WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Stelter strategisch

Zeit für die Minimierung des maximalen Risikos

Seite 2/2

Der finale Margin-Call

Und dieser Glaube hängt an den Notenbanken. In der letzten Kolumne vor der Sommerpause habe ich gezeigt, wie sehr sich die Finanzmärkte in einem Paralleluniversum befinden und nur noch auf die Notenbanken setzen. Dabei müssen wir im Hinterkopf haben, dass der Grenznutzen billigen Geldes abnimmt. Jede weitere Dosis hat eine geringere Wirkung als die vorangegangene. Asymptotisch nähern wir uns dem Punkt der Wirkungslosigkeit. In der Realwirtschaft ist dieser Punkt schon lange überschritten. In den Finanzmärkten nur eine Frage der Zeit. Haben all die, die mit Blick auf die Geldpolitik investieren können und wollen, investiert, droht die Umkehr. Der finale Margin-Call für das Finanzsystem, wie ich es nenne.

Das sind die Todsünden bei der Geldanlage
Nicht an später denkenEiner der größten und häufigsten Fehler bei der privaten Geldanlage ist, gar nicht damit anzufangen. Viele Anleger machen sich nämlich keine Gedanken über ihre altersvorsorge und geben Erspartes lieber für andere Dinge aus. Quelle: Fotolia
Jagd nach der RenditeMit einer der größten Fehler von Anlegern ist aber die Jagd nach dem schnellen Geld: Sobald von einer Kursrakete, einem totsicheren Tipp oder sonstigem die Rede ist, stürzen sich Investoren darauf, als gäbe es kein Morgen mehr. Der größte Fehler ist, dass Anleger sich in Produkte oder Anlageklassen verrennen, die sich erst kurzfristig gut entwickelt haben und die langfristige Entwicklung mitunter völlig außer Acht lassen. Deshalb sollten sich Investoren darüber im Klaren sein, dass es kein Geldanlagevehikel gibt, dass sich nur gut entwickelt. Auch nicht, wenn seit Wochen und Monaten überall nur Gutes davon zu hören und zu lesen ist. Selbst Gold kann fallen. Da ist es wenig ratsam, das gesamte Vermögen auf einmal in Gold zu tauschen. Quelle: dpa
Unverständliche Produkte kaufenDas Problem, das Anleger ihr Geld auch in Produkte stecken, die sie nicht so recht verstehen, ist mit der Finanzkrise leider nicht ausgelöscht worden. Gerade Börsenneulinge überschätzen ihre Kenntnisse gerne. Deshalb kann es nicht schaden, die eigene Anlagestrategie von jemandem überprüfen zu lassen. Ob es jetzt ein Finanzberater, Investmentclub oder ein guter Freund ist, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Hauptsache, die Idee wird gründlich durchdacht. Quelle: Fotolia
Kosten übersehenGenauso häufig übersehen Anleger Kosten, beispielsweise Verwaltungsgebühren bei Fonds. Aus Faulheit wird das Kleingedruckte nur überflogen oder die Gesamtkostenquote schlicht übersehen. Nachher ist dann die Überraschung groß, wenn sich das vermeintliche Schnäppchen als überteuerter Fonds entpuppt. Quelle: Fotolia
Der Herde folgenEin bekanntes Phänomen ist der Herdentrieb der Anleger. Derzeit fliehen Investoren massenweise aus Anleihefonds - obwohl es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Es reicht, wenn sich ein Großinvestor oder eine kritische Masse von einem Anlageprodukt abwenden. Schon herrscht die allgemeine Meinung "da stimmt etwas nicht" und die Mehrheit verkauft. Den Anleihefonds hat der Herdentrieb allein seit Juli Mittelabflüsse in Höhe von 11,7 Milliarden Dollar eingebracht. Quelle: dpa
Elitäre ZirkelDas Gegenteil des Herdentriebes ist der Wunsch, einem elitären Zirkel anzugehören. Sobald ein Finanzprodukt strenger limitiert ist, wie es beim Madoffschen Schneeballsystem ebenfalls der Fall war, stürzen sich Investoren darauf, ohne genau hinzusehen, was sie da eigentlich kaufen. Das Bedürfnis, zu einer kleinen Gruppe zu gehören, die unermesslich reich wird, ist zu groß. Quelle: Fotolia
Fehler nicht eingestehenMindestens genauso falsch ist es, sich seine Fehlentscheidungen nicht einzugestehen. Dieses Verhalten lässt sich bei jedem Aktiencrash beobachten: Anleger halten an abstürzenden Papieren fest, in der Hoffnung, der Kurs werde sich doch wieder erholen. Wer eine Aktie für 30 Dollar kauft und dann jahrelang ihren Sinkflug beobachtet und nicht verkauft, kann sich offenbar nicht eingestehen, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Nur wer das erkennt, kann Verluste begrenzen. Quelle: Fotolia

