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Stelter strategisch

Anlegen, wenn der Staat mitmischt

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Politiker und Notenbanker wollen die finanzielle Eiszeit nicht akzeptieren. Die letztlich vergeblichen Versuche diese zu überwinden, bieten nicht nur Risiken, sondern zugleich Chancen für Investoren.

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Container Quelle: dpa

Die Weltwirtschaft dürfte in diesem Jahr um 3,1 Prozent wachsen, deutlich weniger als in den Jahren vor der Finanzkrise und nur wenig mehr als die 2,5 Prozent, die als Rezession definiert werden. Ohne China, welches in diesem Jahr wohl um 6,7 Prozent wächst,  läge das Wachstum der Weltwirtschaft um 1,2 Prozentpunkte tiefer. Die USA leisten mit 2,2 Prozent Wachstum nur einen Beitrag von 0,3 Prozentpunkten zum weltweiten Wachstum, die Sorgenkinder Europa (0,2 Prozentpunkte) und Japan (0,1) noch weniger.

Es sollte niemanden wundern, dass die Wachstumsraten der Weltwirtschaft so gering sind. Zum einen haben wir es immer noch mit den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu tun, deren Ursachen keineswegs bereinigt wurden. Im Gegenteil: die Schulden sind weltweit auf einen neuen Rekord von 152 Billionen US-Dollar gewachsen. Jeder Versuch, das Wachstum der Schulden zu beschränken, führt unmittelbar zu einer Abschwächung des Wachstums und erhöht die Gefahr einer Rezession. Allein deshalb setzen die Notenbanken der Welt auf dauerhaft tiefe Zinsen, um so wenigstens die Schuldenlast gering zu halten.

Die Ursachen für das schwache Wachstum gehen aber noch tiefer. Es ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass Schulden nur vorgezogener Konsum sind, der nun als Nachfrage fehlt. Es liegt auch nicht an den von Larry Summers und anderen Volkswirten kritisierten „Ersparnisüberhängen“, die nichts anderes sind als das Spiegelbild der Überschuldung. Es liegt vielmehr – ganz banal – an den fundamentalen Faktoren, die für das Wachstum einer Wirtschaft verantwortlich sind. An der Demografie und an den Produktivitätsfortschritten.

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Erwerbsbevölkerung sinkt und Produktivität wächst kaum

Überall in der westlichen Welt liegen die Wachstumsraten der Erwerbsbevölkerung deutlich unter den Jahren vor 2005. In der EU beispielsweise wuchs die Erwerbsbevölkerung damals noch um rund 0,3 Prozent pro Jahr, heute schrumpft sie um 0,6 Prozent pro Jahr. Alleine diese Veränderung bedeutet – alle anderen Einflussfaktoren unverändert – eine Verringerung des jährlichen Wirtschaftswachstums um einen Prozentpunkt. Da das Wachstum schon zuvor nicht hoch war, fühlt es sich umso schlechter an. So einfach ist das.

Erschwerend kommt hinzu, dass überall – vor allem auch in den USA – die Produktivitätszuwächse gemessen am BIP pro Erwerbstätigen rückläufig sind. Über die Ursachen für dieses Phänomen wird in Fachkreisen heftig gestritten. Während Skeptiker wie Professor Robert Gordon davon ausgehen, dass wir uns auf dauerhaft tiefe Zuwächse einstellen müssen und die vergangenen 200 Jahre nicht die neue Regel, sondern die Ausnahme darstellen, sind andere optimistischer. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich die technologischen Fortschritte auch in den Wachstumszahlen niederschlagen.

Auch ich sehe mehr strukturelle Gründe für den schwachen Produktivitätsfortschritt: den Rückgang der globalen Arbeitsteilung, die Investitionsschwäche, den steigenden Anteil des (weniger produktiven) Dienstleistungssektors und schließlich (politisch gewollte) Wettbewerbshemmnisse. Da muss man schon eine deutliche Trendumkehr annehmen, um zu deutlichen Wachstumsraten für die Wirtschaft zu gelangen. Und selbst wenn wir mit zwei Prozent Produktivitätswachstum rechnen, würde die Wirtschaft in der EU in den kommenden Jahren real nur um 1,4 Prozent pro Jahr wachsen (minus 0,6 plus 2 ergibt 1,4).

Im Klartext heißt dies: wir stehen vor einer anhaltend langen Phase geringen Wachstums. Um in diesem Umfeld die Schulden weiterhin tragbar zu halten, wird den Notenbanken keine andere Wahl bleiben, als die Zinsen dauerhaft tief zu halten. Ein Umfeld geringer Kapitalerträge – wie in der letzten Woche beschrieben – und wohl auch geringer Volatilität, könnte man meinen.

