Sophie Neuendorf Kunst in unsicheren Zeiten? „Eine relativ sichere Anlage“

Sophie Neuendorf ist Vizepräsidentin und Miteigentümerin von Artnet.

Kunst wird zunehmend zur Anlageklasse, auch dank des Handels mit digitalen Anteilen. Sophie Neuendorf, Miteigentümerin von Artnet, einer börsennotierten Internethandelsplattform, sieht darin sogar einen Inflationsschutz.

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WirtschaftsWoche: Frau Neuendorf, Sie sagen, Kunst sei ein Inflationsschutz. Warum nicht Gold, Rohstoffe oder ausgewählte Aktien?
Sophie Neuendorf: Wir haben das untersucht. Für Blue Chips...

... also hochpreisige Werke international bekannter und etablierter Künstler...
...ist die Nachfrage eigentlich immer hoch. Die halten ihren Wert gut, vor allem, wenn man sie länger hält. In Zeiten von Inflation ist das eine recht sichere Anlage. Auf lange Sicht sind sie sogar noch besser gelaufen als Gold oder der US-Aktienindex S&P 500.

Aber Gold und Aktien kann ich bei Bedarf schneller verkaufen.
Es mag erstaunen, aber man kann auch diese Blue Chips gut weiterverkaufen. Die sind recht liquide.

Für einen Picasso oder Richter muss man aber schon das nötige Budget haben.
Das behaupte ich mal. Es sind dann schon Kunden, die etwas mehr auf dem Konto haben und die Inflation nicht so spüren im alltäglichen Leben. Dieser hochpreisige Markt aber wird immer bestehen bleiben. 

Inzwischen lassen sich über digitale Eigentumszertifikate, sogenannte NFTs, auch Anteile an Kunstwerken kaufen. Was halten Sie davon?
Natürlich hab ich lieber ein Bild an der Wand als nur einen Anteil daran auf einer Wallet. Aber es gibt auch Vorteile: Anteile an Bildern sind schneller und einfacher zu handeln als traditionelle Kunst. Jetzt, wo Kunst sich immer mehr zu einer Anlageklasse entwickelt, sind spekulative Produkte eine relativ natürliche Weiterentwicklung. Ein Token von einem Kunstwerk zu erwerben, ähnlich wie den Kauf einer Aktie, finde ich nicht abwegig.

Zur Person

Wie sind die Chancen von Auflagenkunst, die auch für kleinere Geldbeutel erschwinglich ist?
Der Markt für Auflagenkunst ist da volatiler. Da kann man kaufen, aber man sollte nicht gleich einen großen Gewinn erwarten. Der Markt für Jeff Koons zum Beispiel, der leidet gerade. Er hatte sehr hohe Auflagen. Aber Vorlieben ändern sich, der Zeitgeist und der Geschmack ändern sich. Die Leute wollen das kitschige Zeug von ihm nicht mehr. Sie wollen sich mit anderen Themen auseinandersetzen. Grundsätzlich sollte man ein Kunstwerk sowieso nur kaufen, weil man das Kunstwerk und den Künstler schätzt. Dann geht man zumindest sicher, auch wenn man sich in der Marktentwicklung vielleicht verschätzt hat, dass es einem gefällt.

Ein Bild sollte man sich also nur kaufen, wenn man es auch an die eigene Wand hängen würde und nicht nur ins Lager stellt, um auf seine Wertsteigerung zu spekulieren. Kunst muss gefallen?
Ja, so ist es. Das macht den Unterschied von Kunst aus. 

Trotzdem: Um den Marktwert zu erkennen, braucht der potenzielle Käufer Transparenz. Sie bieten diese Daten an.
Wir, beziehungsweise mein Vater, der das Unternehmen aufgebaut hat, hat damit angefangen, schon vor der Erfindung des Internets, per Fax. Unsere Datenbank ist unser Kernprodukt.

Der Kunstmarkt hat die Digitalisierung lange ignoriert. Corona hat das geändert, etwa bei Onlineauktionen. Sie hätten da ja eigentlich durchstarten müssen. Warum ist das nicht passiert?
Als wir damals in den 1990er-Jahren an die Börse gegangen sind, gab es gleich darauf einen Crash. Wir haben in der ganzen Zeit aber kein Geld aufgenommen. Wir haben die ganzen Gewinne in die Produktentwicklung gesteckt. Wir haben Onlineauktionen schon vor 2008 eingeführt. Da sind wir heute weltweit die Nummer vier hinter den drei großen Auktionshäusern. Vielleicht waren wir manchmal zu früh. Die Ersten zu sein, ist oft schwierig. Dass wir noch da sind, ist sowieso ein Wunder. Mein Vater hat viel in die Firma gesteckt, aus seinem persönlichen Vermögen. Wir haben jetzt viele Nachahmer, aber das ist doch eher ein Kompliment. 

Nach dem Nachmachen kommt oft das Plattmachen – oder die Übernahme.
Wir waren in Gesprächen, mit Auktionshäusern und anderen Wettbewerbern. Das haben wir nicht gemacht bisher. Aber eine Konsolidierung wird gewiss kommen. Daten sind das Kapital, auch im Kunstmarkt.

Wäre für Ihre Familie ein Verkauf denkbar?
Nein. Da ist zu viel Herzblut dabei, deshalb bestehen wir noch.

Wie weit sind sie in Sachen Künstlicher Intelligenz (KI)?
Da investieren wir gerade ordentlich. Da liegt unser Fokus drauf. 

Daten können Sie von jedem Platz auf der Welt sammeln und einpflegen. Ihr Hauptsitz aber ist in New York, im Woolworth Building. Das ist nicht die preiswerteste Adresse. Warum gehen Sie nicht aufs Land?
Der Puls der Kunstwelt schlägt halt immer noch in New York. Da wollen wir sein. Aber klar, gerade während der Pandemie, wo viele unserer 120 Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, geht es eigentlich auch eine Nummer kleiner. Aber das geht auch durch einen Umzug innerhalb von New York in einen anderen Stadtteil. Das erwägen wir.

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Russland zählt nicht zu den wichtigsten Kunstmärkten. Das sind die USA, China, UK und Frankreich. So gesehen ist die Auswirkung begrenzt. Aber klar, viele russische Sammler sind nun von Sanktionen betroffen. Und das Auktionshaus Phillips ist jetzt natürlich in Schwierigkeiten. Weil die Weltkonjunktur durch den Krieg geschwächt wird, hat das natürlich Auswirkungen auf den Kunstmarkt. Andererseits könnte Kunst als relativ sichere Anlage in unsicheren Zeiten mittelfristig auch profitieren. Zumal die Inflation ja vermutlich bleibt.

Was passiert mit den Kunstwerken, die bei russischen Oligarchen beschlagnahmt werden?
Soweit ich weiß, werden sie in einem Lager verstaut, bis sich die rechtliche und politische Lage geklärt hat. Es wird wohl eine Entscheidung der Politiker sein. 

Und was passierte, wenn plötzlich auch chinesische Käufer auf Sanktionslisten landeten? Noch sind die eine wichtige Käufergruppe und damit auch Preisstütze.
Das würde sich am Kunstmarkt auf jeden Fall bemerkbar machen. China ist ein sehr wichtiger Markt, der zweitgrößte hinter den USA. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das in nächster Zeit passiert. 

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