Zu glauben, dieser sei unmöglich, weil die Notenbanken ohnehin alles kaufen, ist meines Erachtens naiv. Vor die Wahl gestellt, die ökonomischen Realitäten anzuerkennen oder die eigene Existenz zu beenden, werden die Notenbanken für die eigene Rettung votieren. Die Tatsache, dass sich die Stimmen aus den Notenbanken mehren, die für mehr Staatsausgaben zur Überwindung der Krise plädieren, ist ein deutliches Signal. Diese können dann gerne in einem letzten Aufgebot mit Helikopter-Geld finanziert werden. Doch das war es dann.

Die große Depression in Zeitlupe, in der wir uns befinden, die Eiszeit, wie ich sie nenne, wird man auch so nicht beenden können. Das überschuldete System kommt so vielleicht noch ein paar Runden weiter, doch dann wird der Knall am Ende nur umso lauter.

Die faulen Schulden müssen aus der Welt und – leider – damit auch die vermeintlich werthaltigen Forderungen. In der Geschichte gab es für diese Vermögens“bereinigung“ drei Wege:

• Die Hyperinflation
• Die faktische Enteignung entweder offen oder über hohe Steuern auf Vermögen und Erbschaften
• Die Zahlungseinstellung der Schuldner mit einer Welle an Bankpleiten

Letzteres haben wir 2009 gerade noch verhindert. Doch ohne das zugrundeliegende Problem zu lösen. Die schleichende Enteignung durch Null- und Negativzins ist der Versuch einen weiteren, vierten, Weg für die Bereinigung der faulen Schulden zu finden. Doch dieser funktioniert nur vordergründig. Zwar verlieren Sparer jedes Jahr Milliarden an Erträgen. Auf der anderen Seite müssen wir Privaten mehr für das Alter zurücklegen, und die Unternehmen die Lücken in ihren Pensionskassen schließen anstatt zu investieren.

Negativzinsen schaden der Realwirtschaft letztlich mehr als sie ihr nutzen. Auch genügen sie nicht, um das Wachstum der Schulden in den Griff zu bekommen. Weltweit, so hat McKinsey vorgerechnet, sind die Schulden seit 2007 um mehr als 55 Billionen US-Dollar gewachsen.

Weil der vierte Weg nicht funktionieren wird, müssen wir uns auf die drei unschönen Alternativen einstellen. Allen drei Wegen der Enteignung ist gemein, dass sie erst im Zuge des nächsten Aufflammens der Krise akut werden. Es muss also erst wieder zu heftigen Einbrüchen an den Märkten kommen, bis die nächsten Schritte kommen und wir klarer sehen, in welche Richtung es geht. Am anfälligsten schauen da in der Tat die Märkte für Unternehmensanleihen und Anleihen (relativ) unsolider Staaten aus, gefolgt von den Aktienbörsen.

Hier schon mal damit zu beginnen, Risiken abzubauen, ist sicherlich keine schlechte Idee. Noch scheint es immer weiter nach oben zu gehen, doch der Herbst ist traditionell volatiler. Unsere Allokation in Gold halten wir durch, bei Goldminen hingegen bietet es sich nach einem sehr guten Jahr hier und da an, Gewinne mitzunehmen. Ein paar taktische Vorkehrungen in dem großen Spiel um den Vermögenserhalt, welches in eine weitere Runde geht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%