Chancen im Kampf gegen die Eiszeit

Doch so wird es nicht kommen. Eine EU, die dauerhaft stagniert, wird zunehmend unter Druck kommen. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wird weiter zunehmen, weil wir zwar auf hohem Wohlstandsniveau verharren, jedoch keine Zuwächse erzielen. Bekanntlich ist es emotional viel besser, reicher zu werden, als reich zu sein. Erschwerend kommen die Kosten der alternden Gesellschaft hinzu, die erhebliche Verteilungskonflikte mit sich bringen wird.

Um die Bevölkerungen zufrieden zu stellen und die Existenzberechtigung der EU zu sichern, werden die Politiker in Brüssel und in den Nationalstaaten in Kooperation mit der EZB ein breites Arsenal an Maßnahmen umsetzen. Da sie weder die Erwerbsbevölkerung deutlich vergrößern können, noch die Produktivität steigern, dürften es letztlich nur Strohfeuer sein, die temporär die Wirtschaft beleben, bevor diese wieder auf das tiefere Trendwachstum zurückfällt. Was bleiben wird, sind höhere Schulden.

Das sind die skurrilsten Wirtschaftsindikatoren
Die These: Der iPhone Index des japanischen Finanzdienstleisters Nomura vergleicht die Preise für das hochwertige Touchscreen-Telefon in 23 Ländern – und kommt zu so ganz anderen Ergebnissen als herkömmliche Indizes. Ihm zufolge ist der US-Dollar die am meisten unterbewertete Währung weltweit. Der Big-Mac-Index hingegen – der Veteran unter den skurrilen Indizes – kommt zum gegenteiligen Ergebnis. Der Beweis: Steht noch aus, den Index gibt es erst seit 2016. Seine Urheber sind von der Aussagekraft des iPhone-Index jedoch überzeugt. Bilal Hafeez, globaler Chef für Devisen-Analysen bei Nomura in London, sieht den Index deshalb im Vorteil, weil er das „definierende Produkt des digitalen Zeitalters” verwendet.  Quellen: Bloomberg, Business Insider Quelle: dpa
Die These: So ähnlich wie der iPhone-Index dürfte auch das iPad-Barometer des Société-Générale-Währungsstrategen Kit Jutes funktionieren. Der Beweis: Ob der Index tatsächlich seine Arbeit tut, ist nicht nachprüfbar. Den Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge, handelt es sich um Jutes' „persönlichen” Index. Quelle: dpa
Die These: Der Billy-Index berechnet die Kosten für das Ikea-Regal in Weiß mit 202 Zentimetern Höhe, 80 Zentimetern Breite und 28 Zentimetern Tiefe in 48 Ländern. Die Preise werden am 15. Oktober aus dem Katalog für das kommende Jahr ermittelt und auf Basis des durchschnittlichen Wechselkurses der vorherigen 30 Tage in Dollar umgerechnet. Für 2016 liegt der weltweite Durchschnittspreis bei 58,10 Dollar. Am teuersten ist das Billy-Regal mit 101,55 US-Dollar übrigens in Ägypten, am günstigsten in der Slowakei. Dort kostet das Teil gerade einmal 39,35 US-Dollar. Der Beweis: Als Ikea 2014 den Preis für das Regal in der Euro-Zone nicht anhob, wurde das als Indiz für Schwierigkeiten bei der Erholung von der europäischen Staatsschuldenkrise gewertet. In diesem Jahr könnte der starke Preisanstieg für Billy-Regale in den USA möglicherweise als Aufhellung der US-Konjunktur und damit auch der Verbraucherlaune gewertet werden. Das Billy-Regal verteuerte sich für die US-Amerikaner um zehn Dollar und kostet nun 69,99 US-Dollar. Quelle: dpa
Die These: Je kürzer der Rock, desto besser geht es der Wirtschaft. Diese Beobachtung hat der Ökonom George Taylor schon in den 1920-er Jahren gemacht, der die Entwicklung des Aktienindex mit der Rocklänge in Verbindung brachte. Der Beweis: Laut Einzelhandel ist das aber nur ein Mythos. Dennoch bleiben einige Ökonomen der Theorie treu und verweisen auf die langweiligen Rocklängen, die im Zuge der Finanzkrise 2008 in die Läden kamen. Andere befürchten, dass die Maxi-Röcke, die auch im Sommer 2016 modern waren, auf einen neuen Abschwung hindeuten. Quelle: Handelsblatt
Die These: Das Bier zu Hause ist günstiger als das Bier in der Kneipe. Kein Wunder also, dass viele Bierliebhaber, die sparen müssen, auf den Gang in die Kneipe verzichten und sich lieber ein Feierabendbier auf der heimischen Couch gönnen. Der Beweis: In Europa befinden sich 73 Prozent der Arbeitsplätze in der Bierindustrie außerhalb von Brauereien - insbesondere in Bars und Restaurants. Laut Verband der europäischen Brauereien sank zwischen 2008 und 2010 die Beschäftigung in der Bierindustrie um zwölf Prozent. Der Bierkonsum insgesamt sank jedoch nur um acht Prozent und die Beschäftigung in Europa ging nur um zwei Prozent zurück. Quelle: dpa
Die These: Der Index zeigt den Zusammenhang zwischen den Wechselkursen in unterschiedlichen Staaten und den Kosten für einen Big Mac. Wenn der Burger in China 44 Prozent günstiger ist als in den USA, bedeutet dies, dass der Yuan gegenüber dem Dollar 44 Prozent unterbewertet ist. Der Beweis: Das Magazin The Economist veröffentlicht diesen Index jedes Jahr. Das Beispiel China zeigt jedoch, dass der einfache Index noch erweitert werden muss. Denn es ist zu erwarten, dass Waren in solchen Ländern günstiger sind, in denen auch die Kosten niedriger sind. Deshalb vergleichen die Autoren den Dollar-Preis eines Big Mac auf das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner und stellen dabei einen starken Zusammenhang fest. Quelle: dapd
Die These: Das System des Big-Mac-Index wurde 2016 nicht nur auf iPhones, sondern auch auf Hühnchen übertragen. Die Idee setzte das Analystenhaus Sagaci Research um. Gemessen wird die Bewertung einer Währung über eine Kaufkraft-Paritätsanalyse, bei der die Kosten für eine zwölf Teile umfassende Mahlzeit in einem KFC-Restaurant zugrunde gelegt werden. Insgesamt werden die Währungen in 16 afrikanischen Ländern miteinander verglichen. Der Beweis: Noch ist der Index jung, Beweise für die Richtigkeit seiner Einschätzung gibt es nicht. Übrigens: Im Moment (2016) soll der Kwanza, die Währung Angolas, mit 72 Prozent am meisten gegenüber dem Dollar überbewertet sein. Quelle: dpa

