einer Aufspaltung der Tech-Branche nach der Wahl weitergehen?
    Ja. Weil sowohl die Republikaner als auch die Demokraten sich an der Macht der Tech-Branche reiben. Wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Die Politiker werden in der nächsten Legislaturperiode untereinander einen Kompromiss finden. Aber es ist schwer zu sagen, wie dieser aussehen wird.

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