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Stelter strategisch

Am Börsengipfel wird die Luft dünn

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Wachsende Staatsschulden, die Zinsen nahe null und die Börsenkurse klettern scheinbar endlos. Anlagestratege Daniel Stelter blickt in seiner neuen Kolumne hinter die Kulissen der Kapitalmärkte - und warnt vor der Wende.

Finanzmarktexperte Daniel Stelter schreibt jede Woche die Kolumne

In seinem neuesten Investorenbrief verglich Bondguru Bill Gross die Lage an den Finanzmärkten mit dem Ersteigen eines hohen Berges. Er und andere Investmentlegenden hätten in den vergangen Jahrzehnten den Aufstieg der Finanzmärkte begleitet. Eine schöne Wanderung!

Anfang der 1980er Jahre stand der Dow Jones Index bei nicht mal 1000 Punkten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis lag deutlich unter zehn. US-Staatsanleihen erbrachten derweil Renditen von über zehn Prozent pro Jahr. Die Kapitalmärkte und die Banken waren streng reguliert. Hohe Eigenkapitalquoten waren die Norm, viele Geschäfte nicht erlaubt und oft noch nicht einmal erfunden.

Was dann begann, war nichts anderes als der Siegeszug des Finanzkapitalismus. Banken und Finanzgeschäfte wurden dereguliert. Der Markeintritt von China und Osteuropa nach dem Kollaps des Kommunismus führte zu weltweitem Lohndruck und tiefer Inflation. Die Generation der Babyboomer begann, für das Alter zu sparen. Anleihen starteten einen jahrzehntelangen Bullenmarkt. Trotz gelegentlicher Korrekturen kannten die Zinsen nur eine Richtung: immer tiefer.

Zur Person

Vermögenswerte aller Art, vor allem Aktien und Immobilien, profitierten massiv von dieser Entwicklung, gilt doch die Faustregel, je tiefer der Zins, desto mehr kann man für einen Vermögenswert bezahlen. Egal wie man sein Geld damals investierte, man verfügt heute - allen zwischenzeitlichen Blasen und Crashs zum Trotz - über deutlich mehr Vermögen als vor 35 Jahren.

Gerade die zwischenzeitlichen Krisen ermöglichten es den Profis ihre Erträge noch weiter zu steigern. Der Börsenkrach von 1987? Schon 1988 vergessen. Die Schieflage des Hedgefonds LTCM? Ärgerlicher Anfängerfehler. Russland- und Asienkrise? Eine kurze Unterbrechung. Internetblase? Hätte schiefgehen können, aber die Notenbanken waren zur Stelle. Wer zugriff, wenn andere Angst hatten, vervielfachte seinen Einsatz.

35 Jahre galt "Make Money"

Und jene, die es wie Bill Gross besonders schlau anstellten und den eigenen Ertrag durch die Aufnahme von Schulden steigerten ("Leverage"), wurden sogar zum Milliardär. Kein Wunder, dass jeder vierte der 400 reichsten Amerikaner mit "Investments", also der Anlage von Geld an den Kapitalmärkten, vermögend geworden ist.

Geld verdient man im Finanzsektor, nicht durch die mühsame Arbeit in der Realwirtschaft, war die Erkenntnis der Jahrzehnte. Der Bestseller Liars Poker von Michael Lewis deckte schonungslos den Egoismus und die Skrupellosigkeit der Wall Street auf – und machte sie für eine ganze Generation junger Talente nur umso attraktiver. Make Money war das Gebot der Stunde.

Die Realwirtschaft profitierte zunächst von diesen Entwicklungen. Das Wirtschaftswachstum sprang an. Unternehmen und Private kamen leichter an Kredite für Investitionen und Konsum. Die Rechnung der Politik schien aufzugehen. Freie Finanzmärkte als Wohlstandsmaschinerie für den Westen. Für die Lobbyisten der Banken ein gefundenes Fressen. Immer mehr Regulierungen wurden aufgeweicht. War es doch gut für die Wirtschaft – und das eigene Portemonnaie!

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