Sehr gut zu beobachten war das in den letzten Jahrzehnten in Japan. Im Versuch, die Folgen einer Finanzkrise gepaart mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung zu bekämpfen, hat die Regierung ein Konjunkturprogramm nach dem nächsten aufgelegt, flankiert von einer Bank of Japan, die bereitwillig Geld immer billiger machte. Damit hat sie letztlich die Volatilität an den Märkten erhöht.

Staatliche Interventionen an der Börse nutzen

Volatilität heißt: Es geht auch noch oben! Immer wenn ein Programm angekündigt wird, dürften die entsprechenden Aktien steigen: Finanzierung von Breitbandtechnologie (Telekomfirmen), Straßenbau (Bau), Bildung (Bau und Dienstleister), Sicherheit (Rüstungs- und Sicherheitstechnik), aber auch Bürgergeld/Konsumgutscheine (dauerhafte Konsumgüter) sind denkbare Felder. Ebenfalls dürfte versucht werden, die Banken zu sanieren, zum Beispiel indem die EZB faule Kredite aufkauft. Dies mit dem Ziel, die Kreditvergabe anzukurbeln, was ebenfalls nur temporäre Effekte zeigen wird, da angesichts der fundamental geringen Wachstumsaussichten der Anreiz zu investieren gering ist. Siehe auch hier Japan.

Wer mag, kann diese Interventionszyklen an den Märkten spielen und so versuchen, die sonst mageren Renditen – siehe Kommentar vergangene Woche – aufzubessern. Wird interveniert, steigen die begünstigten Branchen und Zykliker; verpufft der Effekt, werden die Langweiler wieder gefragt.

Losgehen dürfte es demnächst. Zunächst wird den Staaten erlaubt, wieder größere Defizite zu machen. Danach wird die EZB dazu übergehen, laufende Defizite zu finanzieren, perspektivisch auch Schulden zu annullieren. Die Helikopter sind in der Ferne schon zu hören. Wir halten an der langfristigen Strategie fest und spielen nur ein wenig an der Gewichtung zwischen Liquidität und Aktien und mit der Auswahl der Sektoren. Mehr nicht.

Die Tops und Flops seit Januar

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